„... dass heute Ihre Ausreise ...“

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Es ist ein Gänsehaut-Moment der deutschen Geschichte: Vor 25 Jahren, am 30. September 1989, erlöste Außenminister Genscher in Prag tausende DDR-Flüchtlinge.

Ihre Ausreise war ein Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall. Auch ein Ehepaar aus Grafing hat dazu beigetragen.

Vor 25 Jahren: Genscher in der Prager Botschaft

Es ist ein Gänsehaut-Moment der deutschen Geschichte: Vor 25 Jahren, am 30. September 1989, erlöste Außenminister Genscher in Prag tausende DDR-Flüchtlinge. Ihre Ausreise war ein Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall. Auch ein Ehepaar aus Grafing hat dazu beigetragen.

von Robert Arsenschek und Michael Heitmann

Prag/München – Die Enge ist unvorstellbar. Gut 4000 DDR-Flüchtlinge drängen sich am 30. September 1989 bereits auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Prag. Seit August sind es immer mehr geworden, alle wollen sie in den Westen. Der Park vor dem Palais Lobkowicz, einem Barockpalast, ist ein Morast, in dem ein Zeltlager steht. Die Orangerie hat man längst in Schlaf- und Aufenthaltsräume verwandelt, inzwischen stehen sogar am Eingangstor Betten. Auch im Treppenhaus schlafen Menschen, je zwei auf einer Stufe.

Als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher um 18.30 Uhr hier eintrifft, müssen er und der deutsche Botschafter Hermann Huber sich den Weg ins oberste Stockwerk bahnen. Um 18.58 Uhr betritt Genscher den Balkon, dann wird es historisch. Der Außenminister spricht die erlösenden Worte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Der Rest geht im Jubel unter. Für Genscher, der gerade einen Herzinfarkt hinter sich hat, gehören diese Stunden „zu den bewegendsten meines Lebens“, wie er in seinen Memoiren schreibt.

Dem Erfolg waren schwierige Verhandlungen vorausgegangen, mit den großen Mächten und der DDR. „Wir schicken niemanden auf die Straße, und wir bauen keine Mauern um unsere Botschaften“, sagte der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters der DDR-Führung. Der CDU-Politiker stand an jenem Abend direkt neben Genscher. Er erinnert sich an den Blick in den „nachtdunklen und verschlammten“ Garten, den Jubel, die Dankbarkeit und die Erleichterung der Flüchtlinge.

Auf dem Balkon stand auch Botschafter Huber, seine Frau Jacqueline sah sich alles von ihrer Wohnung unter dem Dach aus an. Ihr Mann sagt heute, er habe ja für Superlative nichts übrig. „Aber das war schon ein bedeutender Augenblick.“ Huber ist heute 84 und wohnt mit seiner Gattin wieder in seinem Geburtsort Grafing im Kreis Ebersberg.

Vor 25 Jahren wohnte er im Palais Lobkowicz. Dorthin waren DDR-Bürger über die Jahre immer wieder gekommen. Doch im Spätsommer 1989 nimmt die Fluchtbewegung aus dem Osten dramatische Züge an. Das Rote Kreuz stellt Zelte und Betten auf. „Es gab keine freie Stelle“, sagt die damalige Rotkreuz-Einsatzleiterin Waltraud Schröder. Vom Dachboden bis zum Heizungskeller ist mit Ausnahme der Wohnung von Botschafter Huber alles belegt.

Oft fehlte es am Nötigsten. „Das Eigenartige war: An Alkohol hatten alle gedacht, nur nicht an die Babyflaschen“, erinnert sich Schröder. Nachschub musste besorgt, schreiende Kinder mussten besänftigt werden. Und das Zusammenleben auf engstem Raum war nicht einfach.

Stundenlanges Anstehen vor den Toiletten gehörte zum Alltag. Groß war die Angst, dass eine Seuche ausbrechen würde und das Gelände geräumt werden müsste. Einmal sagte Schröder dem damaligen Botschafter Huber: „Ich kann die Garantie für die Sicherheit der Menschen hier nicht mehr übernehmen.“ Dann raufte man sich wieder für einige Zeit zusammen.

„Die menschlichen Probleme waren nicht ohne Weiteres zu lösen“, erinnert sich Botschafter a. D. Huber. „Aber unsere Gäste haben sich sehr, sehr schnell mit der neuen Situation abgefunden.“ Tag für Tag fährt der Botschaftsbus nach Furth im Wald, um Gemüse, Bananen, Spielsachen und ähnliches zu kaufen. Aus der ganzen Bundesrepublik trudeln inzwischen Hilfspakete ein, Tschechoslowaken reichen den Flüchtlingen Thermoskannen, Kaffee und Brot über den Zaun. In den Zelten veranstalten sie auf Elektrokochern Kochwettbewerbe, der Botschafter spielt Schiedsrichter. „Das war ein großer Zusammenhalt“, erinnert sich seine Frau. „Alle haben mitgemacht – das war sehr schön.“

In Bonn war man überzeugt, dass die DDR-Führung an einer baldigen Lösung interessiert sein musste. „Die emotionalen Bilder von den Botschaftsflüchtlingen in der Prager Botschaft gingen um die Welt und schädigten Tag für Tag das internationale Ansehen der DDR“, sagt Seiters. Weil die großen Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR am 7. Oktober 1989 vor der Tür standen, musste dies für die SED-Führungsriege zur Unzeit kommen.

Doch den Durchbruch brachte erst ein Gespräch mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse am Rande der UN-Vollversammlung in New York: Genscher schilderte ihm die untragbare Lage der Flüchtlinge und bat den Reformer um Hilfe. Als der Georgier hörte, dass Kinder dabeiseien, sagte er: „Ich helfe Ihnen.“ Ost-Berlin musste auf sowjetischen Druck einlenken. Zwei Tage später reisten Genscher und Seiters in die Botschaft.

Dann brachen alle Dämme. Schon kurz nach der Rede beginnt die Abreise der ersten Flüchtlinge in Bussen, die die DDR-Botschaft bereitgestellt hat. Viele haben Bedenken, weil sie noch einmal über DDR-Gebiet müssen, aber sie werden von hohen deutschen Beamten begleitet. Am nächsten Morgen um 7 Uhr verlässt der letzte Zug Prag. Botschafter Huber schläft zwei Stunden, dann sieht er sich den Hof, das Gebäude, den Park an. „Eine gespenstische Stille“ habe über dem Chaos gelegen. Huber fühlt sich leer nach den Wochen der Anspannung. Helfer des Roten Kreuzes laden seine Frau und ihn ein, im Hof eine Gulaschsuppe mit ihnen zu essen. „Wir waren so dankbar“, erinnert sich Jacqueline Huber.

Aber es ging noch weiter. Gegen Mittag stehen schon wieder Hunderte Flüchtlinge vor der Botschaft. Eine Weile zögert Huber, gegen 17 Uhr öffnet er das Tor. „Im Nu war das Chaos beseitigt“, erzählt seine Frau. Die zweite Flucht-Welle beginnt, und sie ist noch schwieriger zu handhaben als die erste. Am 3. Oktober sind bereits gut 5000 Menschen da. „Die Flüchtlinge strömten von allen Seiten in die Botschaft“, sagt Huber.

Unter ihnen war der Dresdner Musiker Markus Rindt. Er war gerade auf dem Weg nach Ungarn, das seine Grenzen geöffnet hatte, als ihn die Nachricht von Genschers Rede erreichte. „Ich hörte von einem Freund, dass alle raus sind aus der Botschaft“, sagt er. Spontan stellte er seine Fluchtpläne um. Statt durch die Donau zu schwimmen, überwand er am 3. Oktober die Absperrungen in den Straßen der Prager Kleinseite.

Dann kam die Nachricht, dass auch dieser zweite Schwung an Botschaftsbesetzern ausreisen durfte. „Es brach ein Riesenjubel los, und dann gab es ein unglaubliches Geschiebe und Gezerre“, erinnert sich Rindt. Doch es sollte noch Stunden dauern, bis es wirklich losging. Auch diesmal wurden die Züge in die Bundesrepublik über DDR-Gebiet geleitet. Es sei ein komisches Gefühl gewesen: „Fahren die Züge wirklich einfach nur durch oder ist es eine Falle?“ Dem DDR-Regime habe er alles zugetraut, sagt Rindt.

Jeder Botschaftsbesetzer hatte seine eigenen Gründe für die Flucht in den Westen. Zusammengenommen rüttelten sie alle an der Mauer. „Der 30. September markiert den Beginn des Untergangs der DDR“, da ist sich Seiters heute sicher. Die Ausreise der Unzufriedenen brachte dem SED-Regime um Honecker nicht die erhoffte Entlastung. Der Druck wuchs und wuchs, bis der SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November 1989 – eher ungewollt – die Mauer öffnete.

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