Die Angst vor dem Alpha-Lob

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Er ist gekommen, um ja nicht zu bleiben. Mitten im Machtkampf um seinen möglichen Wechsel nach Berlin tritt Markus Söder vor die Landesgruppe. Dort lässt er fallen, wie wenig Lust er auf die Hauptstadt hat. Akzeptiert Parteichef Seehofer diese Absage?

Hintergrund

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Berlin/München – Der Gast will nicht unhöflich sein. Aber eines möchte Markus Söder sehr schnell loswerden: Öfter wiederzukommen, plane er leider nicht, lässt Bayerns Finanzminister die Berliner Parteifreunde gleich eingangs wissen. Sie verfolgen einen rhetorischen Drahtseilakt: Bei seinem Gastauftritt gestern Nachmittag vor der CSU-Bundestagsabgeordneten versucht Söder, Ratschläge für die Bundespolitik zu geben – aber so, dass ihn ja keiner nach Berlin rufen will.

Das Treffen in einem Fraktionsraum ist schon lange ausgemacht, offiziell geht es um das neue, in München ausgearbeitete Steuerkonzept. Die andauernden Spekulationen um die Zwangsversetzung führender CSUler nach Berlin sorgen nun für zusätzliche Würze. „Überall“ müssten die Besten für die CSU aktiv sein, sagt Söder laut Teilnehmern. Für ihn selbst gelte: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten.“

Es ist die Reaktion auf gezielt lancierte Spekulationen von Parteichef Horst Seehofer, die CSU brauche „Alphatiere“ in Berlin. Bei zwei internen Treffen im September sagte er das, jeder interpretierte es als Wink an Söder. Der Finanzminister mag allerdings nicht. Seit Tagen nutzt er jede Gelegenheit, das zu bekunden. Auf Facebook preist er die Schönheit Bayerns, lädt den bayerischen Löwen als Titelbild hoch. In der „Bild“ sagt er Berlin ab („selbst wenn der Bundespräsident frei wäre“), ebenso in jeder Journalistenrunde. „Mein Wort gilt“, erklärt er der „PNP“. „Die Besten nach Berlin – und die Allerbesten nach Bayern“, verkündet er bei einem Auftritt in Roding. Söder ist ein Meister im Verbreiten von Botschaften. Selbst wenn es die seltene Botschaft ist, dass er sich etwas nicht zutraut.

Keine Koketterie – Söder ist es bitterernst mit der Absage, das „Alpha“-Lob hält er für vergiftet. Er will 2018, spätestens, Ministerpräsident sein und sich nicht in Berlin in ein Kabinett zwängen, am Ende gar 2017 für ein maues CSU-Ergebnis verantwortlich sein. Er ist in der Landesgruppe auch weniger gut vernetzt und weniger beliebt als in der Landtagsfraktion, in der er längst eine Mehrheit hätte.

Sein Problem ist: Strategisch würde der Umzug perfekt in das Konzept seines Chefs passen. Seehofer wäre den größten Rivalen für einige Jahre los, könnte in Ruhe über 2018 hinaus Ministerpräsident bleiben. Gleichzeitig wäre Söder die glaubhafte Verkörperung des CSU-Anspruchs, in der nächsten Bundesregierung keinesfalls mehr eine solche Flüchtlingspolitik zuzulassen. Auch vor der Landesgruppe in Berlin zerpflückt er in wenigen Worten Merkels (frühere?) Politik und ihre (künftige?) Annäherung an die Grünen. Letzteres in einer Söder-typischen Wortwahl. „Wer am Abend mit Kretschmann ins Bett geht, wacht morgens mit Hofreiter auf.“ Söder ist Jurist, Klartexter, kennt Berlins Medien aus zahlreichen Auftritten, ist erfahren im Führen von Apparaten – Bundesinnenminister könnte er.

Seehofers Problem ist: er auch. Und sonst wahrscheinlich keiner. Die Landesgruppe in Berlin ist politisch derzeit wenig profiliert. Die Vorsitzende Gerda Hasselfeldt ist auf Merkel-Linie und steht kurz vor dem Ruhestand. Die drei CSU-Bundesminister sind entweder bei Seehofer in Ungnade gefallen (Christian Schmidt), nicht auffällig genug (Gerd Müller) oder durch das Maut-Hickhack in Beschlag genommen (Alexander Dobrindt). Oder, wie Hans-Peter Friedrich, schon zurückgetreten. Unter den Abgeordneten finden sich zwar Talente, aber niemand, den man als Gegengewicht zu Merkel schon in ein Schlüsselressort setzen könnte.

Der kuriose Münchner Wettstreit, sich nach Berlin wegzuloben, dürfte also noch ein bisschen weitergehen, wohl auf kleinerer Flamme. Seehofer befeuert ihn derzeit nicht, suchte sogar mal eine kurze Aussprache mit Söder. Ein Angebot, vielleicht sogar den Parteivorsitz 2017 abzugeben, spricht er öffentlich nicht aus. Seehofer verbreitert stattdessen seine etwas orakelhaften Äußerungen. Von der Geburtstagsfeier seines Innenministers Joachim Herrmann (60) in Franken wird Seehofer zum Beispiel mit den Worten zitiert, auf den Jubilar warteten künftig auch noch größere Aufgaben.

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