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Die Angst der Mutigen

Auf den Abzug folgt die Angst. Ortskräfte der Bundeswehr in Afghanistan fürchten Übergriffe der Taliban, sobald die deutschen Soldaten weg sind. Sie bitten um Asyl in Deutschland. Bisher oft erfolglos. Ändert sich das durch die neue Große Koalition in Berlin?

Auf den Abzug folgt die Angst. Ortskräfte der Bundeswehr in Afghanistan fürchten Übergriffe der Taliban, sobald die deutschen Soldaten weg sind. Sie bitten um Asyl in Deutschland. Bisher oft erfolglos. Ändert sich das durch die neue Große Koalition in Berlin?

VON RONJA VON WURMB-SEIBEL

Kabul – Ein paar Stunden bevor die Angst kam, fiel der Strom aus. Kein Licht, kein Fernseher – in Kabul passiert das dauernd im Winter. Also ging Tarik Ayub früh zu Bett an diesem Januarabend 2013. Er schlief schon fast, als sein Handy klingelte: „Hör auf mit deiner Arbeit“, sagte die Männerstimme, „sonst kostet es dich dein Leben.“ „Hör auf, mir zu drohen“, antwortete Ayub, „wenn du ein echter Mann bist, dann zeig dich endlich.“ Der Anrufer lachte bloß: „Du hast keine Ahnung, wie mächtig wir sind.“ Dann legte er auf.

„Wer war das?“, fragte die 16-jährige Tochter. Sie lag im selben Zimmer, im Winter schläft die ganze Familie gemeinsam im einzigen Raum, der einen Holzofen hat. Draußen fror es, die dünnen Hausmauern schützen nicht vor Kälte. „Nur ein Freund“, log Ayub. „Er wollte mich ärgern.“ Wie immer nach solchen Anrufen konnte er die Nacht nicht mehr schlafen. Er dachte: „Wenn wir nur wegkönnten von hier.“

Tarik Ayub arbeitet seit 2006 als Dolmetscher und Projektmanager für die Deutschen. Der 52-Jährige organisiert politische Workshops für Studenten, Parlamentarier und Geschäftsleute im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Er fährt in die Provinzen und verteilt hunderte Bücher, die von sozialer Marktwirtschaft handeln und von der Frage, warum es wichtig ist, zu wählen. Er macht seinen Job, weil er Afghanistan verändern will und weil er dabei gut verdient, besser als die meisten anderen in Kabul. Als Ayub vor sechs Jahren bei der Stiftung anfing, ahnte er nicht, dass es gefährlich werden könnte. „Damals war ich optimistisch, was mein Land angeht.“ Heute fürchtet er sich.

Für Militär und Polizei sind afghanische Helfer unersetzlich: Sie sprechen die Sprache, kennen die Gepflogenheiten, stellen den Kontakt zu Einheimischen her. 1600 Afghanen arbeiten laut deutschem Innenministerium für die vier am Einsatz beteiligten Bundesministerien. Dazu kommen Leute wie Ayub, die für Stiftungen und NGOs tätig sind. Insgesamt knapp 2000 Personen.

Für die Taliban sind Mitarbeiter ausländischer Organisationen Verräter. Sie drohen ihnen mit Mord und machen ihre Drohungen wahr. Vor einem Jahr erschossen Rebellen in der Nähe von Kabul zwei Dolmetscher der US-Armee auf dem Weg zur Kaserne. Die Leichen ließen sie am Tatort liegen. Die „Kollaborateure des Westens“ dürften die ersten Ziele von Racheakten sein, wenn die Alliierten Ende 2014 Afghanistan verlassen. Jahrelang haben die Deutschen von ihren lokalen Mitarbeitern profitiert – was tun sie jetzt für deren Sicherheit?

Kanada und die USA haben ein Aufnahmeprogramm für ihre Mitarbeiter beschlossen. Frankreich entschied nach seinem Abzug im November, knapp 170 der einheimischen Helfer aufzunehmen. Neuseeland ließ seinen 23 Übersetzern die Wahl: Entweder bekommen sie und ihre Angehörigen Visa, oder sie erhalten drei Jahresgehälter, um sich in Sicherheit zu bringen. Man könne nicht beweisen, dass die Helfer nicht bedroht seien, sagte der neuseeländische Verteidigungsminister. Deshalb habe man beschlossen, beim Prüfen „nach Treu und Glauben zu handeln“.

Die Bundesregierung ist unschlüssig. Einerseits wolle sie niemanden im Stich lassen, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Andererseits würden gerade die gut ausgebildeten Kräfte für den Aufbau ihrer Heimat gebraucht. Die Kriterien für eine Ausreise seien gelockert worden, heißt es bei der Bundeswehr. „Allen konkret und latent gefährdeten Mitarbeitern wird eine Ausreise nach Deutschland angeboten.“ Nach offiziellen Zahlen machten davon nur wenige Gebrauch: 290 Ortskräfte hätten auf eine Gefährdung für ihr Leben hingewiesen, nur 30 um Aufnahme gebeten. 23 Zusagen seien erteilt worden, vier Betroffene seien ausgereist, Stand Mitte Oktober. Weitere sollen folgen (siehe Kasten).

„Alles im grünen Bereich!“, sagt Tarik Ayub, er klingt bitter. Er kann ja die Berichte der Bundesregierung zu Afghanistan im Internet verfolgen. Er kann lesen, dass es aufwärts gehe mit Afghanistan. Dass sich der Einsatz gelohnt habe. „Das sind alles Lügen. Die Lage ist schlecht!“, ruft Ayub. Er spricht fließend Deutsch, seit er Anfang der achtziger Jahre Elektrotechnik in der damaligen DDR studiert hat. Jetzt ist er deutscher Diplom-Ingenieur. Ayub empfindet es als Hohn, was westliche Diplomaten über sein Land sagen. „Die sollen mal durch Kabul laufen, nicht immer nur in ihren Kasernen sitzen. Sie sollen die Menschen auf der Straße fragen, wie es ihnen geht. Ob sie etwas zu beißen, ob sie Arbeit haben, wie froh ihre Kinder sind. Dann sollen sie noch einmal schreiben: Alles im grünen Bereich.“

An westlichen Maßstäben lässt sich Kabul nicht messen, aber es ist eine halbwegs funktionierende Stadt. Es gibt eine Verkehrspolizei und eine Müllabfuhr und überall bewaffnete Sicherheitskräfte. Es gibt Restaurants, in denen Ausländer Bier trinken können und von usbekischen Frauen in kurzen Röcken bedient werden. Es gibt pink-türkis-goldene Glaspaläste in Disneyland-Optik, in denen die wenigen Reichen leben. Und es gibt jede Menge Not. Arbeitslose am Straßenrand, bettelnde Kinder, überfüllte Flüchtlingslager.

Noch drastischer ist es in den Provinzen. In vielen Gegenden kontrollieren Aufständische die Wege, immer wieder werden Journalisten und Entwicklungshelfer entführt oder ermordet. Viele Gegenden sind von der Zivilisation abgeschnitten. Wer dort herrscht, weiß niemand genau. Nur, dass die Leute am Boden sind und es am Nötigsten fehlt.

Die afghanische Armee jedenfalls wird kaum für Sicherheit sorgen, sagen deutsche Generale hinter vorgehaltener Hand: „Es mangelt an allem, was übers Gewehrhalten hinausgeht.“ 2012 wurden so viele afghanische Soldaten von Sprengfallen oder im Gefecht getötet wie nie zuvor. Die amerikanische Krisenbeobachtungsgruppe International Crisis Group fürchtet, dass die Regierung nach 2014 kollabieren könnte. Ein Machtvakuum und konkurrierende, einander bekämpfende Kräfte wären die Folge. Schlimmstenfalls ein Bürgerkrieg.

Sicher, nach elf Jahren Militäreinsatz und etwa 35 Milliarden Euro Aufbauhilfe gibt es mehr Krankenhäuser, mehr Straßen, mehr Polizisten in Afghanistan. Aber eben auch die Angst, dass alles umsonst gewesen sein könnte.

Ayub kennt die Situation, wenn ausländische Armeen abziehen. Als die sowjetische Besatzungsmacht 1989 nach einem zehnjährigen Krieg gegen die Mudschahedin das Land verließ, waren mehr als eine Million Afghanen umgekommen. Die Mudschahedin ergriffen die Macht, sechs Stämme teilten Kabul untereinander auf, bekriegten sich. Sie verminten die Grenzen ihrer Viertel und feuerten täglich hunderte Raketen aufeinander. Was im Krieg noch nicht zerstört worden war, wurde jetzt ruiniert.

Ayub versteckte sich tagelang im Keller. Er verheimlichte, im Ausland studiert zu haben, gab sich als Taxifahrer oder als Automechaniker aus. „Viele gebildete Leute sind damals umgebracht worden“, sagt er. Als 1996 die Taliban Kabul eroberten, floh Ayub. Sechs Jahre lebte er in Pakistan, arbeitete als Tagelöhner bei einem Lieferanten. Nach dem Sturz der Taliban kehrte er zurück und bekam einen Job bei der Deutschen Welle in Kabul, 2006 fing er bei der Adenauer-Stiftung an.

Damals hatte Ayub das Gefühl, es könnte sich etwas ändern in Afghanistan. „Ich habe gehofft, dass wir diesen Krieg und diesen Horror endlich begraben.“ An den Wochenenden machte er Ausflüge mit seinen Freunden, er fuhr an den Salangpass oder zu den Band-e-Amir-Seen; er bereiste sein Land, das so lange im Krieg versunken war.

Und nun? Der erste Drohanruf kam im Sommer 2009. Tarik Ayub hat solche Drohungen seither öfter gehört. Immer eine andere Nummer, immer eine neue Stimme, nur der Inhalt ist stets derselbe: „Wir wissen, dass du für Ausländer arbeitest, die Afghanistan angegriffen haben.“ Er solle Bargeld besorgen für seine „islamischen Brüder“. „Sie drohen, meine Kinder umzubringen oder mich selbst. Sie sagen: Erinnerst du dich an die Kinder von dem und dem? Die wurden vor den Augen ihrer Eltern ermordet.“ Ayub erzählte seiner Frau vom Telefonterror, „damit sie vorbereitet ist“. Sie sagte, er solle den Job hinschmeißen. Das tat Ayub nicht.

Er wirkt nicht panisch, wenn er von den Morddrohungen erzählt. Eher wie jemand, der nicht versteht, warum man ihm das antut. Vielleicht, weil er an Gefahr gewöhnt ist. Weil er sieht, dass Panik seine Lage nicht ändert.

Weil sie die Rache der Taliban fürchten, verheimlichen viele Afghanen, dass sie für den Westen arbeiten. Eine 24-Jährige, die in Kabul für die Caritas International die Buchhaltung macht, erzählt, dass sie sogar manchen Familienmitgliedern ihren Job verschweige – „nur um sicherzugehen“. Andere können das nicht. Afghanen, die für Kommandeure der Bundeswehr oder Soldaten mit hohem Dienstgrad übersetzen, sind bei großen Empfängen in den landesweiten Nachrichten zu sehen. Auch Ayub erscheint hin und wieder im Fernsehen, bei Konferenzen, die er organisiert, ist er, deutlich identifizierbar, im Bild zu sehen. In den Provinzen, in die er fährt, kennt man ihn. Er steht im Internet, mit Telefonnummer.

Seit den Drohanrufen fährt er vom Büro direkt heim, auch an den Wochenenden bleibt er fast immer zu Hause, seine beiden Kinder lässt er bloß noch zum Unterricht raus. Längst macht er keine Ausflüge mehr, Kabul verlässt er nur, wenn sein Job es erfordert. Selbst nach Laghman, 120 Kilometer östlich der Hauptstadt, wo seine Verwandten wohnen, traue er sich nicht mehr, sagt Ayub. Nicht zu Hochzeiten, nicht zu Geburten – nur wenn jemand stirbt, riskiert er die Fahrt, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Kürzlich hat Ayubs Tochter gefragt: „Papa, bleibt mein Leben so?“ Nein, habe er geantwortet, da komme noch mehr. „Aber nicht jetzt.“