Zum Abschied ein Höhepunkt

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Doppelte Opposition: Schauspielerin Nikola Norgauer (l.) als und mit SPD-Politikerin Natascha Kohnen.

Sowas hat Bayern selten erlebt: Zum Nockherberg kommen 2018 gleich zwei Ministerpräsidenten. Einer genervt auf Abschiedstour, und einer unruhig in der Warteschleife. Es scheint, als kenne der Freistaat keine Konstanten mehr. Selbst Mama Bavaria hört auf.

Die Rede der Bavaria

von Mike Schier

München – Die Planer von der Brauerei haben ein Einsehen gehabt. Horst Seehofer und Markus Söder müssen nicht nebeneinander sitzen, sondern werden durch einen Brotkorb, ein Brotzeitbrettel und ein Bund Radieschen getrennt. Der Ministerpräsident sitzt ganz vorn an der Bühne – ihm gegenüber die protokollarisch Nächste: Ilse Aigner, stellvertretende Ministerpräsidentin. Söder nimmt klaglos neben seiner Dauerkonkurrentin Platz. In Reihe zwei.

Früher, so meint es jedenfalls die Landesmutter Bavaria, früher hätten die beiden Mannsbilder den Platz an der Sonne am Nockherberg noch ordentlich ausg’rauft. Der Söder hätte dem Seehofer bei der Ankunft erstmal „eine aufg’schmiert“ Und der Spaenle, da ist sich die Mama ganz sicher, hätte nochmal hinterrücks nachgetreten. Aber diesmal, genauer: dieses letzte Mal noch, lässt Söder dem immer noch amtierenden Ministerpräsidenten den Vortritt. Und auch dafür hat die Mama die Erklärung parat: „Wer setzt sich schon gern auf einen Stuhl, an dem er selbst so lange gesägt hat.“

Nein, es ist kein normaler Nockherberg an diesem letzten Februartag 2018. Die bittere Kälte draußen vor dem Saal entspricht in etwa der Stimmungslage zwischen Amtsinhaber und Nachfolger – dem Lächeln ins Blitzlichtgewitter zum Trotz. Eine schöne Vorlage für die Mama. Alles scheint im Wandel. Zum achten Mal steht sie inzwischen hier im Bavaria-Kostüm auf der Bühne und hat damit fast Walter Sedlmayr eingeholt, der die Politiker von 1982 bis 1990 derbleckte. Doch jetzt, da der Horst nicht ganz so freiwillig abtritt, will die Mama nicht nachstehen. Für alle überraschend gibt es am Ende noch einen Absatz, der nicht im Skript steht. Acht Jahre habe sie jetzt ihre Kinder geschimpft („schlagen darf man’s ja leider nicht mehr“). Jetzt sei es genug.

Kinseher, die den meisten Fernsehzuschauern in den vergangenen Jahren viel zu liebevoll mit ihren Rotzlöffeln aus der Landespolitik umging, verlässt den Nockherberg mit ihrem vielleicht besten Auftritt. Ihr Auftakt ist nahezu furios. Der Markus, berichtet sie beispielsweise, sei ja jetzt schon zum siebten Mal in der Pubertät. „Wobei er es diesmal sogar geschafft hat, dass nicht er selber, sondern der Horst Seehofer die Pickel bekommen hat.“ Ein Derblecker vor zwei Ministerpräsidenten.

Ganz neu ist die Situation nicht: Schon 2007 kam ein abgesägter Ministerpräsident zum Starkbieranstich – Edmund Stoiber. Sein Generalsekretär, damals ein junger Mann mit mächtigen Koteletten, sehr bunter Krawatte und dem Namen Markus Söder, verkündete frohgemut: „Wenn man die letzten beiden Monate in der CSU überstanden hat, dann wird man auch den Nockherberg überstehen.“ Danach war er dann doch ziemlich sauer, weil Django Asül sinniert hatte, Sekretär und Sekret lägen ziemlich nahe beinander – wie man an der Schleimspur hinter Söder erkenne. Der junge Generalsekretär aus Nürnberg überstand den altbayerischen Spott. Auch politisch. Den designierten Ministerpräsidenten Günther Beckstein erteilte bekanntlich bald ein anderes Schicksal.

Doch 2007 dient nur bedingt als Vorbild für 2018. Django Asül widmete damals einen guten Teil seiner Rede dem scheidenden Edmund Stoiber. Beckstein spielte eine im Rückblick erstaunlich kleine Nebenrolle. 2018 ist das anders. In der Rede der Bavaria ist der Machtwechsel längst vollzogen. Der rote Faden heißt: Söder, Söder, Söder. Die Mama beobachtet genau, wie der Bua langsam zum Ministerpräsidenten mutiert: „die angegrauten Schläfen, dieses mild durchwehte Lächeln, der gütige Blick, leichtes Übergewicht. Es es dauert nicht mehr lange, dann werden wir ihn drollig finden.“

Die Rede ist stark. Direkt, hinterfotzig und auch ein wenig boshaft. Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer müssen einstecken. Auch Horst Seehofer. Als sich die Mama bedankt, dass er überhaupt zum Nockherberg gekommen ist („Schließlich bist du gestraft genug“), verschmelzen Kabarett und Realität, schließlich meidet der Ministerpräsident derzeit die unangenehmen Orte in München, also den Landtag. Seehofer muss gequält lächeln, als Kinseher über die schlechten Umfragewerte herzieht („so beliebt wie a Preiss“, „auf Augenhöhe mit Angela Merkel – und zwar auf ihrer“.) Dem zuletzt verletzt wirkenden Seehofer gelingt nicht immer, gute Laune vorzugaukeln.

Es geht also recht handfest los, so wie das die Kritiker von Luise Kinseher gerne öfters gesehen hätten. Doch dann verläuft sie sich ein wenig. Zur SPD, die ja wahrlich genug Stoff hergeben würde, fällt Kinseher wenig ein. Vermutlich hat sie die Rede absichtlich entschlackt. Die meisten Minister lässt sie links liegen. Ein paar Sätze zu Freien Wählern, zwei zur FDP. Ein Haarwitz zum Grünen Toni Hofreiter. Das war’s. Für ein Landtagswahljahr ist das ein bisschen wenig.

Dafür gelingt ihr etwas, was es so am Nockherberg noch nie gegeben hat. Normalerweise sitzen die Politiker ungewohnt kleinlaut im Saal. Diesmal ruft als erster Toni Hofreiter dazwischen, später Ludwig Spaenle. Die Mama improvisiert, pariert spontan – und bringt die vorlauten Bälger zur Ruhe. „Das Gute ist, dass nur ich heute Abend ein Mikro habe.“ So entdeckt man bei der Mama beim letzten Mal eine völlig neue Note.

Am Ende erheben sich alle im Saal. Ein würdiger Abschied.

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