Das „ß“ bekommt einen großen Bruder

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Das „ß“ soll es bald als Großbuchstaben geben. Die „Goldene Hochzeit“ darf man künftig großschreiben. Und Schreibweisen wie „Ketschup“, „Grislibär“ oder „Joga“ werden wohl aussortiert. Die deutsche Rechtschreibung soll wieder einmal reformiert werden. Heute berät die Kultusministerkonferenz über die Vorschläge. Ein Überblick.

kleine Rechtschreibreform

Von Tobias Gmach

München – Die Flussschifffahrt mit drei „s“ und drei „f“, das sahen die meisten ja noch ein. Bei den eingedeutschten Wörtern Delfin statt Delphin und Spagetti statt Spaghetti, da zuckte vielen halbwegs begabten deutschen Rechtschreibern der Füller in der Hand. Und dann auch noch die ständige Frage: Schreibt man das jetzt zusammen oder auseinander? Die große Rechtschreibreform von 1996 hat viel Ärger ausgelöst. Seither wurde immer wieder nachgearbeitet. Ein nächster Schritt steht an: Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat Empfehlungen an die Kultusministerkonferenz übergeben, ab heute wird beraten, welche Änderungen übernommen werden. Vorschläge gibt es viele – bei dieser kleinen Reform von der Reform soll sogar ein ganz neuer Buchstabe im Alphabet aufgenommen werden. Und zwar das große scharfe „ß“.

Großes „ß“: Beliebt in Logos und Werbung

Warum braucht die deutsche Sprache ein großes „ß“? Kein einziges deutsches Wort beginnt mit dem sogenannten Eszett. Aber: Firmenlogos, Buchtitel oder Werbebanner werden oft komplett in Großbuchstaben geschrieben (siehe Interview unten). Und Menschen mit dem Nachnamen „Weiß“ oder „Groß“ dürften sich freuen, auf der Kreditkarte bald nicht mehr „WEISS“ oder „GROSS“ zu heißen. Der neue Buchstabe würde aussehen wie sein kleiner Bruder – allerdings wäre der obere Bauch eckig.

Für das sogenannte „Rucksack-S“ wäre die Einführung ein Erfolg – der Buchstabe ist ein Einzelgänger in jeder Hinsicht: Es gibt ihn als einzigen nur in klein und nur in der deutschen Sprache. Mit der Rechtschreibreform 1996 verlor das „ß“ viele Einsätze an das Doppel-S – nach einem kurzgesprochenen Vokal (Schluss), wenn am Wortende ein Konsonant folgt (musst) und daß wurde ganz abgeschafft.

Über die Aufnahme des großen Eszett ins Alphabet wird übrigens schon länger diskutiert als über den EU-Beitritt der Türkei – einen ersten Vorschlag gab es 1879 im „Journal für Buchdruckerkunst“.

Kombi aus Adjektiv und Substantiv

Was ist richtig: goldene Hochzeit oder Goldene Hochzeit? Die Reform von 1996 schrieb die Kleinschreibung vor. Doch in der Praxis halten sich viele nicht daran, weil für sie Adjektiv und Substantiv zu einer Einheit verschmolzen sind. Darauf reagiert der Rat für deutsche Rechtschreibung. In ihrem Entwurf erhöhen die Experten die Zahl der Beispiele und erläutern, in welchen Fällen das Adjektiv groß- oder kleingeschrieben werden muss. Schon jetzt ist die Kleinschreibung der Normalfall (absolute Mehrheit, geistiges Eigentum). Das gilt auch bei metaphorischem Gebrauch (offenes Ohr, graue Maus). Großschreibung gilt bei Titeln, Ehren- und Amtsbezeichnungen (Königliche Hoheit, Regierender Bürgermeister) sowie bei offiziellen und kirchlichen Feier- und Gedenktagen (Internationaler Frauentag, Heiliger Abend).

In einigen Fällen ist schon jetzt beides möglich – wenn eine neue Wortbedeutung entsteht (runder/Runder Tisch) und in Fachsprachen (rote/Rote Karte, schwarzes/Schwarzes Loch).

Neu ist: Künftig sollen auch bei Funktionsbezeichnungen, besonderen Anlässen und Kalendertagen beide Varianten möglich sein.

Einige Beispiele:

-erster/Erster Vorsitzender statt Erster Vorsitzender

-technischer/Technischer Direktor statt technischer Direktor

-goldene/Goldene Hochzeit statt goldene Hochzeit

-neues/Neues Jahr statt neues Jahr

-erstes/Erstes Staatsexamen statt erstes Staatsexamen

-zweiter/Zweiter Bildungsweg statt zweiter Bildungsweg

-schmutziger/Schmutziger Donnerstag statt schmutziger Donnerstag

-erste/Erste Heilige Kommunion statt erste Heilige Kommunion

Veraltete Fremdwörter

Nicht nur die Wirtschaft, auch die Sprache globalisiert sich. Der Rat achtet daher darauf, wie gebräuchlich Schreibweisen in der Alltagssprache sind.

Die folgenden stark eingedeutschten und veralteten Schreibvarianten sollen nun gestrichen werden:

-Anschovis (die nun einzige offizielle Schreibweise: Anchovis; Sardellen)

-Belkanto (Belcanto; Gesangstechnik)

-Bravur (Bravour), bravurös (bravourös)

-Campagne (Kampagne)

-Frotté (Frottee)

-Grislibär (Grizzlybär)

-Joga (Yoga)

-Jockei (Jockey)

-Kalvinismus (Calvinismus)

-Kanossagang (Canossagang)

-Kargo (Cargo; Frachtgut)

-Ketschup (Ketchup)

-Kollier (Collier)

-Kommunikee (Kommuniqué)

-Komplice (Komplize)

-Majonäse (Mayonnaise)

-Masurka (Mazurka; polnischer Nationaltanz)

-Negligee (Negligé)

-Nessessär (Necessaire)

-passee (passé)

-Rakett (Racket; Schläger, zum Beispiel bei Tennis)

-Roulett (Roulette)

-Varietee (Varieté)

-Wandalismus (Vandalismus)

Offiziell aus deutschen Wörterbüchern verbannt werden sollen auch die Ausdrücke „Goalie“/„Goali“ für „Torwart“ sowie „Cherub/Kerub“ (übernatürliches Wesen im abrahamitischen Glauben).

Die folgenden sieben Fremdwörter sollen dagegen eine neue mögliche Schreibvariante dazubekommen:

-Canapé (neu)/Kanapee

-Entrée/Entree

-Praliné/Pralinee

-Soirée/Soiree

-Buffet/Büffet

-Casino/Kasino

Erlaubt: „Co-Autor“ und „Ex-Trainer“

Winkt die Kultusministerkonferenz die Änderungen durch, können sich auch der „Co-Autor“ und der „Ex-Trainer“ freuen – sie dürfen sich dann ganz offiziell so nennen. In der Praxis werden diese Bindestrich-Kombinationen längst verwendet, bislang sieht das Regelwerk sie offiziell nicht vor.

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