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Tiroler Festspiele

Von Montepulciano nach Erl: Dirigent Roland Böer leitet Eröffnungskonzert der Erler Klaviertage

Roland Böer hat fast alle maßgeblichen Orchester Europas dirigiert.
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Roland Böer hat fast alle maßgeblichen Orchester Europas dirigiert.

Offenbach/Rosenheim – Roland Böer (52) ist ein international gefragter Dirigent. Als Konzertdirigent hat er fast alle maßgeblichen Orchester in Europa dirigiert. Bei den Tiroler Festspielen Erl wird er bei den Klaviertagen im April ein Orchesterkonzert leiten mit Mélodie Zhao am Klavier. Auf dem Programm stehen „Malédiction“ und die h-Moll-Sonate von Franz Liszt, Haydns Symphonie Nr.

95 und das Konzert für Trompete, Klavier und Streichorchester von Dimitri Schostakowitsch. Im Interview erzählt Roland Böer von Maschinenmusik, von einem Konzertsaal wie eine Geige und vom Karussellfahren mit Haydn.

Herr Böer, wo und wobei treffen wir Sie gerade an?

Roland Böer: In Offenbach am Main an meinem Schreibtisch mit Bürosachen und später an meinem anderen Schreibtisch beim Komponieren, ein Stück für ein anderes Festival – unter einem Pseudonym.

Was wird es werden?

Böer : Ein Orgelsolo-Werk für eine Konzertorgel. Es geht um den „Malleus maleficarum“, den „Hexenhammer“ (der die Hexenverfolgung legitimierte, Anmerkung der Redaktion): eine grausam-perfide Maschinerie, der ein gequältes einsames Individuum gegenübersteht. Mir erschien dafür die Orgel reizvoll, weil sie zwar sakralen Charakter hat, aber auch eine Art Musikmaschine ist.

Also Maschinenmusik für eine Musikmaschine.

Böer: Das kann man so sagen. Es wird solche maschinellen Elemente geben, um die Fallhöhe zu einem verlorenen Gesang eines Menschen, der da überrollt wird, zu symbolisieren.

Was ist Ihnen lieber, Oper oder Konzert?

Böer : Wenn man beides machen darf, ist es das größte Glück überhaupt.

Sie dirigieren in vielen Opernhäusern und Konzertsälen: Haben Sie ein „Lieblings“-Opernhaus und -Konzertsaal?

Böer : Ich kann mich sehr schnell überall zuhause fühlen. Ich gehe einfach auf die Bühne und fühle mich wie ein Fisch im Wasser! Aber den Konzertsaal der Alten Oper Frankfurt mag ich, er ist so renommiert und ich kenne ihn noch als Schüler. Architektonisch schön ist natürlich die Mailänder Scala, aber auch das Teatro Petruzelli in Bari. Und dann das Sage Gateshead in Nordengland – das ist ganz aus Holz, der Grundriss ist wie ein Geigenkorpus und die Akustik dort ist umwerfend toll!

Haben Sie mit der in Erl immer gern gehörten Pianistin Mélodie Zhao schon einmal zusammengearbeitet?

Böer : Nein, aber ich habe sie schön gehört und gesehen und einmal länger mit ihr telefoniert. Ich fand sie sehr nett und sehr herzlich.

Haben Sie das ungewöhnliche Programm selber entworfen?

Böer : Ja. Zuerst habe ich gefragt, wie groß das Orchester sei. Wie das der h-Moll-Messe von Bach, wurde mir gesagt. Ich sollte etwas Frühklassisches nehmen, das wollte ich aber nicht, sondern einen totalen Kontrast dazu. Mélodie Zhao wollte etwas von Liszt spielen, da bot sich die h-Moll-Sonate an, und da Liszt gut mit Liszt zu komponieren ist, wählte ich „Malédiction“. Dieses früh komponierte Stück für Klavier und Streichorchester vereint wunderbar in sich die Gattungen eines Klavierkonzerts und einer sinfonischen Dichtung, zeigt schon vieles vom späten Liszt und drückt eine Reihe von menschlichen Gefühlen aus: Tränen, Ängste, Träume und Spott.

Und wie passt der Schostakowitsch dazu?

Böer : Den Schostakowitsch wollte auch Mélodie Zhao spielen. Dieses Konzert für Klavier und Trompete ist ein brillantes und fantastisches Stück und bietet den tiefen und ernsten Gefühlen der „Malédiction“ ein ironisches Gegengewicht. Schostakowitsch selber nennt das Stück „eine spöttische Herausforderung an den konservativ-seriösen Charakter des klassischen Konzert-Gestus.“ Hier ist alles Parodie und Persiflage mit vielen verfremdeten Zitaten.

Klaviertage Erl

Die Klaviertage finden vom 8. bis 10. April im Festspielhaus Erl statt. Das Auftaktkonzert unter Leitung von Roland Böer ist am Freitag, 8. April, um 19 Uhr. Tags darauf spielt Claire Huangci zwei Klavierkonzerte von Bach, dessen Toccata in D-Dur und die d-Moll-Toccata für Orgel in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni. Dazu gibt es Mozarts Linzer Sinfonie, die Leitung hat Takeshi Moriuchi. Als Benefiz-Matinée erklingt Bachs h-Moll-Messe am Sonntag, 10. April, um 11 Uhr. Orchester, Festspiel-Chor und Solisten werden dirigiert von Giedre Šlekyte aus Litauen. Dazu gibt es an den Nachmittagen drei „Polster-Konzerte“ für die ganze Familie: Schlagzeugmusik, auch zum Mitmachen, wie etwa Bodypercussion und rhythmische Bewegungen. Karten gibt es unter Telefon 00 43/53738 10 00 20 oder unter karten@tiroler.festspiele.at. Mehr Infos, auch zum Hygienekonzept, findet man unter www.tiroler-festspiele.at.

Und wie passt wiederum Haydns c-Moll-Symphonie dazu?

Böer : Um Haydn kommt niemand herum! Er ist einer der großartigsten Komponisten, sein musikalischer Witz sucht seinesgleichen. Weder Liszt noch Schostakowitsch wären ohne Haydn da, wo sie jetzt sind.

Können Sie das genauer erklären?

Böer : Pfiffigkeit und musikalischen Humor, das Spiel mit musikalischen Überraschungen – das verbinde ich mit Haydn. Das chromatische Unisono-Thema der c-Moll-Symphonie wirkt schroff und spröde, wächst sich aber zu einem Kosmos aus und am Ende fühlt man sich wie in einem Karussell. Das hat eine Parallele zur Farbigkeit und der Kunst der Verfremdung bei Schostakowitsch – und der zitiert in diesem Konzert auch ein Thema von Haydn, aus seiner D-Dur-Klaviersonate!