Brückenschlag über den Wolken

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Das Signal ist durchaus bemerkenswert: Papst Franziskus hat für einen offeneren Umgang mit Homosexuellen geworben. Über sie wolle er nicht den Stab brechen, erklärte er. Ist das eine Revolution? Wohl kaum. Doch zumindest ändert sich der Ton im Vatikan.

Papst Franziskus und seine Äusserungen im Flugzeug

Das Signal ist durchaus bemerkenswert: Papst Franziskus hat für einen offeneren Umgang mit Homosexuellen geworben. Über sie wolle er nicht den Stab brechen, erklärte er. Ist das eine Revolution? Wohl kaum. Doch zumindest ändert sich der Ton im Vatikan.

Von Robert Arsenschek und claudia Möllers

München – Der Papst geht immer als Letzter an Bord. Er fliegt erste Klasse, die Kardinäle und Bischöfe sitzen in der Businessclass, ganz hinten die Journalisten. In der Luft gibt es Essen, fürstliches Essen, dazu erlesene Weine – für alle Klassen. Dann kommt der Papst zu den Journalisten. Er schlendert durch die Gänge, schüttelt Hände, aha, Sie sind Franzose, schau an. Er plaudert mit jedem, beantwortet spontan Fragen, auch heikle, es geht informell zu, ja persönlich.

So war das einst unter Johannes Paul II., dem weltreisenden Papst. Zumindest, solange er rüstig war. Aber eines ist klar: „Er hat diese Pressekonferenzen im Flugzeug erfunden“, sagt Marco Politi, 65, der 20 Jahre lang für die italienische Zeitung „La Repubblica“ aus dem Vatikan berichtete und jetzt für „Il Fatto Quotidiano“ schreibt. 80 Papst-Reisen hat er auf dem Buckel, hat ein Buch über Benedikt XVI. geschrieben, und er weiß auch, dass sich die Gepflogenheiten in luftiger Höhe unter ihm änderten. Man musste die Fragen vorher einreichen, es ging steifer zu. Manchmal gab es dennoch auf der Erde ein Beben, das im Flugzeug begann – etwa, als Benedikt 2009 vor seiner Afrikareise den Gebrauch von Kondomen rügte.

Nun also Franziskus. Und der macht es offenbar wie sein Vorvorgänger. Der Papst habe auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro alle Fragen „ungefiltert und unlimitiert“ beantwortet, erzählt ein Teilnehmer. Ein Unterschied zu Johannes Paul: Franziskus ging nicht zu den 70 Journalisten nach hinten, sondern ließ sie nach einer kurzen Rede im Gang des Flugzeugs einzeln zu sich kommen. Zudem sprach er erst auf dem Rückflug – um ja die Reise mit Debatten nicht zu überschatten. Und eine Sache machte er genau so wie Benedikt: Er löste mit einer Äußerung ein Erdbeben aus.

Für Überraschung sorgten vor allem seine Worte, die er zum Thema Homosexualität fand. Der Pontifex Maximus, also der Oberste Brückenbauer, will nicht ausgrenzen, sondern mitnehmen und verbinden. „Wenn jemand schwul ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, dass ich ein Urteil über ihn fälle?“, zitierten die Medien den Papst aus der fliegenden Pressekonferenz über den Wolken. Er antwortete dabei auf eine Frage zur Haltung der Kirche zu homosexuellen Priestern. Zugleich betonte Franziskus: Der Katechismus erkläre das gut: „Er sagt, dass sie deshalb (wegen der Homosexualität) nicht diskriminiert werden dürfen, sondern in die Gesellschaft integriert werden sollen.“

Ist das ein Kurswechsel des Vatikan? Ein Umbruch? Oder gar eine Revolution? Das nicht, glaubt Experte Politi. Denn: „Was die Grundsätze der katholischen Kirche anbelangt, ist der Papst sehr konservativ.“ Was neu ist, das sei der persönliche Ton – und noch etwas mehr: „Franziskus hat eine andere Art als Benedikt, mit den Gläubigen umzugehen.“ Er wolle ihnen zeigen, dass die Kirche für alle da ist.

In der Lehre der Kirche gelte bis jetzt das Prinzip, dass man Homosexuellen nicht die Absolution geben könne, das sei ein Diktat bis hin zu Benedikt gewesen. In den Gemeinden werde das ohnehin schon teilweise anders gehandhabt. „Und jetzt werden die Pfarrer fühlen, dass ein menschlicher Umgang mit den Homosexuellen auch gebilligt ist.“ Keine neue Lehre, aber eine neue Offenheit.

Die stößt im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) auf große Zustimmung. „Der Papst ist dabei, die Gesprächskultur in der katholischen Kirche zu verändern“, sagte ZdK-Präsident Alois Glück. „Er greift Themen auf, die bislang tabuisiert waren oder verdrängt wurden. Er wirbt für eine Atmosphäre des angstfreien Gesprächs, und das ist für den Geist in der katholischen Kirche von überragender Bedeutung.“

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ hat die Äußerungen ebenfalls begrüßt. Sprecher Christian Weisner sagte: „Dies kann und muss ein Befreiungsschlag für alle Priester sein, die homosexuell sind und dies bisher verbergen mussten.“ Bisher hätten schwule Priester oftmals in Angst vor Erpressung oder in Angst vor kirchlichen Sanktionen leben müssen. Es sei bemerkenswert, dass Franziskus sich kein Urteil über die sexuelle Orientierung anderer Menschen anmaße.

Es gebe aber auch warnende Stimmen bei „Wir sind Kirche“: Man dürfe die Dogmatik nicht unterschätzen – und auch nicht die Kirchenrechtler. Doch Weisner sieht für grundsätzliche Veränderungen im Vatikan durchaus Chancen. „Überall brechen große Systeme zusammen“, sagt er unserer Zeitung. Das sei nicht nur in der arabischen Welt zu beobachten. Das betreffe auch die USA mit dem Skandal um die Datenausspähung. „Es gibt im Rahmen der Kirche Strukturen, die den Menschen auch weltweit weiterhelfen können“, glaubt Weisner. Inklusion, Integration, Dialog und Gerechtigkeit: Alles das sei im II. Vatikanischen Konzil grundgelegt. „Nur ist man hier in den vergangenen 35 Jahren zurückgerudert.“

Womöglich wird der deutschen Amtskirche die Euphorie um Franziskus langsam etwas unheimlich. Man sorgt sich, dass der Lateinamerikaner durch seine erfrischende, menschenfreundliche Art Erwartungen gerade bei kritischeren Katholiken weckt, die er nicht einhalten kann. So wird auf die lateinamerikanische Mentalität von Franziskus verwiesen, auf die Kluft zur paragrafen-fixierten Betrachtung gerade vieler deutscher Katholiken. In Südeuropa und Lateinamerika gehe man viel lockerer mit kirchenrechtlichen Bestimmungen um, heißt es. Franziskus demonstriert hingegen immer wieder, dass die Sorge um die Menschen im Vordergrund stehen müssen. „Gott ist barmherzig“ – da dürfe doch die Mutter Kirche nicht unbarmherzig sein.

Franziskus sprach sich denn auch im Flugzeug für eine stärkere Einbindung der Frauen in der Kirche aus. Mädchen seien heute Messdiener, Frauen hielten die Lesung, es müsse aber noch mehr geschehen – „auch auf der Ebene der Theologie“, sagte der Papst, ohne Details zu nennen. Zugleich erinnerte Franziskus jedoch an das Nein von Papst Johannes Paul II. zur Frauenordination. „Diese Tür ist geschlossen“, sagte er. Und wieder: strikt in der Lehre, offener im Umgang.

ZdK-Chef Glück bringt es auf den Punkt: Im Hinblick auf die Lehre der Kirche habe der Papst nichts revolutionär Neues gesagt – „aber er setzt andere Akzente“, sagte Glück. „Dabei geht es nicht nur um Homosexuelle.“ Er thematisiere auch, dass die Ehe pastoral überarbeitet werden solle. „Das ist in Deutschland ein ganz heiß diskutiertes Thema bei den Menschen, die nach einer Scheidung wieder heiraten, deswegen nicht zu den Sakramenten zugelassen sind und sich von der Kirche abwenden“, sagte der frühere CSU-Politiker.

Auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat zuletzt immer wieder betont, dass sich beim Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen etwas verändern muss in der Kirche. Nichtsdestotrotz hält er daran fest, dass es nur eine gültige sakramentale Ehe gibt. Ob allerdings diese Frage von dem Beratergremium aus acht Kardinälen, dem auch der Münchner Reinhard Marx angehört, mit dem Papst erörtert wird, scheint fraglich. Vom 1. bis 3. Oktober wird das Gremium erstmals tagen. Zunächst wird es wohl um größere Fragen gehen: nämlich die Reform der Kurie.

Allerdings hat die Glaubenspraxis die Theorie längst eingeholt: In vielen Pfarrgemeinden gehen wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion, ohne dass jemand Anstoß nimmt. Das eine ist halt das Ideal – dass eine Ehe ein Leben lang hält. Und das andere ist die Realität – mit hohen Scheidungsraten. Die Kunst besteht darin, die Bedeutung des Ehesakraments auf der einen Seite unangetastet zu lassen – und zugleich die Menschen, deren Ehe gescheitert ist und einen Neuanfang wagen, nicht zu diskriminieren.

Marco Politi glaubt: „Bei der Frage der Wiederverheiratung wird es sehr bald Veränderungen geben.“ Schließlich stehe bei Papst Franziskus die Barmherzigkeit an vorderster Stelle.

 (mit Material von dpa)

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