Moderne Prothesen: Wieder beweglich trotz kaputter Sehnen

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Anatomische Modelle funktionieren nur bei intakten Sehnen

Eine Kunstgelenk für das kaputte Knie, ein Ersatz für die verschlissene Hüfte: Das Einsetzen einer Knie- oder Hüftprothese ist heute ein Standardeingriff. Und die meisten Patienten sind mit dem Ergebnis durchaus zufrieden.

Anders war das zumindest bis Ende der 1990er-Jahre noch bei der Schulter: „Die Ergebnisse waren nicht konstant gut“, gibt Dr. Ludwig Seebauer zu. Noch heute haben Schulterprothesen daher teils einen schlechten Ruf. „Zu Unrecht“, wie der Chef der Orthopädie im Klinikum Bogenhausen bekräftigt.

Wichtig für einen guten Erfolg ist dabei: Der Operateur sollte Erfahrung haben. Doch Experten, die auf das Einsetzen von Schulterprothesen spezialisiert sind, sind nicht leicht zu finden – schlicht deshalb, weil vergleichsweise wenige Schultergelenke eingesetzt werden. So wurden im Jahr 2012 in Deutschland fast 250 000 Hüftprothesen implantiert. Bei der Schulter waren es etwa ein Zehntel. Selbst in größeren Zentren gibt es daher nicht immer erfahrene Operateure. Anders in Bogenhausen: Hier werden pro Jahr etwa 370 Schulterprothesen eingesetzt – mehr als in jedem anderen deutschen Zentrum.

Auch die Prothesen wurden weiterentwickelt: Bis Ende der 1990er-Jahre gab es im Prinzip nur ein Modell, das anatomische. Es ahmt das natürliche Gelenk nach, indem es Gelenkkopf und Gelenkpfanne ersetzt. Doch kann es nur gut funktionieren, wenn die Manschette aus Muskel und Sehnen, die das Schultergelenk umgibt, intakt ist. Doch bei älteren Patienten ist dies oft nicht der Fall. Das frühere Kunstgelenk konnte dann zwar die Schmerzen lindern, eine gute Bewegung ermöglichte es aber eher nicht.

Ein Durchbruch in der Versorgung älterer Patienten war die Entwicklung der inversen Prothese. Bei ihr sind die natürlichen Verhältnisse umgekehrt: Die Gelenkpfanne sitzt am Oberarm, die Gelenkkugel am Schulterblatt. Dies ermöglicht auch ohne stabilisierende Sehnen-Muskel-Manschette eine gute Beweglichkeit. Allerdings ist die Prothese weniger belastbar als die anatomische. „Aber ältere Menschen packen ja meist nicht mehr so stark zu“, sagt Seebauer.

Doch auch die anatomischen Prothesen kommen noch zum Einsatz, vor allem bei jüngeren Patienten. „Kaputte Sehnen muss man aber unbedingt reparieren“, sagt Seebauer. Auch hier gibt es neue Modelle, zudem in verschiedenen Größen: Je nach Bedarf wird nur der Oberarmkopf quasi überkront. Ist der Gelenkverschleiß fortgeschritten oder hat ein Unfall das Gelenk stark beschädigt, kommt eine zweiteilige Prothese zum Einsatz: Die Oberarmkugel wird durch eine Prothese ersetzt und mit einem Schaft im Knochen verankert. Diese gleitet in einer künstlichen Gelenkpfanne. Der Schaft besteht in der Regel aus einer Titan-Legierung, der Oberarmkopf aus einer Chrom-Nickel-Legierung, die Gelenkpfanne aus Kunststoff. Für Allergiker gibt es Spezial-Beschichtungen.

Moderne Prothesen haben zudem bereits das Älterwerden im Blick. Sollten die Sehnen verschleißen, können sie relativ leicht durch eine inverse Prothese ersetzt werden.

Eine weitere Entwicklung: Künstliche Gelenke werden etwa im Klinikum Bogenhausen teils ohne Vollnarkose eingesetzt. Denn die kann für Ältere riskant sein. Betäubt werden nur die Nerven, die die Signale aus dem Operationsbereich ins Gehirn weiterleiten. Zunächst wird das Umfeld der Nerven betäubt, dann ein Schmerzkatheter gesetzt. Der Patient erhält während der OP meist ein Beruhigungsmittel. Ein Vorteil: Es kommt nicht zum gefürchteten Durchgangssyndrom, das nach einer Vollnarkose auftreten kann. Die Patienten sind dabei verwirrt, haben oft noch lange Konzentrationsstörungen. Die lokale Betäubung verhindert das.

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