Assads letzte Gefechte

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Die Rückeroberung Ost-Ghutas war blutig, Hunderte Zivilisten starben. Jetzt, wenige Wochen später, fallen Assads Bomben auf Daraa. Die Provinz im Süden Syriens ist eine der letzten Rebellenhochburgen des Landes. Schon jetzt sind Zehntausende auf der Flucht.

Syrien-Konflikt 

von Marcus mäckler

München – Der 19. Juni ist ein Tag der Freude für Russland. Die Nationalmannschaft gewinnt daheim bei der WM auch ihr zweites Gruppenspiel und schickt Ägypten mit 3:1 vom Platz. Das Achtelfinale ist danach so gut wie eingetütet. Der 19. Juni ist aber auch ein Tag des Krieges. Syriens Machthaber Baschar al-Assad beginnt seine Offensive auf die Provinz Daraa im Süden des Landes – unterstützt vom Verbündeten Russland, im Schatten der WM-Euphorie.

Anderthalb Wochen ist das jetzt her und für die Bevölkerung Daraas sind es dramatische Tage. Aktivisten berichten von zahllosen Luftangriffen syrischer und russischer Kampfjets, allein in der Nacht auf Donnerstag sollen es rund 200 gewesen sein. Drei Krankenhäuser wurden offenbar so sehr beschädigt, dass sie ihren Betrieb einstellen mussten. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden mindestens 100 Menschen getötet, 50 000 Menschen sind laut den Vereinten Nationen auf der Flucht, das Kinderhilfswerk Unicef spricht von rund 20 000 Kindern.

Das alles erinnert verdächtig an die blutigen Rückeroberungen von Aleppo und Ost-Ghuta. Der Syriengesandte der UN, Staffan de Mistura, warnte Mitte der Woche im UN-Sicherheitsrat davor, dass sich in Daraa vergangene Grausamkeiten wiederholen. „Wir können nicht erlauben, dass dies ein weiteres Ghuta, ein weiteres Duma oder ein weiteres Aleppo wird“, sagte er. „Und doch sehe ich, dass sich die Dinge in diese Richtung bewegen.“

Daraa gehörte zu den ersten Orten Syriens, in denen 2011 die Proteste gegen Machthaber Assad aufflammten. Heute ist die Provinz neben Idlib und einigen von Kurden kontrollierten Gebieten im Norden Syriens eines der letzten Rebellengebiete des Landes. Eigentlich hatten sich Russland, die USA und Jordanien vor einem Jahr auf eine so genannte Deeskalationszone für die Region geeinigt. Nachdem wochenlange Verhandlungen unter Vermittlung Russlands aber keine Ergebnisse gebracht hatten, begannen die Armee und verbündete Milizen mit der Offensive.

Für die Zivilisten könnte sich die Situation noch zuspitzen. Denn inzwischen hat die Armee die Verbindung nach Jordanien ins Visier genommen, über die bisher internationale Hilfslieferungen ins Land kamen. Die Vereinten Nationen mussten ihre Konvois wegen der schlechten Sicherheitslage schon Mitte der Woche zurückpfeifen, seither kommt in Daraa nichts mehr an. Um die Situation etwas zu entspannen, hat Israel in der Nacht auf Freitag in einer Spezialoperation Zelte, Nahrung, Medikamente und Kleidung über die Grenze gebracht. Flüchtlinge aufnehmen will Israel allerdings nicht.

Die Verbindung nach Jordanien war in der Vergangenheit auch für die Aufständischen wichtig, weil die Verbündeten sie von hier aus militärisch unterstützten. Doch das scheint ebenfalls vorbei zu sein. In einem Schreiben aus Washington an die gemäßigten Kräfte der Freien Syrischen Armee erklärte die US-Regierung, dass die Rebellen sich ab sofort nicht mehr auf sie verlassen könnten. Indirekt heißt das: Die USA haben das Ziel eines Regimewechsels in Syrien de facto aufgegeben.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die syrische Armee den Widerstand zerschlagen hat. Ihr Vorgehen erinnert stark an Ost-Ghuta. Russische und syrische Bomben hatten das Gebiet im Frühjahr mürbe gemacht, 1700 Menschen starben. Dann schickte Assad Bodentruppen in die zertrümmerten Orte und Städte und spaltete die Rebellenverbünde so Stück für Stück auf. Vieles deutet darauf hin, dass Assad im Ort Duma auch Giftgas einsetzte, was international geächtet ist. Aus Daraa gibt es solche Berichte bislang nicht.

Dafür hagelt es in der Region Bomben. Augenzeugen vor Ort berichten von Menschen, die sich in Moscheen und Schulen oder Kellern verstecken. Das ist besser als nichts, aber alles andere als sicher. Am Donnerstag sind im Ort Al-Musaifra Aktivisten zufolge 17 Menschen getötet worden, darunter fünf Kinder. Sie hatten sich aus Angst vor Luftangriffen versteckt – in einem Keller.  mit dpa/afp

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