Nur 40 Millimeter mehr hätten genügt...

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- Wasserburg - Ganze vier Zentimeter: Ein wenig erschrocken schauten sogar die nach dieser Nacht schon einiges gewohnten Verantwortlichen der Feuerwehren, als Bürgermeister Michael Köbl gestern um 9 Uhr bei der Lagebesprechung den offiziellen Höchststand des Inns mitteilte:

7,26 Meter hatte der Pegel zwischen 1 und 2 Uhr angezeigt, auf allerhöchstens 7,30 Meter ist die Krone des Hochwasserdamms ausgelegt. Etwas mehr Regen oder ein kleiner Schwall vom Stauwerk, dann wäre die Altstadt ganz schnell abgesoffen.

Dienstag, 21 Uhr, Lagebesprechung im Feuerwehrhaus. Alle zwei Stunden kommen die Verantwortlichen der Stadt, der Feuerwehren und Hilfsorganisationen, von Polizei, Straßenbauamt und Wasserwirtschaftsamt zusammen. Auf kurzem Dienstweg wird entschieden.

Lorenz Grasberger drängt darauf, den Bagger von der Innbrücke abzuziehen, der Treibgut von den Pfeilern entfernt. Ganze 40 Zentimeter "Luft" gibt es noch zwischen Wasser und Brücke, "ein größerer Wurzelstock genügt..." , so der Straßenmeister. Die Entscheidung ist schnell gefallen, denn die Helfer will und kann niemand in Gefahr bringen, auch wenn nun die Brücke durch Treibgut noch stärker gefährdet ist.

Das Brucktor wird mit Sandsäcken verrammelt. Die werden langsam knapp. 12000 hatte die Stadt auf Lager, viele werden von besorgten Bürgern abgeholt, die damit ihre Türen in der Altstadt verrammeln.

Im Norden der Stadt scheint der Damm nun nach Aufschüttungen sicher, beim Paulaner werden vorsichtshalber noch Sandsäcke auf die Mauer gelegt. Laufend bieten sich zivile Helfer an, ständig fragen Altstadt-Bewohner bei der Einsatzzentrale in der Feuerwehr nach Informationen. Der Wuhrbach läuft inzwischen über die Rosenheimer Straße, "wohl der größte Problempunkt im Moment" vermutet Georg Schmaderer, Einsatzleiter von der Wasserburger Feuerwehr.

Doch dann platzt die Nachricht in die Runde: "Wassereinbruch bei Deinwallner." Sofort werden alle verfügbaren Kräfte dort konzentriert. Ein Sandsackwall soll das weitere Eindringen des Wassers in die Altstadt verhindern, fünf Feuerwehrpumpen versuchen, den Wasserspiegel zu halten. Sorge um die Tanks der Firma Deinwallner kommt auf, doch der Ölgeruch über der Gegend stammt von einem kleineren Haustank, der aufschwimmt. Die Keller in der Neustraße werden überschwemmt, die Tiegarage, in der noch einige Autos stehen, läuft innerhalb kürzester Zeit voll.

Schließlich ist auch klar, woher das Wasser kommt: Der alte Kanal der Knoppermühle, seit rund 100 Jahren verschlossen, leitet Innwasser durch den Hang. Links und rechts und schließlich auch durch das alte Mühlgebäude strömt die braune Brühe mit Hochdruck Richtung Stadt. Offensichtlich wurde der Verschluss auf der Innseite vom Hochwasser beschädigt.

Gully um Gully muss der Wall erweitert werden. Bürger helfen vorm Bahnhof, den rasch herangefahrenen Sand in Säcke zu füllen, neue Dämme aufzurichten.

"Wir brauchen dringend einen Bagger." Bürgermeister Michael Kölbl, der kurz nach 23 Uhr direkt von der Problemzone zur Lagebesprechung gekommen ist, will wenigstens versuchen, das Loch auf der Innenseite etwas abzudichten. Eilig wird die Firma Zoßeder alarmiert, es wird nach Netzen oder Säcken gesucht, mit denen größere Sandsackpakete auf den Durchbruch gelegt werden könnten. Das THW soll große Pumpen bringen, doch die sind inzwischen an anderer Stelle im Landkreis im Einsatz.

Dann kommt gegen 23.30 Uhr eine Empfehlung vom Krisenzentrum im Landratsamt Rosenheim: Die Erdgeschoße in der Altstadt seien aus Sicherheitsgründen zu räumen. Der Leiter der Polizei-Inpektion, Manfred Brandt, bereitet eine entsprechende Rundfunk- und Lautsprecherdurchsage vor. Dann einige sich die Verantwortlichen aber, wenigstens noch eine halbe Stunde zu warten. "Vielleicht stabilisiert es sich ja doch."

Der Pegelstand wird inzwischen gleichbleibend mit 6,91 gemeldet. Hoffnung kommt auf, denn sieben Meter gilt als die absolut kritische Marke. Doch dann stellt sich heraus, dass die automatische Messanlage defekt ist. Kurz nach 1 Uhr schnellt die Anzeige auf fast 7,50 Meter, auch das ein falscher Wert. Erst am Morgen stellt sich heraus, dass der Scheitel tatsächlich bei 7,26 Meter lag, fast einen halben Meter über dem Jahrhundert-Hochwasser von 1985.

Momentan allerdings interessieren diese Zahlen den Krisenstab nur mehr bedingt: Was kommt, das kommt. Kreisbrandinspektor Hermann Kratz holt die Helfer von allen umliegenden Feuerwehren zusammen, um frische Kräfte zu bekommen. Immerhin sind einige Helfer schon lange im Einsatz, andere müssen vor der Arbeit noch ein paar Stunden schlafen.

An einigen Stellen schwappt der Inn über den inzwischen satt durchgeweichten Deich. Doch die überall postierten Wachen melden noch keine größeren Schäden. An der Rosenheimer Straße ist das Wasser der Wuhr in einige Häuser gelaufen, das Pflaster ist teilweise unterspült.

Erneut wird die Evakuierung der Erdgeschoße aufgeschoben. Das Wasser scheint tatsächlich nicht mehr zu steigen, am Bahnhof hält ein zweiter großer Sandsackwall die Flut endlich zurück. Dann wieder eine Schrecksekunde: Eine der drei Pumpen des Schöpfwerks, das das Wasser aus den Kanälen der Stadt befördert, fällt aus. Doch die Zusatzpumpe, die von der Feuerwehr schon vorher in den Schacht eingesetzt wurde, kann die Zeit überbrücken.

Erschöpfung steht den Feuerwehr-Kommandanten bei der 5-Uhr-Besprechung im Gesicht. Doch Bürgermeister Michael Kölbl wirkt zum ersten Mal etwas erleichtert. Am Bahnhof ist das Wasser nicht mehr gestiegen, der Bagger hat offensichtlich das Loch etwas verkleinern können, die einströmende Wassermenge ist etwas geringer. Und der Innpegel ist auch wieder leicht rückläufig. Noch ist es zu früh für eine Entwarnung, doch es kommt Hoffnung auf: "Wir könnten es vielleicht doch schaffen", .

An der Brücke werden die Sandsäcke wieder abgeräumt, die Zufahrt zur Stadt bleibt aber weiterhin auch von Westen her für Autos gesperrt.

"Was sollen wir mit Berufstätigen machen?" Gegen 7 Uhr wird das Verkehrsproblem drängender. Doch der Kristenstab ist sich auch hier wieder einig: Vorsichtshalber dürfen weiter keine Autos in die Stadt, "nur in ganz begründeten Ausnahmen." Noch immer könnte es eine unliebsame Überraschung geben. Außerdem wird ein Verkehrschaos befürchtet, wenn nun der normale Werktagsverkehr in die Altstadt strömen würde. An den Zufahrten bilden sich lange Staus, Berufstätige gehen zu Fuß von der Innhöhe oder dem Badria in die Altstadt.

"Hat jemand den Wetterbericht gehört?" Niemand im Lagestab hatte bisher Zeit für so etwas, ein Mitarbeiter informiert sich im Internet. Ab sofort wird vom BRK Frühstück an die Helfer verteilt, der Pegel ist nun schon auf 6,50 Meter gefallen. Die Feuerwehrler werden gebeten, den Schlamm, der allmählich an den überfluteten Stellen zutage tritt, gleich abzuspritzen, "sonst wird das wie Beton."

In den betroffenen Bereichen beginnen die Hausbewohner mit ersten Aufräumarbeiten. In der Neustraße wird die Tiefgarage ausgepumpt. Doch Christian Wolf will sein Auto eigentlich gar nicht sehen. "Es ist gestern nicht mehr angesprungen, also musste ich es zurück lassen." Im Moment ist er ohnehin beschäfigt damit, das Wasser aus seiner Physiotherapie-Praxis zu entfernen.

Nebenan räumen die Mashas Sandsäcke aus ihrer Taverne "El Greco". Sie haben nicht helfen können. "Wir haben doch erst eröffnet, es war alles neu." Jetzt ist der Keller bis oben vollgelaufen, im Lokal stand das Wasser 20 Zentimeter hoch.

Überall wird nun geräumt, getrocknet, der Schlamm mit dem Schneeschieber weggeschoben. Doch es wird noch dauern, bis die Schäden alle sichtbar werden.

Im Kristenstab kommen nun Erleichterung und Ermüdung zusammen. Die Bundeswehr aus Brannenburg kommt mit Sandsäkken, sie soll vor allem beim Aufräumen helfen. Michael Kölbl dankt schon einmal allen Helfern. "Es war einfach fantastisch." Ein paar Stunden wird er noch durchhalten müssen, und auch wenn es ihn vor Müdigkeit schon friert, ist sein Stolz nicht zu überhören: "Gemeinsam haben wir es halt doch geschafft."

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