Aufgewachsen unter bayerischen Nazis

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Kann man heute noch mit dem Weltbild des Dritten Reiches aufwachsen? Heidi Benneckenstein wurde in einem Dorf im Kreis Fürstenfeldbruck in völkischen Ferienlagern gedrillt und zum Nazi erzogen. Sie war eine überzeugte Rechtsradikale. Dann schaffte sie den Ausstieg.

Aussteigerin Heidi Benneckenstein

von Kathrin Brack

München – Am schlimmsten sind die Nächte. Heidi klammert sich an ihr Stofftier und zählt an den Fingern die Tage, bis sie wieder heim darf. Heidi ist fünf, als ihre Eltern sie zum ersten Mal in ein Ferienlager der inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) schicken.

Dort, versteckt in den Wäldern, wird die neue deutsche Elite erzogen, so sehen es die Eltern. Disziplin und Ordnung sollen die Kinder lernen, Fleiß und Heimattreue. Sie werden gedrillt, ideologisch geformt. In Jugendherbergen verstecken sie ihre Fahnen und Liederbücher. Sie machen bei Eiseskälte Frühsport, die Buben boxen, die Mädchen sammeln Kräuter und lernen Nähen. Zusammen schauen sie „Der ewige Jude“, lernen die Runenschrift und sägen das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 in Holz. Heidi ist erst fünf, und ihre Welt ist eine Welt, von der viele glauben, dass es sie nicht mehr geben kann. Es ist 1997. Heidi ist das Kind überzeugter Nationalsozialisten.

Heidi Benneckenstein ist inzwischen 25, eine kluge Frau mit wachen, blauen Augen. Sie ist Erzieherin und selbst Mama. Eine hübsche, freundliche Person, die genau überlegt, bevor sie spricht. Sieht man sie hier sitzen, in einem Café im Westen Münchens, kann man nur schwer glauben, dass sie jahrelang ein überzeugter Neonazi gewesen sein soll. Doch das war sie. Damals heißt sie noch Heidrun Redeker. Sie kommt aus einer Familie, in der Polen Ostpreußen heißt und man zum Handy Handtelefon sagt. Heidi wächst in einem kleinen Dorf im Kreis Fürstenfeldbruck auf. Ihre Eltern bezeichnen sich als Nationalsozialisten, obwohl man heute Neonazis sagt und damit Männer mit Glatzen und Springerstiefeln verbindet.

Heidi Benneckenstein ist Nazi, von Kindesbeinen an. Erst, weil sie es nicht anders kennt. Dann, weil sie sich dafür entscheidet. Mit 19 schafft sie den Ausstieg, zusammen mit ihrem heutigen Mann Felix. Ihre bewegte Geschichte ist jetzt unter dem Titel „Ein deutsches Mädchen – Mein Leben in einer Neonazi-Familie“ als Buch erschienen.

Ihr Ehemann war früher ein bekannter Neonazi. Felix Benneckenstein machte sich damals als rechter Liedermacher Flex einen Namen, als er und seine Freundin entschieden, mit ihrer Ideologie zu brechen. Heute ist er ein bekannter Aussteiger. Er besucht Schulen, engagiert sich gegen Rechts, unterstützt aussteigewillige Ex-Kameraden.

Heidi Benneckenstein wollte diese Aufmerksamkeit erst nicht. Dass sie inzwischen auf der Straße erkannt wird, ist ihr unangenehm. Sie schämt sich für ihre Lebensgeschichte. „Das ist für mich nichts Positives, nichts, worauf ich stolz bin. Trotzdem ist es wichtig, dass ich meine Geschichte erzähle“, sagt sie. „Gerade jetzt.“ Nicht allein das Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl zeige, dass nationalistisches Denken nicht aus den Köpfen verschwunden ist, sagt sie. Dass das Völkische nicht nur aussterbende Alt-Nazis für sich gepachtet haben.

„Nazis sind nicht mehr einfach so als solche zu erkennen“, sagt Benneckenstein. Glatze, Lonsdale-Jacke, Springerstiefel? Das war einmal. „Die Szene hat sich dem Mainstream geöffnet.“ Auch sie schaut auf Merkmale wie Kleidung, sagt sie – doch die Rechtsradikalen sind längst nicht mehr so plump. Es gibt Neonazis, die wie Hip-Hopper aussehen, eine Zeit lang machten sie sich sogar die Mode der Antifa zu eigen. „Rechtes Gedankengut ist schon lange wieder in der bürgerlichen Mitte angekommen“, sagt Benneckenstein. Genau dort wollen die Rechten hin.

Die bürgerliche Mitte ist das Ziel der Revolution, an die Benneckenstein und ihre Kameraden damals glauben. Völkisches Gedankengut, falsch verstandener Heimatstolz, radikal gedacht. Der Feind sind die Amerikaner, die Konsumgesellschaft, die Juden, später der Islam, immer Punks und die Antifa. Bei Heidi sind es selten Menschen mit Migrationshintergrund. „Ich hatte nichts gegen Ausländer, ich bin im Münchner Speckgürtel damit aufgewachsen, dass es sie gibt.“ Es geht um deutsche Tugenden, es geht um Werte, die Familie, es geht um Tradition, es geht um Fleiß, Disziplin und Treue. All das prügelt der Vater seinen vier Töchtern jahrelang ein. Sie sollen keine pöbelnden Skinheads werden, sie sollen zur Elite von morgen gehören.

Der Vater ist ein autoritärer Mann im Staatsdienst, der den Kindern wenig Zuneigung zeigt. Mit 15 bricht Heidi, die Zweitjüngste, mit ihm, hat seitdem keinen Kontakt mehr. Seiner Ideologie hängt sie dennoch noch lange an, erlebt ihre härteste Phase zwischen 14 und 16. Sie rebelliert, pöbelt, verprügelt Punks. Verbringt Zeit im „Braunen Haus“ in Jena, kommt dem NSU beängstigend nahe. Ihren heutigen Mann Felix lernt sie auf einer NPD-Veranstaltung kennen, er baut die Kameradschaft Erding auf, sie gehört bald dazu. Erst Jahre später verlieben sie sich, noch später fassen sie den Entschluss, dass sie keine Nazis mehr sein möchten.

Der Weg zum Ausstieg ist lang. Zweifel an der Ideologie kommen immer wieder auf. Doch alles aufgeben? Familie, Freunde und ihr Leben, all das muss Heidi Benneckenstein hinter sich lassen. 2010, Felix Benneckenstein hat gerade eine fünfmonatige Haftstrafe wegen diverser Kleindelikte abgesessen, setzen die beiden den Ausstiegsplan in die Tat um, organisieren ihr Leben neu. Dabei hilft ihnen die Organisation Exit, für die Felix heute aktiv ist. Die beiden wollen mehr tun, helfen, Buße tun. Einige Zeit stehen sie unter Polizeischutz, ihren Wohnort verraten sie nicht. Heidi war zwischenzeitlich ebenfalls in die Betreuung von aussteigewilligen Ex-Kameraden eingebunden, inzwischen kümmert sie sich um den gemeinsamen Sohn.

Seit Heidi Benneckenstein Mama ist, macht sie sich Sorgen. Sehnte sie als Jugendliche den Zusammenbruch des Systems herbei, fürchtet sie ihn nun. Ihr Kind soll anders aufwachsen als sie. Kein Drill, keine Ideologie, dafür ein liebevolles Verhältnis zu seinen Eltern. Heidi Benneckenstein hat lange gebraucht, um etwas mit der Demokratie anfangen zu können. Sie sagt: „Wir leben nun schon so lange in einer offenen Gesellschaft, da gibt es Probleme, natürlich.“ Trotzdem müsse man dankbar sein für die Möglichkeiten, die eine demokratische Gesellschaft dem Einzelnen biete. „Dass man sich ein deutsches Volk wünscht, das ist so rückwärtsgewandt. Die Leute wissen gar nicht, wie wertvoll unsere Demokratie ist.“

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare