1200 Kilometer für die Versöhnung

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Im Juni 1944 ermordete die SS im französischen Dorf Oradour 642 Menschen. 70 Jahre später starten Radsportler aus Dachau und Frankreich zu einer einzigartigen Tour der Versöhnung.

Nach 1200 Kilometern werden sie bejubelt – auch von einem, der das Massaker überlebt hat.

Dachau, Oradour und eine ganz besondere RadTour

Im Juni 1944 ermordete die SS im französischen Dorf Oradour 642 Menschen. 70 Jahre später starten Radsportler aus Dachau und Frankreich zu einer einzigartigen Tour der Versöhnung. Nach 1200 Kilometern werden sie bejubelt – auch von einem, der das Massaker überlebt hat.

von Nikola Obermeier

Oradour-sur-Glane – Robert Hébras, der Franzose aus Oradour, wird in ein paar Tagen 89 Jahre alt – und hat einen großen Wunsch: „Ich möchte nicht sterben, ohne dass ich die Sicherheit habe, dass es eine deutsch-französische Freundschaft gibt.“ Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat er für Versöhnung gekämpft. Im September 2013 war er es, der die Präsidenten Joachim Gauck und François Hollande durch die Ruinen von Oradour führte, die bis heute stille Zeugen sind für das SS-Massaker am 10. Juni 1944, bei dem 642 unschuldige Menschen ermordet wurden (Text unten). Hébras war einer von nur sechs Menschen, die überlebten: Er blieb unter den Leichen seiner erschossenen Kameraden liegen.

Nun wartet Hébras, graue Haare, dunkle Brillengläser, ein paar Kilometer nördlich von Oradour auf die Ankunft von Radsportlern aus Deutschland – und ist zuversichtlich. Denn er weiß: Es wird eine neue Freundschaft geben, eine Freundschaft zwischen Oradour und einer deutschen Stadt: Dachau. Beide haben eine bedrückende Vergangenheit. Als der Tross der Radler näherkommt, heulen die Sirenen der Motorradeskorte auf. Mit offenen Armen empfängt Hèbras die Gäste auf der Wiese in Cieux. Die deutschen Freunde sind angekommen.

Fast 1200 Kilometer haben sie zurückgelegt. Sieben Tage zuvor waren 38 Männer und Frauen, darunter auch französische Radsportler aus Oradour und einem Nachbarort, an der KZ-Gedenkstätte in Dachau gestartet. „Tour der Freundschaft und Versöhnung“ nennen sie ihr Projekt, das jeder einzelne von ihnen mit Leben füllt. Unterwegs sind sich die deutschen und die französischen Radfahrer nähergekommen, haben über das SS-Massaker gesprochen, während der Fahrt und am Abend, wenn sie nach dem Essen noch zusammensaßen.

Der Dachauer Josef Wastian, 66, der mitradelte, ist sich im Laufe der Tage immer mehr der Bedeutung dieser Fahrt bewusst geworden. „Wir haben schon des öfteren über die Zeit damals gesprochen“, erzählt er. Bis vor kurzem hatte er von dem SS-Massaker in Oradour nicht viel gewusst. Jetzt sagt er: „Es war mir ein Bedürfnis, dabeizusein.“

Genauso ging es Marcel Brissaud, auch er 66. Er fuhr mit dem Auto von Frankreich nach Dachau und begleitete die Tour von Beginn an. Der Präsident des Vereins der Familien der Opfer in Oradour und Chef des Radsportclubs hat seine Großeltern und seine Tante bei dem Massaker vor 70 Jahren verloren. Als er später am Friedhof vor der Gedenktafel mit Bildern seiner Familie steht, füllen sich seine Augen mit Tränen. Aber selbst im Schmerz spricht er von Freundschaft: „Ich bin offen dafür – und mit dieser Fahrt können wir die Völker zu einer großen Versöhnung bringen.“

Zum Treffpunkt auf der Wiese ist auch die französische Radsportlegende Raymond Poulidor gekommen sowie Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann, der die Radsportgruppe aus seiner Stadt auf den letzten Kilometern mit dem Fahrrad begleiten wollte.

Philippe Lacroix, der Bürgermeister von Oradour, radelt ebenso mit – und mobilisiert weitere 30 Radfahrer, darunter viele Kinder. „Sie sind das Symbol von Oradour“, sagt Robert Hébras. Denn nachdem das neue Oradour gleich neben den Ruinen des alten wieder aufgebaut wurde, war es ein Dorf ohne Einwohner. „Nun stehen die Kinder für die Botschaft: Seht her, wir sind nicht ausgerottet worden.“ 267 Schüler hat das Dorf Oradour inzwischen wieder – und sie werden alle heute bei der Gedenkfeier dabei sein, zu der auch Premierminister Manuel Valls erwartet wird.

Die Radfahrer zeigen bei ihrer Ankunft Erschöpfung, Erleichterung, Freude, Melancholie, Euphorie – all diese Gefühle sind ihnen anzusehen. Sie haben gemeinsam die Schwäbische Alb bei strömendem Regen und fünf Grad erlebt, dann drückende Hitze in den vergangenen drei Tagen. Sie genossen den Zusammenhalt in der Gruppe, Empfänge in Rathäusern, Gespräche mit Bürgern. Von Etappe zu Etappe wuchs die Gruppe, in Straßburg stießen weitere französische Radfahrer dazu. Eine Motorrad-Eskorte begleitete den Tross von nun an, sperrte Straßen ab, regelte den Verkehr.

Auf den letzten sieben Kilometer ist die Gruppe auf mehr als 100 Fahrradfahrer angewachsen. Und je näher die Radfahrer dem Dorf kommen, das vor 70 Jahren von der SS ausgelöscht worden ist, umso größer wird der Jubel. Die schmale Alleestraße in Richtung Oradour führt über kleine Hügel, vorbei an Pferdekoppeln und Höfen. Die Menschen kommen an den Gartenzaun und winken.

In Oradour stehen sie am Straßenrand und klatschen – der ganze Ort ist auf den Beinen. Am Tor zu den Ruinen gedenken die Sportler in einer Schweigeminute der Opfer. Hier endet die Tour der Versöhnung, die an der KZ-Gedenkstätte in Dachau begonnen hat. Dann geht es zum Rathaus, zu den Bürgern von Oradour, die den Radfahrern einen herzlichen, warmen Empfang bereiten. Auch zur Gedenkfeier sind die Dachauer Gäste eingeladen.

Dabei hatten sich die Einwohner des zerstörten Dorfes lange gegen einen Kontakt mit Deutschland gesträubt – auch wenn es früh eine zarte Annäherung über die Kirchengemeinden gab. Die Freundschaft mit Dachau begann dann 2009 mit einer Einladung zu einem Jugendfußballturnier. Raymond Frugier, der frühere Bürgermeister, wollte aus Anlass des 65. Jahrestages des Massakers und des 60. Geburtstags des Fußballvereins eine deutsche Mannschaft dabeihaben. Er wählte Dachau.

Zusammen mit dem damaligen Dachauer OB Peter Bürgel fuhren Schüler des Ignaz-Taschner-Gymnasiums nach Oradour. Drei Jahre später folgte der Gegenbesuch. Der Sport half, Grenzen zu überwinden, er spielt für Oradour eine wichtige Rolle: „Durch ihn haben wir es geschafft, das Dorf wiederzubeleben“, sagt Hébras. Jetzt steht er vielleicht am Beginn einer wunderbaren Städte-Freundschaft.

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