VIELE FIRMEN SCHAFFEN GERADE DAS „SIE“ AB – UND DER BAYER DUZT SOWIESO GERNE: EIN KLEINER RATGEBER FÜR DIE KORREKTE ANREDE

Chef, du machst das falsch!

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San mir per Du? Im Haus des Gastes in Oberstaufen stellt sich die Frage nicht. Am „Duz“-Schalter der Touristinfo sind die Gäste per Du mit den Mitarbeitern. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Duzen im Job . München – Kennen Sie das?

Sie haben eine neue Stelle angetreten und schon beginnt die große Verwirrung: Die Chefin schickt Sie mit anderen neuen Kollegen in die Büros, mit den Worten: „Ich hoffe, die Räume gefallen euch.“ Da hat sie alle glatt geduzt. Duzen Sie zurück? Und was, wenn Sie Ihre Vorgesetzte mal kritisieren wollen? In vielen Unternehmen in Deutschland gehört das Du jetzt zum guten Ton – passt dem duz-freudigen Bayern das?

Nimmt das Duzen in Unternehmen zu?

Ja. Hos – so lässt sich heute der Vorstandschef der Otto-Group von seinen 52 000 Mitarbeitern rufen, nicht etwa mehr Herr Schrader, nicht einmal Hans-Otto. Hos allein macht natürlich keinen Trend – dafür sind wohl weder Schrader noch die Otto-Group die Richtigen. Aber der Konzern macht beim Trend mit, und die medienwirksam verbreitete Entscheidung Schraders stieß viele mit der Nase drauf: Große Unternehmen müssen sich anpassen an eine neue Kultur.

Eine erste Welle des Duzens in deutschen Unternehmen gab es zwar schon in den 1980er- und 1990er-Jahren, übernommen aus den USA. Das ging in den 2000ern zurück – heute aber kommt das Du wieder, auch in Bayern. So beobachtet es Achim von Michel, der Landesbeauftragte des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft. Es gibt viele Start-ups, in denen sofort und ausschließlich geduzt wird – und viele größere, die so cool sein wollen wie Start-ups. Eine neue Unternehmergeneration ist auch noch dran, die das Althergebrachte ablöst. Zudem, erklärt der Arbeitspsychologe Tim Hagemann, kommunizieren heute viele Unternehmen international und dadurch auf Englisch. Dort gibt es unser Sie nicht. Und auch die Digitalisierung verändert wie wir reden. Rechtschreibung, hierarchietreue Anreden, Hierarchie überhaupt: alles weniger wichtig als früher.

In welchen Branchen ist das Du besonders verbreitet?

Servus, hock di her! Für Handwerker ist der Weg zum Du meist nicht weit. Wer zusammen auf die Baustelle fährt, einen Dachstuhl zimmert oder eine Zufahrt pflastert und dazwischen Brotzeit macht, landet schnell bei der informellen Ansprache. Auch mit dem Chef. Man muss oft schnell zupacken, die Teams sind klein. Das ist kein Trend, sondern Tradition.

In kleineren Unternehmen – nicht nur im Handwerk – ist das reine Du häufiger als in größeren. In Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitern duzt jeder Zweite alle Kollegen und Vorgesetzten – so zumindest zeigt es eine Studie der Online-Jobbörse Stepstone und der Managementberatung Kienbaum aus dem vergangenen Jahr mit 17 000 Befragten. Über alle Firmengrößen hinweg ist es immerhin jeder Dritte.

Das heißt aber auch, dass – laut der Studie – zwei Drittel zumindest ihre Chefs und Chefinnen sehr wohl siezen. Und in bestimmten Branchen bleiben viele gegenüber allen Kollegen beim Sie: In der Metallbranche und in Banken duzt nur etwa ein Fünftel der Studienteilnehmer alle Kollegen, im öffentlichen Dienst sind es sogar nur 15 Prozent. Beamte duzen einander seltener als Marketing-Leute.

Bei denen, klar, ist das Du besonders weit verbreitet. Im Bereich Public Relations und in der IT- und Internet-Branche sind der Studie zufolge mehr Menschen mit allen Kollegen per Du als in allen anderen Bereichen (jeweils 70 Prozent). Das Du, der Bürge dafür, dass die Firma auf jeden Fall modern ist, jung und kreativ.

Was versprechen sich die Firmen davon?

„Eine Art verbaler Startschuss für unser Projekt Kulturwandel 4.0“ – so erklärte Vorstandschef Hans-Otto Schrader damals sein Angebot, ihn zu duzen. Der Konzern wolle seine Mitarbeiter stärker einbinden. Und Hos – das klinge „doch frischer als Hans-Otto“. Wie „frisch“ das Du dann wirklich ist, wenn es so beworben werden muss, bleibt dahingestellt. Handwerksbetriebe brauchen jedenfalls eher keine Imageberater, die dem Chef empfehlen: „Lassen Sie sich von Ihren Mitarbeitern duzen, das ist gut für Ansehen und Betriebsklima.“

Größere Unternehmen jedoch stehen in Konkurrenz mit coolen Start-ups, sie kämpfen um die jungen Klugen auf dem Markt. „Ich denke, das hat schon mit einer Wohlfühl-Atmosphäre zu tun, die Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels gerne verbreiten möchten“, sagt BVMW-Landesbeauftragter von Michel. Es gehe um Mitarbeiternähe und Team-Spirit. Flachere Hierarchien statt althergebrachter Strukturen sollen in vielen Unternehmen helfen, sagt er, agiler und schneller zu reagieren.

Wie gut lässt es sich per Du kritisieren?

Manche können’s und mögen’s, andere nicht. „Das Sie hilft – zumindest in unserer Kultur – eine formale Distanz aufrecht zu erhalten, Ansagen und Bewertungen sind immer noch leichter zu vermitteln per Sie“, sagt Hagemann. In Schweden etwa wird – bis auf die Königsfamilie – jeder geduzt. Trotzdem behandeln die Menschen einander respektvoll und freundlich. Sie finden dafür aber subtilere Wege. Fremde nutzen andere Höflichkeitsfloskeln als Vertraute, es ist nicht zu verwechseln mit dem Verzicht auf Distanz.

Darf ich meinen Chef zurückduzen? Und wie kläre ich das?

In unklaren Situationen lieber weiter siezen – und warten, bis die Chefin oder Chef das Du explizit anbietet. Diese Regel empfiehlt Arbeitspsychologe Hagemann. Aus einem „ihr“ oder „euch“ an eine Gruppe würde er noch nicht schließen, dass man zurückduzen darf. „Im Zweifel kann man den Chef auch direkt fragen: Sind wir beim Sie oder beim Du?“

Muss der Ältere noch immer das Du anbieten?

Dass der Ältere das Du anbietet, war früher ein stärkeres Gebot. Aber es greift laut Hagemann durchaus noch immer. Nicht bei allen – Menschen aus der 68er-Generation halten davon vielleicht nicht so viel. Aber sicher ist man auch da gut bedient mit der alten Höflichkeit. Gibt es noch immer absolute Verbote? Auch wenn zwischen den Handwerkern das Du leicht von der Hand geht – eine Einschränkung in diesen Berufen gibt es dann doch. Den neuen Kunden sollte man natürlich nicht sofort duzen, findet Jens Christopher Ulrich, Sprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Auch Jugendliche, die gerade mit der Ausbildung angefangen haben, sagen besser auch nicht gleich am zweiten Tag: „Servus, Meister, wie geht’s dir?“ Das könnte sonst peinlich werden.

Sicher peinlich und vielleicht sogar kontraproduktiv wird es, wenn das Du von Oben als Strategie für mehr Gleichheit in der Firma beworben wird – ohne dass sich wirklich etwas verbessert. „Das Du muss zum restlichen Umgang in der Firma passen“, sagt Arbeitspsychologe Hagemann. „Miteinander auf Augenhöhe zu reden, wofür das Du stehen soll – das muss auch tatsächlich passieren. Wenn aber ansonsten recht strenge Hierarchie herrscht, dann wird’s schräg.“

Und wie passt dem duz-freudigen Bayer das Du im Betrieb?

Das Duzen gehört für viele zum Bairischen dazu, Sie und Ihr und Ihnen geht denen nicht so leicht von der dialektalen Zunge. Für Anthony Rowley, Sprachforscher und Experte für den bairischen Dialekt, ist das Duzen nicht allein dem Bayern so lieb. „Das Duzen ist ja ein Indiz der Zusammengehörigkeit und des nicht hierarchischen Nebeneinanders“, sagt er. Mit dem Du signalisiere man also Zugehörigkeit zur gleichen Gruppe und dass man nicht auf Form oder Konventionen bestehe. „Das macht das Du in den Umgangssprachen Deutschlands überhaupt recht populär.“ Auch auf dem Bauernhof, am Bau – da könne der Chef bei allem gehörigen Respekt geduzt werden, erklärt der Dialektologe. „Aber je klarer die hierarchische Machtverteilung, umso weniger gerne wird sich der Sprecher das Du aufschwatzen lassen.“

Sophie Rohrmeier

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