Apanatschi entmietet die City

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Ein Western mit furiosem Finale ist dem neuen Singspiel-Team vom Nockherberg gelungen. Uschi Glas in ihrer Paraderolle als Halbblut Apanatschi setzt einem vielschichtigen Stück über Populismus, politischen Machtwechsel und vertriebene Ureinwohner die Krone auf.

DAS SINGSPIEL

VOn Johannes LÖhr

Es dauert eine halbe Stunde, bis Markus Söder und Horst Seehofer die Colts gegeneinander ziehen – unglaublich lange eigentlich. Denn darum geht es ja auch im Singspiel „Die glorreiche 7“, der Nockherberg-Adaption des Westernklassikers von 1960: um den erzwungenen politischen Machtwechsel in der CSU. „El Marco“ – der Revolverheld Söder – hat drei Jubel-Mariachis von der Jungen Union im Schlepptau, die ihn bei jeder Gelegenheit frenetisch anfeuern und dem Publikum im Festsaal die Lachtränen in die Augen treiben. „Die sind jung und modiviert“, fränkelt Söder, also könnte man sie doch in die Bande der glorreichen Sieben aufnehmen. Nur wäre man dann zu acht. Einer – der Alte, der nie mit ihm einer Meinung ist – müsste weichen. Der drohende Showdown kann nur verhindert werden, weil Natascha Kohnen von der SPD sich auf Kommando selbst verschwinden lassen kann – was sie pausenlos tut.

Willkommen im Wilden Westen der Bayern, wie er dem neuen Singspiel-Team um Stefan Betz und Richard Oehmann vorschwebt. Die beiden hatten nicht nur die undankbare Aufgabe, den umjubelten Regisseur Marcus H. Rosenmüller im Amt zu beerben (was ihnen, nebenbei, hervorragend gelungen ist). Sie mussten auch mit den politischen Volten nach der Bundestagswahl zurechtkommen und konzentrierten sich darum klugerweise auf die Heimat.

Verlassen können sie sich dabei auf das bewährte, glänzend aufgelegte Ensemble – und Komponist Toni Weber, der zusammen mit den Musikern vom Café Unterzucker texmexmäßig auftrumpft. Es gehört sicher zu den großartigsten Nockherberg-Szenen überhaupt, wie Söder (Stephan Zinner) zu einer Freddy-Quinn-artigen Schnulze Horst Seehofer (Christoph Zrenner) in den Sonnenuntergang verabschieden will („Du durftest viel erreichen, nun solltest du dich schleichen. Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt geh’n“) – der aber immer wieder zurückkehrt: „Ich wollt ja noch diese Startbahn bauen. Und verhindern! Wer außer mir . . .?“ „Sieh es ein, alter Horst . . .!“

Wir haben also die üblichen CSU-Intrigen, bei denen auch das benachteiligte Flintenweib Ilse Aigner (Angela Ascher) und am Ende sogar die jubelnden JU-Mariachis mitmischen – im Subtext des Stückes geht es aber eigentlich um etwas anderes. Um Populismus und die Ängste, die Deutschland nicht erst seit der Flüchtlingskrise beuteln. Gerufen wurden die Polit-Desperados nämlich aus einem bestimmten Grund: Die Western-City – hübsch eingerichtet (sogar mit Mai-Kaktus) von Bühnenbildnerin Eva Maria Stiebler – ist in Gefahr. Die Indianer kommen! Ein anonymer Totengräber (Claus Steigenberger) hetzt in AfD-Manier: „So sans die Rothäute, weil’s halt an diesen Manitu glauben. Der Manitu gehört einfach nicht zu Texas.“ Bürgermeister Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) bekommt es mit der Angst zu tun (zumal der Totengräber andauernd mit dem Meterstab für seinen Sarg Maß nimmt). Die „glorreiche 7“ muss her.

Bei der handelt es sich allerdings um einen ziemlich schrägen Haufen: Der bierernste „Hoppy Rider“ etwa, der sich selbst als Gaudibursch missversteht (Wowo Habdank als Anton Hofreiter) und die blasse „Calamity Jane“ der SPD, Natascha Kohnen (Neuzugang Nikola Norgauer) machen nicht eben einen vertrauenerweckenden Eindruck. Über den Dingen schwebt nur Puffmutter „Angelina“ Merkel (Antonia von Romatowski mit Feder-Fächer). Sie entführt Seehofer in ihr Bett – zu Koalitionsgesprächen (Seehofer: „Muss ich mich schon wieder der Verantwortung stellen?“ Merkel: „Ich habe mir auch keine Illusionen gemacht, dass es einfach wird“).

Doch nicht nur die Westernhelden sind gar keine – auch der Buhmann des Stücks, der Indianer, steht nicht etwa nur für „die Flüchtlinge“. Der von Stefan Murr gespielte Gesell, der da ab und zu in der Stadt vorbeischaut, ähnelt in seiner drollig-prolligen Art eher einem Giesinger Strizzi. Bald wird klar: Wer hier politisch und kulturell angeblich nicht mehr ins Ortsbild passt, das ist der eigentliche Ureinwohner. Ihm wird zum Verhängnis, dass er sich mit zur Schau gestellter Gendergerechtigkeit, laktosefreier Latte und SUVs nicht anfreunden will – ganz abgesehen davon, dass er sich die Stadt gar nicht mehr leisten kann: „Meine Eltern hockan im Altersheim in Tschechien. Mei Schwester hat a Tattoo-Studio in Bad Füssing. Und i hab von der Caritas grod no an Wigwam ergattert. In Neu-Aubing. I bin der Letzte vo meim Stamm.“

Dem Gespann Betz/Oehmann ist ein vielschichtiges und sehr gescheites Debüt gelungen – mit einem Paukenschlag zum Schluss: Denn als „El Marco“ Söder das „Problem“ aus der Stadt geschafft hat, folgt die Rache. Der Indianer kommt zurück, im Gespann mit dem Halbblut Apanatschi – die echte Uschi Glas im vollen Apachen-Ornat sorgt für Begeisterungsstürme. Es stellt sich heraus, dass sie als Großinvestorin längst die ganze City gekauft hat, alles modernisieren und die Altmieter mithilfe der „glorreichen 7“ loswerden will – unter halbherziger Gegenwehr der Politiker. „Mei, Heimat muss man sich auch leisten können.“

Am Ende kommt einem in den Sinn, dass diese ganze Veranstaltung von der Schörghuber-Unternehmensgruppe ausgerichtet wird, der nicht nur Paulaner gehört, sondern auch halb München. Und während unter großem Jubel der Polit-Prominenz der letzte Singspiel-Tusch ertönt, denkt man sich, dass so etwas auch nur auf dem Nockherberg möglich ist.

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