Berlin – die Hauptstadt der Ausbrecher

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Wer will noch mal, wer hat noch nicht? In Berlin gibt es gerade eine beispiellose Serie von Gefängnisausbrüchen. Neun Männer sind in einer Woche aus der Haftanstalt Plötzensee entkommen. Die Fälle werden immer kurioser. Eine Geschichte aus einer überforderten Stadt.

JVA Plötzensee

von Stefan Sessler

Berlin/München – Am Neujahrsmorgen um 7 Uhr in der Früh haben es die Wärter beim Durchzählen gemerkt: Es fehlen schon wieder zwei. Zwei Häftlinge sind auf der Flucht. Schon wieder. Es werden immer mehr. Insgesamt neun Häftlinge in einer Woche haben den „Berliner Skandal-Knast Plötzensee“ per Flucht verlassen, Stand Dienstagabend.

„Skandal-Knast“, so nennen die Berliner Boulevardzeitungen die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Charlottenburg neuerdings, manchmal aber auch einfach nur noch „Ausbrecher-Knast Plötze“. Was hier gerade passiert, sucht im ganzen Land seinesgleichen. Vollkommen absurd ist, dass die Gefängnisleitung erst gestern feststellen konnte, dass es sich um neun Ausbrecher handelt. Davor waren die Behörden von sieben Flüchtigen ausgegangen. Zwei sind irgendwie durch das Raster gerutscht.

Noch so eine Kuriosität: Die meisten Häftlinge, die hier einsitzen, verbüßen „Ersatzfreiheitsstrafen“, weil sie mehrfach ohne Ticket in Bussen und Bahnen erwischt wurden. Kein Scherz: Plötzensee mit seinen 360 Insassen ist die JVA der Ausbrecher und die der Schwarzfahrer. Böse Zungen sagen: Det is Berlin. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner einer überforderten Stadt.

Auch die beiden Männer, Alter 44 und 21, die an Neujahr flohen, saßen eine Ersatzfreiheitsstrafe ab. Ein Behördensprecher erklärte, sie hätten „im Haftraum eines Dritten ein Gitter manipuliert und sind so in die Freiheit gelangt“. Der JVA-Beamte, der die Häftlinge über Kameras im Auge hätte behalten sollen, hat die Flucht nicht bemerkt, heißt es in Berliner Zeitungen. Beide Ausbrecher sind alles andere als Schwerverbrecher: Beide waren im offenen Vollzug untergebracht – und das erst seit Dezember. Sie durften tagsüber raus und mussten nur die Nacht im Gefängnis verbringen. Die Haft des einen sollte bis zum 31. März dauern, die des anderen bis zum 18. Februar. Keine Ewigkeiten. „Eigentlich macht das keinen Sinn“, sagte ein Sprecher des Justizsenators dem Tagesspiegel. Er meinte den Ausbruch. Passiert ist er trotzdem. Er stellt die Berliner Behörden bloß, mal wieder (siehe unten).

Doch es gibt auch gute Nachrichten aus der Bundeshauptstadt. Nummer 1: Einer der beiden Männer hat sich inzwischen gestellt, er hat sich angeblich bei der Flucht verletzt. Gute Nachricht Nummer 2: Ein weiterer Ausbrecher, der am 28. Dezember aus Plötzensee geflohen war, hat sich gestern mit seinem Anwalt ebenfalls gestellt. „Er wird nun in eine Anstalt mit höheren Sicherheitsvorkehrungen verlegt“, sagte Berlins Justizsenator Dirk Behrendt von den Grünen, der zuletzt schwer in die Kritik gekommen ist. „Berlin kann sich keinen justizpolitischen Dilettanten im Senat leisten“, erklärte zum Beispiel der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger. „Dieser Fall spricht Bände und offenbart die Unfähigkeit des Linksbündnisses im Berliner Senat, die Menschen in unserer Stadt angemessen vor verurteilten Straftätern zu schützen.“ Auch aus den Reihen der rot-rot-grünen Landesregierung kam scharfer Gegenwind auf. „Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator“, erklärte der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck.

Senator Behrendt, der in Berlin gleich noch für die Themen Verbraucherschutz und Antidiskriminierung zuständig ist, ist noch im Amt. Und die schlechten Nachrichten reißen nicht ab: Denn noch immer sind sieben Ausbrecher trotz Intensivfahndung auf der Flucht. Drei der Flüchtigen waren im offenen Vollzug – und kamen einfach nicht mehr ins Gefängnis zurück. Hinzu kommen jene Herrschaften, die kurz nach den Weihnachtstagen mit einem Trennschleifer und einem schweren Hammer die Gefängnismauer aufgebrochen haben. Es war ein filmreifer Auftritt. Die Werkzeuge hatten sie aus der Gefängniswerkstatt. Zwei sind deutsche Staatsbürger, zwei stammen aus Nahost und werden von den Behörden unter „ungeklärte Staatsangehörigkeit“ geführt. Auf ihr Konto gehen schwere Straftaten wie Wohnungseinbrüche, Diebstahl oder schwere Körperverletzung.

Ihre Flucht ist bestens dokumentiert – eine Kamera, die an der Pforte angebracht ist, hat die vier Männer gefilmt, wie sie sich durch eine frei geschlagene Öffnung an der Gefängnismauer zwängten und flüchteten. Doch kein JVA-Mitarbeiter schaute offenbar auf den Monitor. Noch sind drei der Männer auf der Flucht, der vierte ist der, der sich in Begleitung seines Anwalts gestellt hat.

Der letzte Ausbruch in Berlin geschah 2014 – und jetzt gleich neun Ausbrecher in kürzester Zeit. Spätestens seit dem Neujahrstag schrillen die Alarmglocken. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht einen Sanierungsbedarf von bis zu 500 Millionen Euro. Außerdem fehle Personal. „Sogenannte innere Sicherheitsrunden werden in den verschiedenen Anstalten gar nicht mehr gelaufen“, sagte der Landesverbands-Chef Thomas Goiny. Seine Leute vermissten auch Drogen-Suchhunde und Fahndungstrupps, die sich speziell um Drogen kümmern würden. Aber das ist wieder eine andere Baustelle – eine gigantische, neue Baustelle. Den meisten Berlinern würde es schon reichen, wenn verurteilte Straftäter einfach dort blieben, wo sie hingehören. Hinter Gittern.

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