Der Aussteiger

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Als Aktivist wollte er die nationale Revolution. In seinen Liedern beschwor er den Kampf „bis zum letzten Tropfen Blut“. Felix Benneckenstein war überzeugter Nazi. Dann stieg er aus. Die Szene, sagt er, hat sich gewandelt. Aus Glatzköpfen wurden Fundamentalisten. Sie sind gefährlich.

NEONAZIS

Als Aktivist wollte er die nationale Revolution. In seinen Liedern beschwor er den Kampf „bis zum letzten Tropfen Blut“. Felix Benneckenstein war überzeugter Nazi. Dann stieg er aus. Die Szene, sagt er, hat sich gewandelt. Aus Glatzköpfen wurden Fundamentalisten. Sie sind gefährlich.

von Marcus Mäckler

München – Seine ganze Freiheit steckt in einem Döner. Noch vor kurzem hätte Felix Benneckenstein dieses Zeug nicht angerührt. Undeutsch war tabu. Jetzt nicht mehr. Jetzt steht der 26-Jährige in einem Kebab-Haus mit Wandteppichen und dicken orientalischen Sofa-Kissen. Er ist oft hier, begrüßt den Besitzer mit Handschlag. Und lässt sich dann seine lang erkämpfte Freiheit schmecken. Jeder Bissen ein Bekenntnis: Den Neonazi Felix Benneckenstein gibt es nicht mehr.

Noch etwas steckt in diesem Döner: Felix’ Unfreiheit. Kaum ein Moment, in dem er seine Umgebung aus den Augen verliert. Er scannt jedes Gesicht. Für die alten Kameraden ist er ein Geächteter. Die Aufrufe in manchen Internet-Foren sind deutlich: „Zeigt ihm, was wir mit Verrätern machen“, ist da zu lesen. „Ich muss wachsam sein“, sagt Felix. „Aber ich muss schauen, dass ich keine Paranoia entwickle.“

Seit knapp drei Jahren lebt der gebürtige Erdinger mit diesem Gedanken. Seit er den bekannten Münchner Neonazi Philipp Hasselbach durch eine Aussage vor Gericht in den Knast gebracht hat. Das war sein Ausstieg, es gab kein Zurück mehr. Den Namen Benneckenstein kannte plötzlich die ganze rechtsextreme Szene. In Bayern sind das etwa 2600 Personen. Verfassungsschützer halten rund 1000 von ihnen für gewaltbereit.

Benneckenstein überrascht das nicht. Die rechte Szene, sagt er, ist in den vergangenen Jahren radikaler geworden. Ein trauriger Beleg: die NSU-Morde. Auch die alten Kameraden in Oberbayern treten wieder selbstbewusster auf. Beim Prozess gegen den Ottobrunner Neonazi Norman Bordin etwa, der im Januar wegen Verherrlichung der NSU-Morde in München vor Gericht stand. Rechtsextreme Zuhörer beschimpften und attackierten Journalisten – im Gerichtssaal. Bordin wurde übrigens freigesprochen.

Benneckenstein kennt den Angeklagten. Und er weiß, dass die Szene in Oberbayern näher zusammengerückt ist. Hasselbachs Leute haben sich nach langer Fehde dem „Freien Netz Süd“ (FNS), Bayerns größter Dachorganisation, angeschlossen. Aber warum? In die von Dönerdunst erfüllte Luft sagt Benneckenstein: „Auch wegen mir.“ Es klingt, als ekelten ihn seine Worte.

Man könnte fragen, ob sich da einer wichtiger machen will, als er ist. Aber der junge Mann, tiefe Stimme zu bartlosem Gesicht, ist für seine alten Freunde das Feindbild schlechthin. Nicht nur Aussteiger, sondern auch Gründer der „Aussteigerhilfe Bayern“. Kurz: Einer, dessen Geschichte in der Logik der Szene nicht vorkommt.

Alles beginnt, als Benneckenstein 15 Jahre alt ist. Ein Freund versorgt ihn mit Neonazi-Musik, nach und nach will er mehr, sucht Kontakt zur NPD. Seine Eltern, bürgerlich und linksliberal, sind besorgt, versuchen, ihn davon abzubringen. Es hilft nichts. Er zieht aus, bricht die Schule ab, gründet eine freie Kameradschaft in Erding. Es ist 2006, alles geht Schlag auf Schlag. Demonstrationen, Konzerte, Mahnwachen – Benneckenstein ist überall dabei, tritt selbst als Liedermacher „Flex“ auf. Es gibt Bilder von ihm aus dieser Zeit. Seitenscheitel, Bomberjacke, das volle Klischee-Paket. Aber das ist nur die Oberfläche. Langsam wird seine Ideologie zu Fanatismus, er fühlt sich wie einer, der den Durchblick hat – im Gegensatz zu allen anderen. Der Staat wird sein Feind. Und er will ihn bluten sehen.

Das sind keine hohlen Worte. Der Benneckenstein von damals ist mit dieser Einstellung nicht allein. Er wäre es noch heute nicht. „Die NPD ist ganz klar verfassungsfeindlich“, sagt er inzwischen. Damals ist sie ihm zu weich. Partei-Affen. System-Adepten. Er will mehr, die nationale Revolution. Der junge Mann, kaum 20, beginnt, an eine Art Mission zu glauben. Heute sagt er: „Das war wie ein höherer Auftrag.“ Für Deutschland. Denkt er. Und er sucht die, die genauso denken, Bordin zum Beispiel. Benneckenstein verliert heute kein Wort über ihn. Damals ist Bordin ein Vorbild. Er schließt sich ihm und der Freien Kameradschaft München an.

Es ist genau diese Ecke, aus der die größte Gefahr droht. Kameradschaften sind wichtiger als die NPD, auch in Bayern bilden sie das Herz der rechten Szene. Die lokalen Gruppen bestehen meist aus fünf bis 20 Leuten, sind kaum organisiert und darum rechtlich schwer greifbar. Sie vernetzen sich im Internet, planen dort Schulungen, Lager, Fahrten zu Kundgebungen oder Demos. Ihre Stärke ist nicht zu unterschätzen: Das „Freie Netz Süd“ um den verurteilten Rechtsterroristen Martin Wiese kann laut Verfassungsschutz bis zu 300 Rechtsextreme mobilisieren.

Aber es ist nicht allein das Personenpotenzial, das diese Szene gefährlich macht. Es ist auch ihre Unscheinbarkeit. Glatze und Springerstiefel war gestern. Heute kleiden sich viele Nazis wie Hip-Hopper, sprayen Graffiti, hören Techno oder Rap. Popkultur statt Springerstiefel: „Inzwischen hat sich fast die ganze Szene damit angefreundet“, sagt Johannes Radke, einer der Autoren des Buchs „Neue Nazis“. Das lockere Auftreten hat zwei Vorteile für die Neonazis: Sie sind schwieriger zu erkennen. Und sie werden attraktiver für junge Menschen. „Die Jugendlichen müssen kaum etwas aufgeben, wenn sie dazukommen“, sagt Benneckenstein. Nicht die Kleidung, nicht den Lebensstil.

Aber er kennt auch die dunkle Seite der neuen, hippen Fassade: Die Mitglieder der Kameradschaften, sagt er, „das sind Fundamentalisten“. Er weiß das aus eigener Erfahrung. 2007 ist das Jahr, in dem er selbst zum Fundamentalisten wird. Die nationale Revolution, glaubt Benneckenstein, ist jetzt wirklich zum Greifen nah. Er ist 21, Schulabbrecher, Hilfsarbeiter. Und er will den Kampf. Im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld soll er beginnen. Neonazis aus ganz Deutschland sammeln sich zu dieser Zeit dort, um eine national befreite Zone zu schaffen. „Es herrschte richtige Aufbruchstimmung.“ Auch bei ihm. Mit seiner damaligen Freundin zieht er zu den Kameraden. „Ich wollte mein Leben dort verbringen. Das war mein Lebensmittelpunkt, die ganze NS-Scheiße.“

Sie passt nicht zu Benneckenstein, diese Radikalität. Nicht mehr. Er spricht unaufgeregt, eloquent, versinkt dabei fast in den mächtig plüschigen Dönerbuden-Kissen. Aber damals ist er ein anderer. Ein Jahr lang lebt er in Dorstfeld, mit 80 Kameraden und dem Credo: Dortmund ist unsere Stadt. Tatsächlich lassen Polizei und Stadt sie eine Zeit lang gewähren. Sie verteilen Aufkleber, patrouillieren durch die Straßen, attackieren Ausländer und Punks. Sie wähnen sich in der Keimzelle eines neuen Deutschlands. „Diese Militanz ist mir nirgendwo sonst begegnet“, sagt Felix. Geistig war das „ein bisschen wie im Dschihad“.

Solche Sätze kommen dem 26-Jährigen heute absurd vor. Aber sie stimmen mit dem Selbstempfinden vieler junger Rechter überein. Viele von ihnen, sagt Buchautor Radke, suchen „krasse Gewalt“, wollen Brutales erleben und „setzen dafür alles ein“. Es sind Leute, die genauso gut Hooligans hätten werden können. Hauptsache Exzess. Das führe einerseits dazu, dass viele nach einer Weile der Szene wieder den Rücken kehren. Es berge aber auch die Gefahr, dass „einige noch Krasseres machen wollen“. Sprengstoff-Experimente, betont Radke, sind keine bloße Theorie.

Auch der Verfassungsschutz ist sensibilisiert. Anzeichen auf Nachahmungstäter des NSU gebe es zwar nicht, sagt Markus Schäfert, Sprecher des bayerischen Landesamtes. „Aber die Affinität der Neonazis zu Waffen ist klar.“ Von etwa fünf Prozent der 1000 gewaltorientierten Rechten gehe ein „erhöhtes Gewaltpotenzial“ aus. Das seien Leute, „die sich nicht nur gewaltbefürwortend äußern, sondern bereits Gewalttaten begangen haben oder eine sehr ernst zu nehmende Neigung zeigen, welche zu begehen“. Konkreter wird Schäfert nicht.

Benneckenstein sagt, er habe mit Waffen nie etwas zu tun gehabt. Vielleicht auch deshalb, weil sein Weltbild früh genug, schon in der Dortmunder Zeit, erste Risse bekommt. Es beginnt, als einige seiner rechten Kumpels Kritik an Adolf Hitler äußern. Ein Sakrileg. „Denen wurden die Türen eingetreten“, sagt Felix. Er selbst distanziert sich nicht schnell genug von den Abtrünnigen. Die Konsequenz: „Ich musste weg aus Dortmund.“

Rechte wie Linke werfen Benneckenstein heute vor, nur aus diesem Grund die Flucht nach vorne angetreten zu haben – Verrat aus Selbstschutz. Aber was auf seine Rückkehr nach München folgt, ist kein Schnellschuss, sondern ein Ringen mit dem wachsenden Zweifel – an der Nazi-Ideologie, eigentlich an seinem ganzen Leben. Schon damals denkt er an Ausstieg, gemeinsam mit seiner neuen Freundin Heidi (20). Doch die Dinge kommen anders: Benneckenstein startet als Nazi-Musiker durch. Es ist 2009. Er, immer noch Anfang 20, tingelt mit seiner CD „Bock auf Freiheit“ plötzlich durch ganz Deutschland. Bis zu 2000 Kameraden kommen zu seinen Konzerten, grölen die Texte mit. Sie handeln von Volk und Ehre und vom Kampf „bis zum letzten Tropfen Blut“. Selbst aus Bulgarien kommen Konzert-Anfragen, die Szene feiert den Liedermacher „Flex“. Eine Zeit lang ist das bequem für ihn, den Zweifler, „weil ich keine Erklärungsnot hatte“. Aber er weiß auch: „Meinen Ausstieg hat das zurückgeworfen.“

Es ist ein Doppelleben, das Benneckenstein führt. Erst ein Schlag auf den Kopf beendet es. Als eine seiner Freundinnen vom Neonazi Philipp Hasselbach bedroht wird, will er sie schützen. Hasselbach schlägt mit einer Flasche zu. Die Folge: Schädelhirntrauma. Es ist seine Aussage vor Gericht, die Hasselbach wegen gefährlicher Körperverletzung in den Knast bringt. Ein mutiger Schritt, einer, den „ich schon gewaltig abwägen musste“. Er hat Zeit zum Nachdenken, sitzt nach dem Vorfall selbst im Gefängnis. Wegen Beleidigung und Sachbeschädigung. „Nicht wegen der wirklich harten Sachen“, sagt Benneckenstein. Genauer will er nicht werden.

Aber um ihn alleine geht es schon lange nicht mehr. „Ich dachte, mit meiner Aussage zerschlage ich ein Viertel der bayerischen Kameradschaftsszene.“ Es klappt nicht. Im Gegenteil: Sie rückt zusammen. Vieles klappt damals nicht. Der Leiter der Justizvollzugsanstalt, in der er nach seiner Aussage sitzt, verwehrt ihm den Kontakt zur Aussteigerhilfe „Exit“. Selbst Briefe zu schreiben, traut er sich nicht. Aus Angst davor, andere Neonazi-Insassen könnten Wind davon bekommen. Durch JVA-Wächter. „Einige von denen“, sagt Benneckenstein, „hatten Sympathien mit den Rechten.“ Nach der Entlassung muss er alleine zurechtkommen. Anderen soll es nicht so gehen, darum die „Aussteigerhilfe Bayern“, die er und seine Freundin Heidi gemeinsam leiten.

Es ist eine mühsame Aufgabe, die er sich da gestellt hat. Benneckenstein bekommt Drohanrufe, hat immer Pfefferspray dabei – für alle Fälle. Bevor das Gespräch in der Döner-Bude zu Ende ist, steht er auf, geht zum Nachbartisch. Zwei alte Bekannte sitzen dort. „Schon seit einer Stunde“, sagt er. Seitdem hat er sie im Blick, unauffällig, wie immer. „Nette Leute“, sagt er noch wie erleichtert. Niemand aus der Szene, die ihn hasst. Bis heute. Mit seinem Ausstieg scheint er diese Szene getroffen zu haben. Und er weiß, warum: „Die können sich einfach nicht zugestehen, dass einer die Ideologie kennt – und gerade deswegen aussteigt.“

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