Der Bub, der Krieg und die Granate

Richard Hirschmann, 79, ist eines der letzten Opfer des Zweiten Weltkriegs. Eine vergessene Granate zerfetzte ihm als Buben beide Beine. Doch gerade aus dieser Katastrophe hat er Kraft geschöpft – für ein erfülltes Leben.

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg

Richard Hirschmann, 79, ist eines der letzten Opfer des Zweiten Weltkriegs. Eine vergessene Granate zerfetzte ihm als Buben beide Beine. Doch gerade aus dieser Katastrophe hat er Kraft geschöpft – für ein erfülltes Leben.

von dirk walter

Putzbrunn – Erst will er nicht. Dann kommt Richard Hirschmann, 79, doch leicht hinkend und mit Gehstock auf die andere Seite der Glonner Straße – an den Gedenkstein, den die Gemeinde Putzbrunn hier aufgestellt hat, zur Erinnerung an den „schrecklichen Unglücksfall“. An die Katastrophe, die Hirschmanns Leben änderte.

Lastwagen donnern vorbei. Dabei ist der Stein ein Ort zum stillen Innehalten. „In ehrendem Gedenken“, steht auf einer Metalltafel an dem Monolithen, und dann fünf Namen: Anton und Heinrich Tomasini, Johann Himmelsbach, Rudolf Kosteletzky, Franz Walter.

Zwei weitere Kinder, heißt es weiter, hätten damals, 1945, das Unglück „mit schweren Verletzungen“ überlebt. Einer davon ist Richard Hirschmann, der jetzt vor dem Stein steht. Früher war er Unternehmer. Er besitzt in Putzbrunn ein großes Bürogebäude und ein Haus und ist „in der Welt viel rumgekommen“, wie er nicht ohne Stolz erzählt.

Für das Foto verbirgt er seinen Gehstock elegant hinter dem Stein. Muss ja keiner sehen. Am liebsten wäre ihm, wenn niemand Aufhebens um seine Behinderung machen würde. Er wollte weder, dass sein Name auf der Metalltafel erscheint, noch dass der zweite Bürgermeister Albert Tomasini, Bruder zweier Verstorbener, ihn bei der Einweihungsrede für den Gedenkstein vor drei Jahren auch nur erwähnt. Es gehe ihm doch gut, sagt Richard Hirschmann.

Nur manchmal, wenn der Phantomschmerz ihn quält, nimmt er eine Tablette. Treppensteigen ist etwas mühsam. Aber er will nicht jammern, das ja nicht. „Ich will kein Mitleid, und zahlen muss mir niemand was.“ Weil er so tapfer ist, ärgert er sich fürchterlich über manche Zeitgenossen. Auf einer Kreuzfahrt war er bei Landausflügen immer der letzte und bekam den schlechtesten Platz im Bus. Niemand rutschte auf die Seite. „Das mache ich nie mehr“, beschloss Hirschmann. Aber er hatte ja auch keinem erzählt, warum er einen Gehstock hat. Und dass er auf zwei Prothesen geht. Denn Richard Hirschmann ist ohne Beine groß geworden.

Wenn man so will, ist er eines der letzten Weltkriegsopfer. Er war zehn, der Zweite Weltkrieg schon zwei Monate vorbei, als das Unglück ihn traf. Damals, am 1. Juli 1945, einem Sonntag, im kleinen Putzbrunn östlich von München. Als eine Granate eine Wunde ins Dorf riss.

Dabei war man in Putzbrunn, damals 500 Einwohner, ja gottfroh gewesen, den Krieg überstanden zu haben. Ohne Verluste war es nicht gegangen. Welche Schneisen der Krieg in das kleine Dorf schlug, lässt sich in der Dorfmitte besichtigen. Gleich neben dem Maibaum, der so schön weiß-blau in der Sonne strahlt, steht das Kriegerdenkmal für die Kriege 1870/71, 1914/18 – und vor allem 1939/45. In den sechs Jahren Krieg sind 22 Einwohner gefallen, sieben weitere seither vermisst. Darunter ist Richards Vater Karl. Sein Name ist in das Weltkriegs-Denkmal gemeißelt. „Russland, Mittelabschnitt“, sagt sein Sohn heute knapp. Viel mehr weiß er nicht.

Es gab zuletzt sogar Fliegerangriffe auf das Dorf. Doch mit den Amerikanern, die nach dem Einmarsch am 1. Mai in Putzbrunn noch einen Autofahrer erschossen hatten, hatte man sich nun arrangiert. Das Leben begann wieder auf dem Land in Oberbayern. Ohne Angst, ohne Nazis.

Der kleine Richard ist an jenem Sonntag froh, dass die Kirche endlich aus ist. Er macht sich, anders als seine Mutter, nicht viel aus Religion. Es ist kurz nach 10 Uhr. 100 Meter entfernt sieht er seine Freunde. Den Franz, den Anton, den Heinrich. Einer, der Franz, hat jetzt einen armlangen Metallkörper in der Hand. Richard Hirschmann weiß sofort, was das ist: eine Granate, eine Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkriegs.

Woher der Franz sie hatte, weiß man heute nicht. Vielleicht lag sie einfach im Straßengraben. Die Dörfer Oberbayerns waren damals voll von dem Zeug. Munition aller Art, selbst Waffen, hatten flüchtende Wehrmachts-Einheiten damals liegenlassen – in Putzbrunn und anderswo. Nicht nur München war schwer aus der Luft bombardiert worden, auch über Orte in der Nachbarschaft ging der Bombenhagel nieder. „Gegen tausend Splitterbomben“ seien am 9. Juni 1944 auf Putzbrunn gefallen, notierte der Putzbrunner Pfarrer Karl Seeböck im August 1945 in einer Art Kriegsbilanz. Auch am 22. November 1944 fielen Bomben. Und kein Sprengkommando kam, um die todbringenden Blindgänger wegzuschaffen. Sie blieben einfach liegen. „Wenn es einen Vorwurf gibt, den man den damaligen Erwachsenen machen muss“, sagt Richard Hirschmann, „dann den: Niemand hat die Granaten weggeräumt.“

Dann sagt er: „Ich habe mich ganz gut ausgekannt mit dem Zeug.“ Beim Opa in der Schmiede durfte er schweißen, und wie Buben damals halt so waren, brachte er auch manche Granate nach Hause, die dann fachkundig aufgebohrt wurde. Die Pulverstangen haben sie in Konservendosen gesteckt und angezündet. Machte einen Riesenwumms.

Nie ist was passiert – bis zum 1. Juli 1945. Richard Hirschmann sieht noch, wie sich ein kleiner Propeller am Ende der Granate dreht. Und wie der Franz, wohl vor Schreck, das Ding fallen lässt. Genau mit dem Aufschlagszünder schlägt die Granate auf dem Boden auf. Und explodiert.

Vier Buben sind sofort tot. Ein fünfter, Rudolf Kosteletzky, ist schwer verletzt. „Rudi, was schreist’ denn so“, hat Richard Hirschmann ihn direkt nach dem Unglück noch angebrüllt. Dass dessen Bauchdecke offen war und die Gedärme rausquollen, hatte er da noch nicht gesehen.

Richard Hirschmann hatte noch Glück. Er war vielleicht 10, 15 Meter entfernt, als die Granate explodierte. Man trägt ihn in die kaum 20 Meter entfernte Schmiede seines Großvaters. Er blutet, Granatensplitter haben ihn an den Fußknöcheln erwischt. Im Prinzip keine hochkomplizierte Geschichte. „Es wäre eigentlich nicht tragisch gewesen“, meint Richard Hirschmann. Aber im Perlacher Krankenhaus eitern die Wunden. Das Gewebe zerfällt, wird grün und schwarz. Wundbrand. Über die Einzelheiten redet Richard Hirschmann nicht gerne. Seine Beine werden amputiert. Er hat am Ende, nach mehreren Monaten Krankenhaus, nur noch zwei Stümpfe.

Ein zehnjähriger Bub ohne Beine mitten im Nachkriegschaos – wie geht das? „Ja, wie geht das.“ Richard Hirschmann hört auf, Zither zu spielen, blickt in seinem Wohnzimmer auf. Die gute Stube: Zinnteller an der Wand, holzgetäfelt, großer Esstisch. Richard Hirschmann, halb geschlossene Augen, spielt oft Zither. Es lenkt ab und beruhigt. Er überlegt kurz, dann sagt er: „Wenn das Unglück nicht passiert wäre – ich glaube nicht, dass was aus mir geworden wäre.“

Der kleine Richard aber hat Glück, der Dorflehrer nimmt sich des Buben an. Er heißt Spindler, ist Sudetendeutscher und Vertriebener und frisch versetzt ins kleine Putzbrunn. Vielleicht will er hier zeigen, dass er es gut meint mit der Dorfbevölkerung, vielleicht ist er auch ein Menschenfreund.

Jedenfalls bringt er dem Richard das Zither-Spielen bei. Bald gibt es gesellige Volksmusikrunden, und 1948 schaut ein gewisser Kiem Pauli in Putzbrunn vorbei und wird auf den Buben aufmerksam. „Dem lieben Richardl zugeeignet zur Erinnerung an seinen Kiem Pauli“ hat der damalige Gott der bayerischen Volksmusik mit Tinte in ein Liederbuch geschrieben, das er dem Richard schenkt. Fürs Foto setzt er sich neben ihn und legt väterlich die Hand auf seine Schulter. Und der damals 12-Jährige strahlt. Er weiß: Er kann was, er wird respektiert im Dorf.

Aber vom Zither-Spiel kann man nicht leben – und so muss sich Richard nach einem Beruf umsehen. Er kommt ins „Krüppelheim“, so nennt man damals die Schule für Körperbehinderte in München, die er einfach „blöd“ findet. Widerwillig lernt er das Handwerk des orthopädischen Schuhmachers, wird sogar Klassenbester. Dann geht er zu Zündapp – Nähmaschinenbau. Zwischendrin heiratet er, ein fescher Bursche, dem die Frauen nachlaufen, obwohl er keine Beine hat, sondern Prothesen. Erst aus Holz, später aus Kunststoff.

Einen Rollstuhl lehnt er ab. Er fährt lieber Auto im Wirtschaftswunderland. Gas gibt er mit der Hand. Sein erster Wagen ist, in den 1960er-Jahren, ein Porsche 911. Er macht seinen Gesellenbrief in Fernsehtechnik – in Putzbrunn ist er bald der Fernsehdoktor, der nach Feierabend die Apparate aus der Nachbarschaft repariert. Es folgen Abendschule, eine Job bei MBB, und dann macht sich Richard Hirschmann selbständig: Medizintechnik, Magnetfeldgerätebau. Am Ende hat er fast 30 Angestellte. Richard Hirschmann hat es geschafft. Mit 66 verkauft er seine Firma. Wenn man so will, hat Richard Hirschmann gelernt, auf beiden Beinen im Leben zu stehen – auch wenn das in seinem Fall ausgeschlossen schien.

(Eine Nachbemerkung: Manchmal ärgert sich Richard Hirschmann über Dinge, die in der Zeitung stehen. Zum Beispiel über den ehemaligen Miesbacher Landrat Kreidl, der sich eine opulente Geburtstagsfeier von der Sparkasse spendieren ließ. Als die Geschichte im Frühjahr dieses Jahres in unserer Zeitung erschien, hat sich Richard Hirschmann fürchterlich darüber aufgeregt. Diese Mitnahme-Mentalität! Am liebsten hätte er diesem Herrn Kreidl persönlich die Meinung gegeigt. Geht natürlich nicht. Weswegen er in unserer Redaktion anrief. Und seine Geschichte erzählte.)

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