„Der Abschied vom Leben ist vorbereitet“

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30 000 Seiten in 40 Jahren: Kardinal Michael von Faulhaber hat Regale voller Tagebücher hinterlassen. Experten entziffern sie gerade. Foto: Erzbistum München

Faulhabers Tagebücher während der Revolution 1918/19 . München – Die Literatur über den Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952), einem ultrakonservativen, zugleich aber charismatischen Kirchenfürsten, füllt ganze Regalmeter.

Sein Verhalten während der Münchner Revolution, seine Ablehnung der Weimarer Republik, sein widersprüchliches Auftreten in der NS-Zeit – all das ist höchst umstritten. Groß war das Erstaunen vor einigen Jahren, als bekannt wurde, dass der Kardinal auch selbst Regale füllte – mit seinen Tagebüchern, die er über 40 Jahre führte. Fast 30 000 Textseiten in der heute nicht mehr gebräuchlichen Gabelsberger Stenoschrift wurden im Nachlass eines verstorbenen Pfarrers entdeckt. Die schwer lesbaren Notizen werden seit zwei Jahren von einem Expertenteam des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und der Universität Münster entziffert und wissenschaftlich kommentiert. Das Projekt wird insgesamt zwölf Jahre dauern, die Tagebücher aus der Zeit 1918/19 und 1933 liegen aber bereits weitgehend vor.

Gestern Abend haben die Projektleiter Andreas Wirsching (IfZ) und Hubert Wolf (Münster) in der Katholischen Akademie eine erste Bilanz gezogen. Deutlich wird, dass der konservative Kardinal während der Münchner Revolutionstage von einer existenziellen Lebensangst gequält wurde – aber noch mehr als das: Die Tagebücher spiegeln die turbulenten Tage vortrefflich und aus konservativer Sicht wieder. Wir drucken Auszüge aus den Tagebüchern.  dw

Wenige Tage vor der Revolution in Deutschland ist Kardinal Faulhaber noch zu Besuch bei der königlichen Familie in München, auch bei Königin Marie Therese, die damals schon schwer leidend ist und im Februar 1919 sterben sollte. 3. November 1918, 12 Uhr: Audienz bei der Königlichen Familie in der Residenz: Zu Fuß, ohne Caeremonien-Mantel, durch Brunnenhof zur Schwarzen Treppe. Dort oben rechts noch zwei Stiegen hinauf. Die Säle sehr heiß, etwa sechs Säle durch. Um einen runden Tisch Seine und Ihre Majestäten, Hildegard, Helmtrud, Wiltrud, die Königin, sehr leidendes Aussehen, Atemnot, freut sich über mein Büchlein „Krankenbibel“. (...) 16.00 Uhr: Königliche Hoheit Herzogin Karl Theodor (gemeint ist die Frau von Herzog Karl Theodor, Maria Josepha – d. Red.): Die Stimmung im Lande so schlecht, auch gegen den König.

4. November, 11 Uhr: Seelenamt im Dom für die gefallenen Krieger, Majestät dabei.

Die Revolution kommt am 7. November, sie beginnt mit einer Friedenskundgebung auf der Theresienwiese, von dort aus werden die Münchner Kasernen besetzt. Kurt Eisner ruft in der Nacht zum 8. November den Freistaat Bayern aus.

7. November: Nachmittag 15.00 Uhr auf der Theresienwiese Versammlung. Von den Sozialdemokraten gedacht als Exploron, um das Volk zufrieden zu stellen, wollten den Unabhängigen den Wind aus den Segeln nehmen. Im Zug wohl einige Tafeln: Nieder die Dynastie, (eine andere: Das Weib keine Gebährmaschine) sonst aber ruhig und viele Harmlose dabei. Die Läden geschlossen, bei uns im Stadtteil wie ausgestorben. Sekretär spricht mit einem Mann: nun, gegen die Geistlichen geht es ja nicht, aber nun, da die Großkopfigen Angst bekommen. Wir haben nichts zu verlieren. Ich soll es glauben, es soll der Frieden erzwungen und die nationale Verteidigung unmöglich gemacht werden. Aber niemand will ernstlich die nationale Verteidigung und der Waffenstillstand ist sicher auf dem Weg, am Abend kommt die Nachricht, die deutsche Delegation sei bereits nach der Westfront abgereist. Da schwenkte unter der Roten Fahne eine Soldatengruppe ab, „zu den Kasernen“ und diese Soldaten haben die Revolution gemacht. Sie stürmten die Kasernen, entwaffneten die Truppe, der sich alle anschlossen. Kein einziger dabei, der sich wehrt. Einige Offiziere sollen sich angeschlossen haben. (...) Nachts, 23.00 Uhr, beginnt der Lärm auf der Straße. Militär, bewaffnet, erst zu Fuß, allmählig mit Lastautos, die fortwährend mit furchtbarem Lärm herumrasen, mit Maschinengewehr ausgerüstet und die Bevölkerung bestürzen sollen. Die schrecklichste Nacht meines Lebens.

8. November: Ich celebriere mit ruhiger Regung. Es ist mir nur immer, als ob man mir mit einem Prügel auf den Kopf geschlagen hätte, und das Herzklopfen, das ich seit der letzten Predigt am Sonntag habe, ist nicht besser geworden. (...) Die zweite Nacht zehn Stunden geschlafen und dann wieder gefaßt zum Denken und entschlossen zum Sterben.

9. November: Gott ist mein Licht in solchen Minuten – halte aber um 10.30 Uhr eine Sitzung, an deren Anfang mich ein Weinkrampf packt, dann aber klar und sicher die Grundsätze entwickelt und jeden Herrn befragt. (...) Der Dom um 17.00 Uhr geschlossen. Die Rote Fahne auf dem Turm macht viele stutzig. (...) Früh bei der Heimkehr von der Sitzung, ein Bild: Die Offiziere hoch gerichtet, mit Achselstücken, von zwei Soldaten mit Gewehr durch die belebten Straßen gefangen abgeführt. Die sind aus dem Feld gekommen, wo sie jahrelang für die Heimat gekämpft und jetzt werden sie gefangen abgeführt.

10. November: Herzklopfen läßt mich nicht schlafen und Magenverstimmung (...) Der König (Ludwig III; bekannt wegen seines Interesses an der Landwirtschaft auch als „Milibauer“ – d. Red.) war bis abends 17.00 Uhr spazieren gegangen und als er heimkam, war bereits die Residenz geschlossen und er mußte außen herum. Es grüßte ihn niemand. Ein Soldat höhnte ihn „da kommt der Müllibauer“; andere Gruppen von Soldaten verhöhnten ihn. Die Prinzen im Englischen Garten durch Detektive heimgeholt.

Schon am dritten Tag ist die Stimmung mehr Katzenjammer als Rausch. In den Trambahnen schimpfen sie bereits, wie mir von Ohrenzeugen versichert wird, ebenso über die neue Regierung wie vor acht Tagen über die alte.

11. November: Das ist nicht gleich, ob das Volk mit Vertrauen und religiöser Verpflichtung zu einem König aufschaut oder ob sie sagen: Was geht uns der Jude an. (...) Ein großer Ekel legt sich auf den Magen beim Anblick der Menschen, die so rasch umlernen und alles vorausgesehen (haben).

12. November: Nach einer schrecklichen Nacht – wieder Herzklopfen und Rollen, als ob es aus wäre, konnte ich doch celebrieren und dann, eine Lebensbeichte abgelegt.

13. November: Der Abschied vom Leben ist in diesen Tagen vorbereitet: Meinen Koffer Briefe vom ganzen Leben, darunter die von der Mutter verbrannt, auch alle Briefe aus den Bischofsjahren.

15. November: Seit acht Tagen Republik, und der Mond macht das alte Gesicht auf diese meineidige Gesellschaft herunter. (...) Die königlichen Hoflieferanten haben ihre Titel überklebt! 16. November: Im Hofgarten: Die Menschen gehen scheu aneinander vorüber, so wie am Aschermittwoch, wenn der Karnevalrausch vorüber ist. Am Boden das Herbstlaub, durchreisende Soldaten studieren in den Wandgängen die Bilder aus der bayerischen Geschichte, unter dem Thronsaal bummelt eine Wache mit der roten Schleife an der Mütze und am Armeemuseum meißeln sie das „Kgl.“ von der Inschrift weg.

Am 10. November erleidet die Revolution einen Rückschlag. Der Ökonom Ludwig Gandorfer, von Eisner mit Gründung eines Zentralbauernrats beauftragt, verunglückt bei Rosenheim tödlich. Faulhaber kommentiert das rückblickend:

19./21. November: Der Plan der Revolution bei Neufahrn ausgedacht, am Gut des Gandorfer, des blinden Schriftstellers, der auf der Propagandafahrt für die Revolution mit dem Auto in den Abgrund fuhr. So ergeht es denen, die ihre Hand an den Gesalbten des Herrn legen.

24. November, 8.00 Uhr: In der unteren Hauskapelle sieben Firmlinge, darunter Student Schuberth Ingenieur, der als Kriegsteilnehmer schwer verwundet.

Am 21. Februar 1919 wird Kurt Eisner auf dem Weg zum Landtag in der Münchner Prannerstraße von einem adligen Rechtsradikalen, Graf Arco, erschossen. Faulhaber ist Ohrenzeuge des Attentats.

21. Februar 1919: 9 Uhr halte ich die Pontificalmesse zur Eröffnung des Landtags. Auer (SPD-Vorsitzender Erhard Auer - d. Red.) hatte an das Ordinariat geschrieben, daß er es anheim stelle, wie früher Eröffnungsgottesdienste zu halten. (...) Auch Eisenberger und andere Bauernbündler sind drinnen. Wir gehen zu Fuß heim, Prannerstraße abgesperrt, viele Leute dort, fünf Minuten vor 10.00 Uhr höre ich einen und dann fünf Schüsse, große Panik. Herren kommen vom Landtag zurück, „Eisner erschossen von Graf Arco-Valley“. Das ist sehr schlimm, Bayern war auf dem Weg zur Ruhe und Gott weiß, was jetzt wieder kommt.

22. Februar: Ein Soldatenrat erklärte, Erzbischof soll Läuten in sämtlichen Kirchen befehlen, Sekretär hängte ab, statt ruhig Antwort zu geben, daß dafür der Erzbischof nicht zuständig ist. Beim Dompfarrer waren sie wieder durchs Fenster eingestiegen, mit Gewehr, er aber erklärte, er lasse sich lieber erschießen als läuten (...) Nachmittag von Sankt Ludwig: Ein Soldat sei da gewesen, der Erzbischof soll ja auf der Hut sein; Ein Trambahnschaffner kommt ins Haus: Am Sendlinger Tor halte einer wütende Reden, man müsse den Erzbischof aufhängen.

Im April besetzen radikale Kommunisten in München die Schaltzentralen der Macht – es beginnt die kurze Phase der Räteherrschaft, während der auch Faulhaber bedroht wird. Palmsonntag 13. April: Nach der Priesterweihe im Dom, während ich im Vorzimmer mit Geistlichem Rat auf die Vorstandschaft vom Katholischen Arbeiterverein warte, kommt Sekretär: Gruber wäre in Zivil auf dem Rad hierher gefahren und meldet, heute Nacht 0.00 Uhr seien zwölf Revolutionäre im Haus gewesen und nach mir gefragt. „Das sind schöne Räume, da können wir gleich da bleiben“, im Schlafzimmer alles durchsucht und durchwühlt, Briefe mitgenommen, weil sie „von Offizier“ seien. Sie seien gekommen, „den Herrn Faulhaber aus dem Nest zu holen.“ „Aber Exzellenz ist nicht da“, „Es gibt keine Exzellenz, es gibt nur einen Herrn Faulhaber“.

22. April: Keine Post, keine Zeitungen von außen. Wir sind wie auf einem Schiff oder auf einer Insel abgesperrt.

Ende April wird die Räterepublik von rechtsradikalen „weißen“ Truppen blutig niedergeschlagen – es gibt bis zu 1000 Tote. Faulhaber aber atmet auf.

10. Mai: München nicht mehr im Zeichen der Roten Fahnen! Auf der Residenz, auf dem Palais Wittelsbach, an der Türkenkaserne das weißblaue Zeichen! Sogar das Bild von Eisner am Ministerium ist verschwunden. Am Karlsplatz, wo der Kiosk ausgebrannt ist, die Scheiben vielfach durchlöchert und die Häuser tragen die Spur der Einschläge. Auch in der Bibliothek des Ordinariats und auf der Nuntiatur und an der Medizinischen Klinik; ebenso im Postulat der Barmherzigen Schwestern die Wand vielfach durchschoßen (...). Bilder vom Heiligen Vater. Maueranschläge fordern auf, in das Freikorps einzutreten. Geschlossene Verbände ziehen durch die Stadt, wieder einmal richtige Soldaten, ganz andere Gesichter. Die Geistlichen werden wieder gegrüßt.

Die Tagebücher im Internet

Die ersten Jahrgänge der Tagebücher sind ab heute unter www.faulhaber-edition.de für jeden zugänglich.

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