In Angst erstarrt . . . ?

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Jahreswechsel Eins muss man den Deutschen lassen: Sie lassen sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

Zum Jahreswechsel strotzen Wirtschaft und Verbraucher allen Untergangspropheten zum Trotz vor Optimismus; die Erwartung goldgeränderter Bilanzen bei den einen korrespondiert mit fröhlicher Konsumlust bei den anderen. Das Bild von der Insel der Seligen, umtost von rauer See, ist nicht ganz falsch.

Im arabisch-islamischen Raum etwa wich die Hoffnung auf demokratischen Wandel der bitteren Erkenntnis, dass von außen kein Frieden geschaffen werden kann, wo die inneren Grundlagen dafür fehlen – ob in Syrien, in Libyen, ja sogar im Urlaubsland Ägypten. Die Schuldenkrise ließ rund um Deutschland europäische Volkswirtschaften wanken, stürzte Millionen Menschen in Armut und Verzweiflung und füllte die Straßen in vielen Hauptstädten mit wütendem Protest. Und dann schockierte ein unscheinbarer Ex-US-Agent die Welt auch noch mit der Botschaft, dass „Privatsphäre“ nur noch ein leeres Wort ist und der Große Bruder seine Augen längst überall hat – selbst auf dem Handy einer leibhaftigen Bundeskanzlerin.

Die Deutschen indes scheint das alles wenig anzufechten. Und haben sie nicht Recht? Verzweiflung und Hoffnung liegen oft nahe beieinander. Im Atomstreit mit dem Iran kommt plötzlich Optimismus auf, in mehreren EU-Staaten zeitigt der Kampf gegen den Schuldensumpf erste Erfolge, und dem bizarren Silvio Berlusconi ist es wieder nicht gelungen, den italienischen Stiefel im Mittelmeer zu versenken. Im Vergleich mit all jenen Intimitäten schließlich, die wir freiwillig und sorglos diversen sozialen Netzwerken anvertrauen, schrumpft George Orwells allwissender Staat schon fast zum kleinen Spanner. Warum also mutlos, missmutig und verzagt in die Zukunft blicken, wenn Selbstlähmung die einzige Folge ist? Nein, Doktor Draghi, die Fehldiagnose, die Deutschen seien „in perverser Angst erstarrt“, wird auch 2014 nicht richtiger.

Lorenz von Stackelberg

Sie erreichen den Autor unter

Lorenz.Stackelberg@ovb.net

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare