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„Die Deutschen pendeln zwischen den Extremen“

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Bassam Tibiist deutscher Politikwissenschaftler syrischer Herkunft
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Bassam Tibiist deutscher Politikwissenschaftler syrischer Herkunft

München – Nahezu zwei Jahrzehnte lang war der 1944 in Damaskus geborene Politikwissenschaftler Bassam Tibi – der von 1973 bis 2009 Professor für internationale Beziehungen in Göttingen war und seit 1976 einen deutschen Pass besitzt – als Islam- und Nahost-Experte gefragt.

Dann verschwand er aus den Medien. Weil, so Tibi, „es kritische Meinungen gibt, die in Deutschland nicht gefragt sind“. Seine gehörte dazu. Inzwischen hat sich das Blatt wieder gewendet: „Ich kriege langsam, aber sehr langsam die Freiheit, meine Sorgen auszusprechen.“ Als „Dosenöffner“ bezeichnet er die Ausschreitungen durch Migranten gegen Frauen in Köln in der Silvesternacht.

Über seine Aussagen und Ansichten lässt sich auch diesmal trefflich streiten: „Die Deutschen pendeln zwischen den Extremen: Fremdenfeindlichkeit oder Fremdeneuphorie. Es gibt kein Mittelmaß“, behauptet er in einem Beitrag für die „Bild“-Zeitung. Als Grund dafür bezeichnete Tibi in einem Interview mit der „Basler Zeitung“ die seit dem 19. Jahrhundert bestehenden Identitätsprobleme der Deutschen. Die deutsche Politik besteht für den gebürtigen Syrer, der auch bei dem Philosophen Theodor W. Adorno studierte, aus einer „Reihe von Sonderwegen“, zu denen er auch die Flüchtlingspolitik zählt. „Der französische Präsident (Hollande) sagt: Wir nehmen 30 000 Syrer auf und dann ist Schluss. Die Bundeskanzlerin (Merkel) nimmt 1,5 Millionen auf und weigert sich selbst dann noch, eine Obergrenze einzuführen. Das ist ein Sonderweg, der für die Deutschen typisch ist“.

Dass es so schwierig ist, von den Extremen zur „Normalität zu finden“, erklärt Bassam Tibi, Autor von 30 Büchern, mit der deutschen Geschichte: „Die Deutschen haben Angst, weil sie fürchten, als Rassisten bezeichnet zu werden. Sie trauen sich nicht zu sagen, was sie denken.“

Tibi selbst hat damit keine Probleme. Er spricht Klartext, polarisiert zwangsläufig und bewusst. Für ihn bringen die 1,5 Millionen Flüchtlinge Unruhe in die Gesellschaft. Mit dem Ergebnis, dass die deutschen Ausländer Angst um ihre Integration haben. „Ich habe Angst, dass die Gutmenschen von heute morgen Nazis sind.“ Von den deutschen Ordnungsbehörden fordert er, Ausländer, die sich gegen den Staat verächtlich verhalten, in die Schranken zu weisen. „Das passiert aber nicht“, behauptet er. Weil die Angst vor dem Rassismus-Vorwurf größer ist als die Angst vor dem Verfall der öffentlichen Ordnung.

Bassam Tibi befürchtet große soziale Konflikte – weil viele Migranten enttäuscht sind, weil Deutschland die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann, und weil viele Flüchtlinge ein Wertesystem haben, das mit der Moderne nicht vereinbar ist. Sein Fazit: „Ich sehe kein Integrationskonzept, keine Einwanderungspolitik. Ich sehe nur Chaos.“ werner Menner

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