„Chemnitz, wir müssen reden“

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Neuer Protest: Teilnehmer der Demonstration von „Pro Chemnitz“. Foto: Reuters

Chemnitz hat Redebedarf. Auf der Straße werden Andersdenkende niedergeschrien. Beim Sachsengespräch bekunden die Bürger ebenfalls ihren Unmut, hören sich aber gegenseitig zu.

Sachsen

Von Martin Kloth und André Jahnke

Chemnitz – Kontroverse Diskussion im Stadion, lautstarkes Streitgespräch auf der Straße: Inmitten einer aufgeheizten Atmosphäre nach dem Tod eines 35-jährigen Deutschen und der folgenden Stimmungsmache gegen Ausländer durch rechte Kräfte haben sich die Chemnitzer am Donnerstag Luft verschafft. Beim sogenannten Sachsengespräch von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und sechs Ministern seines Kabinetts gibt es Beifall, aber auch Pfiffe und Buhrufe von den 400 Teilnehmern für den Regierungschef und die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD).

Derweil stehen in Sicht- und Hörweite nach Polizeiangaben 900 Teilnehmer einer Demonstration, die die rechtspopulistische Bewegung „Pro Chemnitz“ initiiert hat. Während der Einführungsrede von Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) schallt von dort der Ruf „Hau ab! Hau ab!“ durch die geöffneten Fenster des Businessclubs – gemünzt war dies jedoch auf Kretschmer.

„Ich fand, das war 50:50 – 50 Prozent Zustimmung für den Ministerpräsidenten und die Oberbürgermeisterin. Aber das kann auch gar nicht anders sein hier in dieser besonderen Situation“, fasst der sächsische Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) seine Eindrücke vom Bürgerdialog zusammen. Die „besondere Situation“ ist der Tod des Chemnitzers am vergangenen Sonntag nach einer Messerattacke vermutlich durch einen Iraker und einen Syrer, die in Untersuchungshaft sitzen. So bittet Kretschmer die Teilnehmer am Sachsengespräch um eine Schweigeminute und erntet dafür Applaus. Man sei in Gedanken bei der trauernden Familie, der Frau und Freunden, sagt er. Man werde alles dafür tun, dass dieses Verbrechen aufgeklärt und gesühnt werde.

Mehr Gegenwind als Kretschmer weht der Chemnitzer Stadtchefin schon entgegen, als sie das Mikrofon in die Hand nimmt. „Die Stadt schwankt zwischen Liebe und Hass“, sagt sie. Lautstarke Empörung auch durch Zwischenrufe schlägt ihr entgegen, als sie den Abbruch des Stadtfestes mit der unwahren Begründung „aus Pietätsgründen“ abermals verteidigt. Tatsächlicher Grund waren Sicherheitsbedenken wegen einer Spontandemo mit Übergriffen auf Ausländer. „Natürlich wühlt das auf, wenn Flüchtlinge hierher kommen, um Schutz zu suchen, und sich dann nicht an die Regeln halten“, sagt die 56-Jährige. Es gehe aber nicht, dass man seine Meinung mit Gewalt und Hetzjagden ausdrücke, betont sie – und bekommt Beifall. „Chemnitz, wir müssen reden“, sagt Dulig und gibt damit das Motto für die anschließenden Gesprächsrunden vor. Es wird geredet, es wird argumentiert, aber auch zugehört.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng an diesem Abend, das Polizeiaufgebot vor dem Stadion massiv. Die Polizeiführung hatte aus den beiden Kundgebungen am Montag gelernt, als knapp 600 Beamte zwischen 7500 Demonstranten aus zwei rivalisierenden Lagern stand. Die sächsische Polizei wurde von Kollegen aus fünf Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt. Die eingesetzten Beamten agieren rigoros.

Für diesen Abend zumindest gibt es keine Ausschreitungen. Nach gut eineinhalb Stunden löst sich die Demonstration auf. Ruhe wird in Chemnitz aber noch lange nicht einkehren. In den kommenden Tagen sind weitere Demonstrationen und Kundgebungen verschiedener politischer Lager geplant.

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