SAMSTAGSKOLUMNE

Des deutschen Siebenschläfers unsanftes Erwachen

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Über Jahrzehnte schien die Welt für uns Deutsche in Ordnung.

Nach dem Fall der Mauer wurde die Friedensdividende eingefahren. Wie nie zuvor in der jüngeren deutschen Geschichte fühlten wir uns umgeben von Freunden. Für unseren Schutz im Ernstfall hatten wir die Amerikaner. Warum dann die Nato-Vorgabe für Verteidigungsausgaben einhalten? Mit freundlichen US-Präsidenten wie Obama kam unsere Kanzlerin trotzdem bestens zurecht.

Und plötzlich ist alles ganz anders: Russland ist nicht auf dem Weg in die freiheitliche Demokratie, sondern das autoritäre System dort ist eher eine Bedrohung für benachbarte Länder. Die Türkei, der wir zu lange die kalte Schulter der EU gezeigt haben, hat nun einen ungemütlichen autoritären Herrscher. In Ungarn und Polen entwickeln sich nationalistische Herrscherformen und in Italien bilden nun zwei europafeindliche Parteien eine Regierung. Ohne England bleibt für die EU Frankreich die größte Hoffnung. Präsident Macron aber hat ganz andere Vorstellungen für die Eurozone als wir.

Zu all dem kommt nun ein amerikanischer Präsident, der munter dabei ist, viel von dem zu zerstören, was in den letzten 70 Jahren von der westlichen Führungsmacht aufgebaut wurde. Die Empörung über die unsinnige Einführung von Zollschranken auf Stahl wie Aluminium, über die Kündigung des Abkommens mit dem Iran oder die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, ist verständlich. Es verbirgt sich dahinter aber vor allem Hilflosigkeit.

Bald wird sich zeigen, dass für deutsche Firmen der Export in die USA und die Teilhabe an den Dollar-Kapitalmärkten weitaus wichtiger sind als Geschäfte mit dem Iran. Diese machen schließlich am deutschen Export weniger als ein Prozent aus. Wir Europäer stehen allem machtlos gegenüber, solange wir nicht wirklich gemeinsame Interessen mit einer Stimme verfolgen. Im Augenblick sieht es kaum so aus, als ob das gelingen könnte. Und die Hoffnung auf China, das sich für Freihandel stark macht, ist zweischneidig. China ist ein Überwachungsstaat, der die Schrauben immer fester anzieht. Gerade der letzte Besuch der Kanzlerin mit ihrer Wirtschaftsdelegation dort hat gezeigt, dass wir sehr wohl Geschäfte mit China machen können, aber nur zu deren Bedingungen. Deswegen sind wir Deutschen am besten beraten, weiter auf die starken Demokratien zu setzen, auf die USA vor allem. Die Trumps kommen und gehen und es wird auch einmal eine Zeit nach Trump geben. Dazu ist auch nicht alles falsch, was Trump fordert. Die Warnung vor einer zu großen Energieabhängigkeit von Russland ist mehr als berechtigt. Gasröhren durch die Ostsee müssen nicht sein, weil das Gas besser über die Ukraine geleitet werden kann.

Wir Siebenschläfer reiben uns die Augen und sehen plötzlich eine Welt, die nicht so schön ist, wie wir sie uns erträumt hatten. Wir müssen uns anstrengen, wenn wir in dieser realen Wirklichkeit noch ernst genommen werden wollen.

Wie ich es sehe

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