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Bestechung in der Praxis

Interview mit Ärztin . Die Ärztin Christiane Fischer aus Hamm in Nordrhein-Westfalen kämpft mit der Vereinigung „MEZIS“ (Mein Essen zahl’ ich selbst) gegen Korruption im Gesundheitssystem.

Ein Gespräch über Mauscheleien, Mondpreise für Medikamente und das Wohl des Patienten.

-Frau Dr. Fischer, wie groß ist das Problem der Bestechung in deutschen Arztpraxen?

Eine Studie besagt, dass sich 45 Prozent der Ärzte für unbestechlich halten. Über ihre eigenen Kollegen denken sie jedoch anders: Sie schätzen, dass sich 70 Prozent gelegentlich bis immer beeinflussen lassen. Andere Untersuchungen zeigen, dass sich häufige Besuche von Pharmavertretern darauf auswirken, welches Medikament ein Arzt verschreibt.

-Gab es einen Auslöser, MEZIS zu gründen?

Der gute Ruf der Ärzteschaft kam durch Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung immer mehr in Misskredit. Ärzte gelten als korruptionsanfällig. Wir wollen mit MEZIS ein Gegengewicht dazu setzen und zeigen, dass eine Medizin möglich ist, die auf ethischen Werten beruht.

-Was unterscheidet die Bestechlichkeit von der Vorteilsannahme?

Bei der Bestechung fließt Geld direkt für eine Gegenleistung. Ein Arzt schickt seinen Patienten in ein bestimmtes Sanitätshaus und erhält dafür fünf Euro. Das soll jetzt, in der aktuellen Reform des Bestechungsgesetzes, verboten werden. Ein viel größeres Problem ist die Vorteilsannahme. Das ist eine Art Landschaftspflege. Dabei wird indirekt dafür gesorgt, dass Ärzte einem gewissen Produkt wohlgesonnen sind. Im Gesetzesentwurf ist die Vorteilsannahme noch nicht mit inbegriffen. Damit würde dieser graue Mauschelbereich erhalten bleiben.

-Wie sieht diese Landschaftspflege aus?

Ärzte müssen sogenannte CME-Punkte erwerben, das sind Fortbildungspunkte. Leider werden Fortbildungen oft von der Pharmaindustrie bezahlt oder durchgeführt. Transparency International, eine Organisation, die gegen Korruption kämpft, schätzt, dass 80 Prozent dieser Veranstaltungen von der Industrie gesponsert werden. Wir fordern, dass es nur noch für unabhängige Kongresse Punkte gibt.

-Welche Produkte werden zur Landschaftspflege eingesetzt?

Große Pharmaunternehmen bieten den Medizinern Softwareprogramme an. Wenn diese Software installiert ist, wird bei der Eingabe der Diagnose zuerst ein Medikament dieser Firma angezeigt. Wenn der Arzt faul ist und es schnell gehen muss, klickt er in der Regel das erste Produkt an. Es gibt leider nur eine Software, die komplett werbefrei ist, aber die kostet Geld.

-Wäre es sinnvoll, nur noch Wirkstoffe und keine konkreten Produktnamen mehr zu verschreiben?

Ja, denn dann sucht die Apotheke das günstigste Produkt aus. Das funktioniert aber nur, wenn der Arzt die Rezepte von Hand schreibt. Wenn er eines dieser Softwareprogramme nutzt, ist es nicht mehr möglich, nur den Wirkstoff zu verschreiben. Deswegen wird von den Kassen zu viel Geld ausgegeben.

-Wie viele Pharmavertreter kommen in deutsche Kliniken und Praxen?

Schätzungsweise 15 000 bis 20 000 Pharmavertreter versuchen jedes Jahr, ihre Produkte zu vermarkten. Zusammen schaffen sie insgesamt 20 Millionen Arztbesuche pro Jahr. Leider empfangen die meisten Mediziner diese Leute. In Kliniken klappern Pharmavertreter jede Station ab und schaffen so zehn Besuche in zwei Stunden.

-Was passiert, wenn der Vertreter kommt?

Der Lobbyist preist ein neues, vermeintlich besseres Produkt an. Dafür zeigt er dem Arzt Studien, die meist vom Unternehmen selbst in Auftrag gegeben werden und nicht wissenschaftlichen Standards entsprechen. Das ist Werbung, die mit Information vermischt wird.

-Wie wirkt sich diese Vermischung auf den Patienten aus?

Es ist oft so, dass die Vertreter Werbung machen für Medikamente, die keinen therapeutischen Mehrwert haben. Es gibt beispielsweise den Cholesterinsenker „Inegy“. Der besteht aus zwei Stoffen: Das altbewährte Simvastatin, das zwischen 13 und 16 Euro im Monat kostet. In „Inegy“ ist aber auch ein zweiter Wirkstoff, Ezetimib. Experten sind sich einig, dass er zwar nicht schadet, aber auch keinen Zusatznutzen hat. „Inegy“ wirkt damit nicht besser und kostet 224 Euro im Monat. Diese Schein-Innovationen belasten das Solidarsystem. Transparency International schätzt, dass durch diese Werbemaßnahmen bis zu 15 Milliarden Euro verschwendet werden.

-Warum kommen diese Medikamente überhaupt auf den Markt?

Um ein Produkt auf den Markt zu bringen, muss der Hersteller beweisen, dass es wirkt und nicht schadet. Im ersten Jahr darf die Firma das Medikament absetzen, zu welchem Mondpreis auch immer. Danach wird der Preis mit den Krankenkassen neu verhandelt. Jetzt kostet zum Beispiel das neue Hepatitis-C-Medikament „Sofosbuvir“ nicht mehr 60 000 Euro, sondern „nur“ noch 43 000 Euro. Die Produktionskosten liegen zwischen 40 und 200 Euro.

-Die Ärzte selbst profitieren immer wieder auch von Werbegeschenken. Womit werden sie geködert?

Die Vertreter schenken Stifte, Blöcke, EKG-Lineale oder teure Lehrbücher. Auch Stethoskope sind beliebt. Besonders lukrativ sind auch Vorträge auf den Fachkongressen, für die viele Ärzte mehrere tausend Euro kassieren.

-Was kann man als Patient tun?

Die unabhängige Patientenberatung ist empfehlenswert, die gibt es in jedem Bundesland.

Interview: Elisa Harlan

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