ES WAR EIN PAUKENSCHLAG: LUISE KINSEHER HÖRT AUF – IM INTERVIEW ERKLÄRT SIE, WARUM SIE ALLE ÜBERRASCHEN WOLLTE

Darum macht Mama Bavaria Schluss

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Der Landesvater, die Mama Bavaria und ein doppelter Abschied: Horst Seehofer herzt Luise Kinseher. Foto: Achim Schmidt

Nockherberg . München – Die Rede der „Mama“ schien etwas gemächlich auszuklingen, die großen Gags waren verfeuert – da holte Luise Kinseher aus zu ein paar Sätzen, die in keinem Manuskript standen.

Es sei ihr letzter Nockherberg, sie höre auf. Fast niemand im Saal hatte das geahnt oder gar gewusst. Ein emotionaler Moment, einer von mehreren an diesem Abend – schließlich war es ja auch der letzte Anstich für Horst Seehofer als Landesvater, den Kinseher abseits der Rede herzlich verabschiedete. Wie geht’s der Mama Bavaria am Tag danach? Wehmut? Demut? Oder sind noch ein paar Rechnungen offen nach acht Jahren Nockherberg?

-Sie wirkten gelöster als bei vorigen Auftritten als Mama Bavaria.

Das kann schon sein. Das haben mir danach viele Menschen gesagt. Aber ich fand auch, dass ich letztes Jahr total gelöst war. Da war ich auch schon eine ziemlich „coole Sau“. Ich habe meine Texte immer relativ frei gehalten, ich habe nie so abgelesen wie meine Vorgänger. Aber natürlich kann es sein, wenn man sagt: „Ach, jetzt ist das letzte Mal“, dass noch mal was von einem abfällt. Ich hab’ mich auf der Bühne dieses Mal jedenfalls nicht anders gefühlt als sonst.

-Wie war die erste Nacht, ohne den Druck, als Landesmutter auf ein ganzes Völkchen aufpassen zu müssen?

(lacht) Ach, den Druck hab’ ich sonst auch nicht gehabt, obwohl ich acht Jahre die Mama Bavaria war. Aber es wird mir als Reflex natürlich weiter bleiben, dass ich die Politik in Bayern genau beobachte. Das ist ja auch mein Beruf als Kabarettistin, den ich fortführe.

-Das heißt, die bayerischen Politiker arbeiten weiter unter ihrer Aufsicht.

Ich habe wahrscheinlich nicht mehr die gleiche Kontrolle, wie ich sie als Mama Bavaria über sie hatte. Aber rückblickend lässt sich sagen: Sie haben ja eh nicht getan, was ich gesagt habe. Ich hatte sowieso nie so ein übersteigertes, selbstüberschätzendes Gefühl, als könnte ich vom Nockherberg aus irgendwas in diesem Land kontrollieren.

-Wann genau haben Sie entschieden aufzuhören? Gab es einen bestimmten Moment?

Entschieden, dass ich mal aufhöre, habe ich, als ich angefangen habe. Von Jahr zu Jahr habe ich dann gesagt: „Mensch, einmal pack ma’s noch.“ Der Walter Sedlmayr hat das am längsten gemacht – neun Jahre lang. Und den jetzt zu toppen, das wollte ich nicht. Das war bei mir eine Bauchentscheidung, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt war. Horst Seehofer hört als Ministerpräsident auf, das passt also auch politisch. Das war eine richtige und gute Entscheidung.

-Sie nehmen sich die Chance, den Ministerpräsidenten Söder zu derblecken.

Nein, diese Chance entgeht mir überhaupt nicht. Ich bin Kabarettistin, ich kann mir Herrn Söder jederzeit zur Brust nehmen. Am Nockherberg überlasse ich das aber jemand anderem.

-Der Rücktritt kam gestern für alle überraschend. Seehofer und sogar der Bayerische Rundfunk wussten von nichts. Wer •war eingeweiht?

Nur die Brauerei wusste von meinen Plänen. Wir wollten alle, auch den BR, überraschen.

-Wie groß war die Macht der Mama Bavaria?

Der Nockherberg hat eine großartige Sonderstellung, weil es so was auf der ganzen Welt nicht gibt, dass sich die gesamte Regierung eines Landes einfindet und sich dann im Bierrausch derblecken lässt. Der Bierrausch hat ja ganz viel mit Bayern zu tun, er ist sinnlich und er ist volkstümlich. Ich habe versucht, mit der Mama Bavaria als Frau meinen Weg zu finden in dieser männerdominierten Veranstaltung, da sitzen ja fast nur Männer im Publikum. Der Nockherberg ist ein einziger Bierrausch ein bayerischer, ein Ort, an dem Frauen nichts zu suchen haben. Alleine schon das Bier ist nichts für Frauen. Das ist was für gstandene Mannsbilder, die was vertragen.

-Aber Sie trinken danach schon ein Starkbier.

Freilich, ich scho. Mich haut ja nix um. Aber mehr als eine Mass vertrag’ ich nicht.

-Schauen Sie den Politikern, die Sie derblecken, ins Gesicht? Erkennt man da von der Bühne aus, wie sie reagieren?

Ja, das mache ich immer wieder. Das ist für mich ein gewisser Genuss, den ich mir nicht nehmen lassen will. Ich bin sehr emotional auf der Bühne, da ist mir der Kontakt sehr wichtig. Es gehört irgendwie dazu, dass man eine bestimmte Ebene aufbaut zu denen, die man derbleckt. Weil wenn man jemanden nicht in die Augen schauen kann, dann hat man auch nicht den Respekt vor ihm.

-Haben Sie sich Ihre acht Reden als Mama Bavaria nachträglich noch mal angeschaut?

Freilich. Jede einzelne. Das gehört zur Arbeit eines Profis dazu. Was ich ja nicht mitbekomme, ist, wie das Fernsehen die Bilder schneidet. Und das ist für mich noch mal ein großer Spaß zu sehen, wie die Politiker reagieren. Ich kann während des Auftritts ja nicht immer überall gleichzeitig hinschauen.

-Wie groß war die Anspannung, wenn Sie als Mama Bavaria aufgetreten sind? Ganz Bayern schaut an diesem Tag auf Sie.

Natürlich ist der Druck groß. Wenn ich den nicht aushalte, dann darf ich es nicht machen. Das macht man dann halt einfach – man geht auf die Bühne. In dem Moment denk’ ich gar nicht mehr nach, wie viele Menschen grad zuschauen.

-Landtagspräsidentin Barbara Stamm war auch dieses Jahr nicht da. Sie ist offensichtlich noch immer eingeschnappt, weil sie rausgehört haben will, dass Ihre Rede vor zwei Jahren frauenfeindlich war. Sind Politiker, die das nicht aushalten, Heulsusen?

Ach, die Frau Stamm, das passt schon. Ich habe sie neulich erst getroffen, da habe ich zur ihr gesagt: „Frau Stamm, jetzt kommen’s halt noch mal. Noch ein einziges Mal.“

-Es war quasi eine persönliche Einladung zu Ihrem Abschiedsauftritt. Wie hat sie geantwortet?

Sie hat gesagt: „Ja, ich komme noch mal zum Nockherberg. Aber ich sage wann.“ Die Frau Stamm ist total nett. Das war ein Riesenmissverständnis, dass sie sich nach meiner Rede aufgeregt hat. Sie ist von ihrem Naturell auch eher jemand, der den fränkischen Fasching liebt. So eine Starkbierveranstaltung ist für Menschen, die sonst den leichten, fränkischen, fröhlichen Wein trinken, wirklich ein Unterschied.

-Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger wünsche ich viel Verstand, Freude und viel Herz für die Aufgabe. Und noch ein Tipp für die Auswahl der Nachfolge: Wer es zukünftig mit dem Söder aufnimmt, der darf kein Leichtgewicht sein.

Interview: Stefan Sessler

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