AUCH MIT ETWAS ABSTAND IST DIE SITUATION IN DER SÄCHSISCHEN STADT WEITER KOMPLIZIERT – NEUE DEMOS SIND ANGEKÜNDIGT

Chemnitz und die vielen offenen Fragen

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Gedenken am Tatort: Familienministerin Franziska Giffey (SPD) am Freitag in Chemnitz.

Chemnitz/München – Seit am Sonntag ein Streit tödlich endete, prägen Aufmärsche und aufgeregte Diskussionen die Stadt Chemnitz.

Zwei Tage lag schien die Polizei die Kontrolle verloren zu haben, als Hooligans zu martialischen Aufmärschen mobilisierten. Die Landesregierung versucht, die Lage zu beruhigen. Aber es sind noch viele Fragen offen.

-Was ist über den tödlichen Messerangriff in der Zwischenzeit bekannt?

Die Staatsanwaltschaft schweigt zu den Hintergründen der Tat. Die Polizei hatte von einem Streit zwischen zwei Männergruppen berichtet. Anfangs kursierte das Gerücht, dass es vor der Tat eine Sexualstraftat gegeben hatte, bei der das spätere Opfer eingeschritten sein soll. „Derzeit spricht nichts für diese Version. Alle anderen Spekulationen kommentieren wir nicht“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die Behörde betonte aber, dass die Tatverdächtigen nicht aus Notwehr gehandelt hätten. Die tödlichen Stiche hatten sich am Sonntagmorgen gegen 3 Uhr am Rande des Chemnitzer Stadtfestes ereignet. Bei der Messerattacke waren auch ein 33- und ein 38-Jähriger schwer verletzt worden. Mittlerweile wurde einer der Männer aus dem Krankenhaus entlassen. Der andere wird noch behandelt, schwebt aber nicht in Lebensgefahr.

-Was weiß man über die Tatverdächtigen?

Ein 22-jähriger Iraker und ein Syrer (23) sitzen wegen des Verdachts auf gemeinschaftlichen Totschlag in Untersuchungshaft. Der Iraker, der seit Oktober 2015 in Sachsen lebt, hätte nach Ansicht des Verwaltungsgerichts Chemnitz bereits im Mai 2016 abgeschoben werden können. Zudem soll er laut der CSU-Innenpolitikerin Andrea Lindholz mit zweifach gefälschten Papieren unterwegs gewesen sein.

-Wie aufgeheizt ist die Stimmung in Chemnitz?

Bei den Demonstrationen gibt es in beiden Lagern offensichtlich gewaltbereite Teilnehmer. Bisher konnte die Polizei eine direkte Konfrontation verhindern. In Chemnitz treffen aber nicht nur Neonazis und Hooligans auf Linksradikale. An den rechten Demonstrationen nehmen auch viele Bürger teil, die sich aufgrund geringer Rente und Löhne abgehängt und von Einwanderern bedroht fühlen. Auf der Gegenseite stehen nicht nur Antifa-Aktivisten, sondern auch Bürger, die sich klar gegen Rechtsextremismus positionieren wollen. Klar ist: Die Situation hat sich keinesfalls beruhigt.

-Haben Rechtsextreme Ausländer angegriffen?

Ja. Im Internet kursieren mehrere Videos von vergangenem Sonntag, in denen Demonstranten ausländisch aussehende Menschen attackieren und kurzzeitig verfolgen. Mehrere Ausländer haben Anzeige erstattet. Zu wie vielen Angriffen es genau kam, ist noch nicht klar. Die Chemnitzer Polizei teilt auf Anfrage mit, eine abschließende Bilanz gebe es noch nicht. Regierungschef Michael Kretschmer erklärte am Donnerstag, es habe 25 vergleichbare Vorfälle wie jenen auf dem Video gegeben. Zudem sei schon ein Einzelfall einer zu viel. Auch Journalisten, die am Sonntag vor Ort waren, berichten von einer extrem aggressiven und feindseligen Stimmung. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat wegen der Ausschreitungen einen Prüfvorgang eingeleitet.

Bei den Demonstrationen am Montagabend gab es vereinzelt Stein- und Flaschenwürfe. Zudem flogen aus beiden Lagern Feuerwerkskörper. 20 Menschen, darunter zwei Polizisten, wurden verletzt. Außerdem wird gegen mehrere Personen ermittelt, die den Hitlergruß gezeigt hatten.  dpa/mm

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