Der rosarote Wahn

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Wohin nur? Eine kleine Prinzessin in Rosa steht auf einem Feld – und blickt nachdenklich. Vielleicht träumt sie schon jetzt von einer Model-Karriere. fotolia

Schön und blöd? Besser als schlau und nicht so hübsch. Finden zumindest viele junge Frauen, die sich schon seit Wochen auf die gerade gestarteten neuen Folgen von „Germany’s next Topmodel“ gefreut haben. Der Model-Wahn greift um sich – schon bei kleinen Mädchen. Hinter rosa Wänden werden sie auf Prinzessin getrimmt.

Falsche Vorbilder

Schön und blöd? Besser als schlau und nicht so hübsch. Finden zumindest viele junge Frauen, die sich schon seit Wochen auf die gerade gestarteten neuen Folgen von „Germany’s next Topmodel“ gefreut haben. Der Model-Wahn greift um sich – schon bei kleinen Mädchen. Hinter rosa Wänden werden sie auf Prinzessin getrimmt.

von Barbara Nazarewska

München – Kürzlich hat Stevie Schmiedel, die Geschlechterforscherin, einen Vortrag gehalten. Es ging mal wieder um Frauen und Männer, es ging um Rollenklischees und Sexismus. Ein Minenfeld. Und Schmiedel, 41, Mutter zweier Töchter, ließ reihenweise Sprengladungen hochgehen. Zum Beispiel die: „Die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen“, erklärte sie, „sind schwindend gering.“ Und: „Neurologen sagen, unser Gehirn wird vor allem durch unsere Umwelt geformt.“

Ein älterer Mann im Publikum fand das so verwirrend, dass er sich zu Wort meldete: „Frau Dr. Schmiedel, ich verstehe ja, was Sie sagen – aber ich bin doch ein Mann, und meine Frau ist eine Frau.“ Es müsse klare Grenzen geben.

Gibt es sie wirklich? Oder schaffen wir sie selber? Nach dem Motto: Stark (Mann) beschützt Schwach (Frau). Macher sind männlich, Bewunderer weiblich. Frauen müssen schön sein, Männer schlau.

Bei solchen Vorstellungen könnte Schmiedel aus der Haut fahren: „Wir Frauen müssen doch nicht auf den Prinzen warten!“, poltert sie. Es sei ja schön und gut, wenn Prinzessin Lillifee den Typen auf dem weißen Schimmel braucht – und wenn Barbie ohne Ken nicht überleben kann. Aber mal ehrlich: Pippi Langstrumpf komme doch auch ziemlich gut zurecht. Wohlbemerkt allein, ohne den Helfer mit den ach so starken Armen. Es geht also. Und genau das will Schmiedel jetzt der Öffentlichkeit beweisen.

Vor einiger Zeit hat sie den Verein „Pinkstinks“ gegründet. Sie will, dass Kinder ohne verstaubte Rollenklischees aufwachsen – und kleine Mädchen nicht automatisch auf Rosa konditioniert werden. Viele Wissenschaftler sind sich darin einig, dass diese Farbe die Geschlechter trennt. Rosa drücke Niedlichkeit aus, schreibt etwa die Genderforscherin Dominique Grisard. Und das fänden Jungs ziemlich uncool. Völlig logisch, dass sie sich distanzierten.

Denn Rosa ist überall. In Kindergärten leuchten rosafarbene Spielecken. In Spielwaren-Geschäften türmen sich „Hello-Kitty“-Artikel – inzwischen gibt es von dieser Marke sogar High Heels für den Schuhschrank der größeren Mädchen. Erst im vergangenen Jahr hat in München ein Schönheitssalon für Mädchen ab fünf Jahren eröffnet: Er will die kleinen Kundinnen in Prinzessinnen verwandeln – mit rosa Röcken, rosa Nagellack und rosa Ohrsteckern.

Selbst beim Naschen soll Rosa nicht zu kurz kommen. Das dachte sich auch Ferrero – und warf das pinkfarbene Überraschungsei auf den Markt. Das Frauenmagazin „Emma“ ätzte: „Ei love rosa? Ei kotz gleich!“ Und schlug vor, die Eier mit einem Warnhinweis zu versehen: „Rosa macht Mädchen dümmer.“ Genderforscherin Schmiedel durchforstete etliche Eier – und stellte entsetzt fest: „In der Schokoladenverpackung steckt eine weibliche Spielfigur, bei deren Taillenfigur nicht einmal Platz für einen Darm bleibt.“

Ferrero versteht die ganze Aufregung nicht. Auf Anfrage schreibt der Süßwarenhersteller: „Das Mädchen-Ei ist eher als zusätzliches Angebot zu sehen. Mit dem klassischen Ei konnte dem Wunsch nach Mädchensachen wie Ringen und Puppen bisher nicht entsprochen werden.“ Das Rosa soll auch die Jungs fernhalten. Die wären ja enttäuscht, wenn sie plötzlich eine Fee aus dem Ei heraus anlächeln würde.

Ähnlich argumentiert Lego, das jüngst eine neue Produktlinie herausgebracht hat. Im Mittelpunkt stehen die Freundinnen Mia, Emma, Andrea, Olivia und Stephanie, die in „Heartlake City“ leben, einem „Gender-Ghetto in Pink und Lila“, wie die „SZ“ schrieb.

Bei Lego hört sich das anders an: „Die Lego-Friends-Reihe ist eine der am meisten getesteten Produktlinien, deren Entwicklung mehr als vier Jahre gedauert hat.“ Man habe mit Müttern und Töchtern in „engem Kontakt und Austausch“ gestanden – und „gelernt, dass Mädchen sehr gerne bauen, aber gleichzeitig auch schneller ins Rollenspiel einsteigen möchten oder dass sie viel Wert auf Details legen“, also auf „Accessoires zum Dekorieren“.

Für Geschlechterforscherin Schmiedel ist so etwas der Graus: Warum müssen Mädels Lego-Cupcakes backen, wenn sie mit dem Kinderpiraten Käpt’n Sharky Schätze ausgraben könnten? Der steht mit beiden Beinen im Leben, ist stark und vor allem schlau. „Bei dem ganzen Rosa-Wahn geht es doch nur ums Verkaufen“, sagt sie.

Das Perfide daran: Die Gleichberechtigung bleibe so auf der Strecke. „Zwischen einer Welt, in der Frauen nicht ernst genommen werden, und einer Kindheit, die auf Prinzessin Lillifee und andere wahnsinnig niedliche Figuren setzt, besteht ein Zusammenhang.“

Auch Natasha Walter widert der Rosa-Wahn an. Die Britin hat ein Buch geschrieben mit dem plakativen Titel „Living Dolls“: Es geht darum, wie Frauen und Mädchen zu lebenden Puppen dressiert werden. „Wem von klein auf die Plastik-Püppchen-Attraktivität als das Ideal eingetrichtert wird, der findet sich als Erwachsene schnell auf dem OP-Tisch wieder.“ Die Frauen hätten keine echte Wahl: In Werbung, Filmen, Musik und Medien werde ein bestimmtes Bild der weiblichen Sexualität gefeiert. „Der Weg zur Selbstverwirklichung führt unvermeidlicherweise über die Perfektion des Körpers“, schreibt Walter.

Der Münchner Psychologe Andreas Schnebel beobachtet schon lange, dass seine jungen Patientinnen immer öfter nach einem Leitsatz lebten: „Du musst dünn sein, nur dann hast du Erfolg.“ (Siehe Interview.)

Ohnehin ist es um das körperliche Selbstwertgefühl junger Frauen oft miserabel bestellt. Mehr als die Hälfte von ihnen ist über ihr Aussehen unglücklich. Das hat eine Studie der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation ergeben. Sie hat zudem gezeigt, dass seit der ersten Staffel der Castingshow „Germany’s next Top-Model“, kurz GNTM, die 2006 startete und gerade in die achte Runde gegangen ist, die Zahl der Zweiflerinnen massiv in die Höhe geschnellt ist. Früher waren noch drei von vier jungen Frauen mit ihrem Aussehen zufrieden.

Genderforscherin Schmiedel kennt sogar Untersuchungen, in denen eine Folge GNTM ausreicht, um aus weiblichen Teenagern ein Häufchen Elend zu machen. Die Show, sagt sie, suggeriere nämlich vor allem eines: Auch du kannst es schaffen! Nur: Wenn du es dann nicht schaffst, dich zum Beispiel auf Größe 34 herunterzuhungern, hast du versagt. Und der Prinz aus deiner rosafarbenen Welt von früher, als du noch viel kleiner warst, wird leider eine andere Prinzessin küssen.

„Pinkstinks“, Schmiedels Verein, kämpft seit Neuestem auch gegen eine Axe-Werbung. Dort bespringt eine junge, hübsche, schlanke Frau einen Astronauten. Der steht in voller Montur da, macht nichts – und die Frau kann natürlich nicht anders, als sich ihm an den Hals zu schmeißen. „Auch witziger Sexismus ist Sexismus“, sagt Schmiedel. Unilever, das Axe produziert, sieht das anders. „Kampagnen der Marke Axe sind bewusst ironisch, übertrieben und behandeln auf spielerische Art das immer aktuelle Thema der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau“, heißt es auf Anfrage. Und weiter: „Die Marke Axe achtet immer darauf, starke Frauentypen zu zeigen. Frauen nehmen immer eine selbstbestimmte Rolle im Spiel der Verführung ein.“

Klar. Was könnten sie denn sonst tun, als zu verführen?

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