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„Bin bereit, über alles zu reden.“ SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen am Wahlabend, neben ihr Münchens OB Dieter Reiter. Foto: Shutterstock

SPD bricht ein: „Am Ende sind wir verreckt“ Die SPD hat sich halbiert: Mit dem schlechtesten Ergebnis, das die Partei jemals bei einer Landtagswahl erreicht hat, schlittern die bayerischen Genossen mit Spitzenkandidatin Natascha Kohnen tief in die Krise.

SPD bricht ein: „Am Ende sind wir verreckt“

Die SPD hat sich halbiert: Mit dem schlechtesten Ergebnis, das die Partei jemals bei einer Landtagswahl erreicht hat, schlittern die bayerischen Genossen mit Spitzenkandidatin Natascha Kohnen tief in die Krise.

VON STEFAN SESSLER

München – Es herrscht Totenstille. Keiner sagt einen Mucks. Im Fernsehen laufen die ersten Hochrechnungen, doch die Menschen bei der SPD-Wahlparty schweigen. Eine Minute, zwei Minuten, es sind gespenstische Szenen, die sich kurz nach 18 Uhr im zweiten Stock des Landtags abspielen. Es ist wie bei einer Beerdigung. Einige Genossen umarmen sich – um sich gegenseitig zu trösten. Manche haben noch nicht mal dazu die Kraft.

Isabell Zacharias, SPD-Direktkandidatin in München-Schwabing, steht neben einem der Bistrotische. Sie sieht mitgenommen aus. Sie erzählt von 1000 Hausbesuchen, die sie im Wahlkampf gemacht hat. Von den großen Errungenschaften der Sozialdemokratie wie der Einführung des Frauenwahlrechts, von ihrem Einsatz für alleinerziehende Mütter. Alles für die Katz? So fühlt es sich an diesem historischen Abend für viele an. Eine politische Idee kämpft ums Überleben, auch so fühlt es sich an. Die bayerische Sozialdemokratie sucht sich selbst. „Ich habe heute schon geweint“, sagt die SPD-Abgeordnete Zacharias. „Wir hatten die richtigen Themen und die richtige Spitzenkandidatin – aber wir sind am Ende verreckt.“

Wenige Minuten später kommt Natascha Kohnen auf die Bühne. Die Miene ist versteinert: Die Spitzenkandidatin der bayerischen SPD ringt um Fassung. Sie sei bereit, „über alles zu reden“, sagt sie. Auch über personelle Konsequenzen. Am Abend fordert niemand ihren Rücktritt, aber sie weiß, dass es für sie in den nächsten Tagen eng werden könnte. Dieser Abend sagt sie, „tut unglaublich weh. Aber wir hatten auch keinen Rückenwind aus Berlin“. Diese Worte fallen immer wieder: fehlender Rückenwind. Die Große Koalition ist der Klotz am Bein, der die Bayern-SPD versenkt hat. So sehen das viele bei der Wahlparty, die natürlich keine Party ist, sondern ein Trauerzug.

Das Problem: In zwei Wochen wird in Hessen gewählt. Die Bayern-SPD hat die schwerste Niederlage seit Bestehen der Demokratie im Freistaat erlitten, aber trotzdem gibt es eine Art Rest-Loyalität Parteichefin Andrea Nahles gegenüber, um die nächste Landtagswahl nicht vollends mit ins Verderben zu ziehen. Trotzdem wird Kohnen deutlich. Sie sagt: „Wir dürfen nie wieder halbe Wege gehen.“ Ein Seitenhieb nach Berlin – und wohl auch eine klare Absage an eine Koalition mit der CSU, die zumindest rechnerisch wahrscheinlich möglich wäre. Natascha Kohnen sagt: „Viele Menschen haben eine Skepsis, was die Sozialdemokratie betrifft.“ Die SPD und der Freistaat haben sich offenbar entfremdet. Jene Partei, die sogar mal den Ministerpräsidenten gestellt hat, ist nur noch fünftstärkste Kraft. 2013 hat Christian Ude als Spitzenkandidat 20,6 Prozent geholt. Jetzt hat die SPD das Ergebnis nochmal halbiert.

Neben Kohnen steht Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter auf der Bühne. Er sagt: „Es ist ein bitterer Abend für die bayerische Sozialdemokratie. Es muss uns wieder gelingen, dass uns die Menschen glauben.“ Es ist die schlimmstmögliche Analyse des Wahldesasters – die SPD zweifelt ihre eigene Glaubwürdigkeit an. Gleichzeitig betont Reiter, dass die Partei mit den richtigen Themen in den Wahlkampf gegangen sei. Bezahlbares Wohnen. Soziale Sicherheit. Das, sagt er, seien genau die Themen, die den Wählern wichtig sind. Trotzdem wählen sie nicht SPD. „Aber bevor wir heute hier klug reden und vorschnelle Ideen haben“, sagt Reiter, „müssen wir nachdenken.“ Er appelliert, keine vorschnellen Personaldebatten anzuzetteln.

Da sind andere schon weiter. SPD-Landtagsabgeordneter Florian von Brunn fordert einen radikalen Schnitt. „Wir haben nie analysiert, warum die Grünen so stark sind“, sagt er. „Natascha Kohnen sollte das Gegenstück zu Söder sein, aber die Strategie hat nicht funktioniert.“ Kohnen wollte anders sein, zurückhaltend, bescheiden, leise. Auf ihren Wahlplakaten stand in großen Lettern: Anstand. Es gibt einige in der Partei, die sich stattdessen mehr Aufstand gewünscht hätten. Von Brunn sieht nur noch eine Lösung, wie sich die Bayern-SPD retten kann: Der komplette Landesvorstand, dem er auch angehört, soll zurücktreten. „Alles muss auf den Prüfstand“, sagt er. Denn eine weitere Halbierung überlebt diese stolze Partei tatsächlich nicht.

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