„Die Spender sind erstaunlich offen“

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Tiefgekühlte Samenproben: Eine medizinisch-technische Assistentin lagert sie im Kühldepot bei -170 Grad Celsius ein.

Constanze Bleichrodt ist Psychologin und Geschäftsführerin der Cryobank München, eines Kinderwunschzentrums, das sich auf anonyme Samenspende spezialisiert hat. Ein Gespräch über die Grenzen dieser Anonymität.

-Frau Bleichrodt, was sagen Sie zu dem Urteil?

Ein Recht auf Auskunft über den biologischen Vater ist grundsätzlich wichtig. Aber: Wenn Kinder bereits in der Pubertät nach dem Samenspender suchen, dann halte ich das für schwierig.

-Wieso?

Weil sie das eventuell aus falschen Beweggründen tun. Etwa dann, wenn sie Streit oder größere Probleme mit ihren Eltern haben – was aber in dieser Entwicklungsphase nichts Ungewöhnliches ist. Und das könnte auch für die Eltern sehr verletzend sein und sich auf die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig auswirken.

-Wissen die Eltern denn Näheres vom Spender?

Nein, sie wissen nicht viel. Blutgruppe, Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, Statur, ob der Spender sportlich oder musikalisch ist oder ob er studiert hat. Das war’s.

-Wie viele Kinder haben durch Ihre Samenbank das Licht der Welt erblickt?

Seit der Gründung unseres Instituts im Jahr 1983 haben wir Rückmeldungen von 1300 Geburten. Da sich aber nicht alle Eltern nach der Geburt bei uns melden, schätzen wir die Zahl der Kinder auf ungefähr 1600.

-Haben sich bei Ihnen schon Kinder gemeldet, um den Spender kennenzulernen?

Ja, aber nur sehr wenige – etwa zehn seit unserer Gründung. Leider mussten wir ihnen mitteilen, dass wir keine Unterlagen mehr über den Samenspender haben.

-Warum? Haben Sie die Dokumente entsorgt?

Zum Teil: ja. Aufgrund der äußert unklaren Rechtslage wurden früher zahlreiche Unterlagen nach zehn Jahren vernichtet – und das hat den Spendern Anonymität gesichert. Dies hat sich erst 2007 nachhaltig geändert. Jetzt müssen wir die Samenspender explizit darauf hinweisen, dass durch ihr Sperma gezeugte Kinder irgendwann nach ihnen fragen könnten.

-Finden Sie das richtig?

Ja. Für die Kinder waren die Gerichtsentscheidungen der vergangenen Jahre sehr positiv. Manche Kinder treibt die Frage um, dieses letzte Puzzlestück ihrer Identität zu entdecken. Die Kinder suchen ja keinen neuen Vater. Sie wollen einfach nur wissen: Wie sieht der Spender aus, von dem ich abstamme? Was macht der so? Interessanterweise sind das hauptsächlich Mädchen, die sich melden.

-Warum ausgerechnet Mädchen?

Ich glaube, dass sich Mädchen mehr mit Identitätsfindung beschäftigen und auch mutiger sind, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

-Wie gehen die Spender mit der Rechtslage um?

Die meisten fänden es ganz interessant, das Kind einmal zu treffen. Die Spender sind da erstaunlich offen. Sie wissen ja nicht einmal, ob ihre Spende überhaupt eine Schwangerschaft zur Folge hatte.

-Wer sind denn eigentlich die Spender?

Wir prüfen sehr sorgfältig, wer in Frage kommt. Die Spender müssen gesund sein, die Qualität der Spermien ist entscheidend. Natürlich schauen wir ein bisschen auf die Optik – die Männer sollen eher unauffällig sein, vor allem aber seriös. Wir machen jedoch keine Intelligenztests und lassen uns auch kein Führungszeugnis geben. Interessanterweise haben die meisten Spender Abitur. Natürlich gibt es auch Narzissten, die es toll finden, wenn viele Kinder von ihnen auf die Welt kommen. Solche Leute lehnen wir ab.

-Welche Motive haben die Spender?

Viele Männer finden die Idee gut, etwas von sich weiterzugeben. Das ist auch evolutionsbiologisch bedingt. Anderen gibt es ein positives Gefühl, etwas Gutes zu tun. Diese Menschen sind schon in einer Blutspender- oder Knochenmarkspenderdatei. Viele haben auch Freunde mit unerfülltem Kinderwunsch, dadurch werden sie dann auf dieses Problem aufmerksam.

-Welche Rolle spielt Geld beim Samenspenden?

Reich wird man nicht. Für eine Samenspende bekommt man 80 Euro. Wir möchten nicht, dass Männer aus einer sozialen Not ihr Sperma verkaufen.

Das Interview führte Sebastian Hölzle.

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