Dem Leben davonlaufen

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Erst Essattacken, dann Sport. So lange, bis alle Kalorien abtrainiert sind: Zwei Jahre lang drehte sich Stefanie R.s (Name geändert) Leben nur darum. Die 32-Jährige litt an Sportbulimie. Eine höchst gefährliche Sucht.

STIEFS sprechstunde

Erst Essattacken, dann Sport. So lange, bis alle Kalorien abtrainiert sind: Zwei Jahre lang drehte sich Stefanie R.s (Name geändert) Leben nur darum. Die 32-Jährige litt an Sportbulimie. Eine höchst gefährliche Sucht.

VON NADJA KATZENBERGER

Sie schnürt ihre Joggingschuhe – und rennt los. Jeden Morgen läuft Stefanie R. 20 Kilometer. Und dann rennt sie weiter: zur Arbeit ins Fotostudio. Auch in der Mittagspause gönnt sie sich keine ruhige Minute: Sie powert sich im Fitness-Studio aus, mit Krafttraining oder Squash. Anstrengend muss es sein, fordernd, bloß nicht entspannend. Yoga? Scheidet aus.

„Ich war so angespannt, ich hätte mich gar nicht auf die Matte legen können“, erzählt die Fotografin aus München. Sie ist inzwischen 32 Jahre alt, sie rennt nicht mehr davon. Früher ging sie an manchen Tagen drei Mal täglich zum Sport, in drei verschiedene Fitness-Studios – niemand sollte merken, dass sie süchtig danach ist.

Dabei fing alles ganz harmlos an, kurz vor Stefanies 30. Geburtstag: Sie will gesünder leben, mehr Sport treiben, sich besser ernähren. Zwei Jahre danach schluckt sie Vitaminpillen und Aufputschmittel. Und hat immer häufiger Essanfälle. Aber sie stürzt sich nicht auf Chips, Kuchen oder Schokolade. Nein, sie will gesundes Essen – und sie will sich nicht erbrechen, anders als man es von der klassischen Bulimie, der Ess-Brech-Sucht, kennt. „Ich habe mir nur bestimmte Nahrungsmittel wie Haferflocken erlaubt und davon wahnsinnig viel gegessen“, erzählt sie. „Zum Schluss hatte ich diese Anfälle jeden Tag, fast bis zur Ohnmacht.“ Dennoch trainiert sie weiter, immer härter. „Ich konnte nicht damit aufhören. Gleichzeitig musste ich im Kopf immer wieder rechnen: Was nehme ich gerade zu mir? Wie kann ich das wieder abtrainieren?“

Wie Bulimie und Magersucht gehört auch die Sportbulimie zu Essstörungen. Das Krankheitsbild ist jedoch wenig bekannt, und es wird in der Medizin nicht als eigene Störung erfasst. Stehen bei der klassischen Bulimie Essattacken, Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln im Vordergrund, trieben Menschen mit Sportbulimie „exzessiv Sport“, sagt Bernhard Backes, leitender Psychologe an der Schön Klinik Starnberger See. Freunde und Kollegen bemerkten die Krankheit oft nicht: Sport ist gesund – warum Sorgen machen?

In Stefanies Leben gibt es bald nur noch Arbeit, Sport – und Essattacken. Sie will alles kontrollieren, aus ihrem Körper das Maximum herausholen, immer mehr leisten. Sie erstellt Pläne: Beim Essen lässt sie erst die Kohlenhydrate weg, nimmt irgendwann nur noch Eiweiß zu sich. „Man rutscht da rein und überschreitet eine Hemmschwelle nach der anderen“, erzählt sie heute.

Für Privates hat sie keine Zeit, spricht nicht mit ihrem Lebensgefährten über die Probleme. „Ich habe niemanden mehr an mich rangelassen. Je härter der Körper wird, desto härter wird die Einstellung zu sich und anderen.“ Wer nicht ihre Meinung hat, der wird aus ihrem Leben ausgeschlossen. Dabei geht es Stefanie längst nicht mehr gut. Sport macht ihr keinen Spaß mehr, ist nur noch Zwang. Sie hat Schmerzen, in der Hüfte, in Knien und Knöcheln. Dazu kommt ein Hörsturz. Der Körper sendet Warnsignale. Doch Stefanie dreht die Musik an ihrem Smartphone lauter, rennt weiter, schneller. Sie hat eine genaue Vorstellung, wie ihr Körper aussehen soll. Aber sie ist inzwischen so dünn, dass sie sich nicht mehr ins Schwimmbad traut. „Ich dachte, ich ernähre mich gesund, treibe Sport, das ist doch ein gesunder Lebensstil.“ Dabei leidet sie längst unter einer Essstörung. „Wenn Schlaf ausbleibt, nachts trainiert wird, es nichts mehr gibt außer Arbeit und Sport und das Verhalten Leidenscharakter bekommt, sprechen wir von Sportbulimie“, sagt Psychologe Backes.

Auch Stefanie spürt, dass sich etwas ändern muss. Sie versucht es mit einem sogenannten Berufs-Coaching. Doch die Beraterin erkennt schnell, dass Stefanies Probleme woanders liegen, nicht im Job. Sie vermittelt ihr eine Therapeutin. Erst glaubt Stefanie noch, sie brauche keine stationäre Therapie. Sie will ja schnell wieder funktionieren. „Dann ging gar nichts mehr. Es gab nur noch die Essanfälle, ich konnte keinen Sport mehr machen.“ Und da wird ihr endlich klar: „Ich brauche Hilfe.“

Anfang des Jahres begibt sich Stefanie für zehn Wochen in die Schön Klinik Starnberger See. In den Monaten zuvor hatte sie sich zurückgezogen, konnte um sich herum keine Menschen mehr ertragen. Jetzt soll sie den ganzen Tag mit einer Gruppe verbringen. „Patienten erleben den Beginn der stationären Therapie als großen Kontrollverlust“, sagt Psychologe Backes. „Da tut die Gruppe gut: Sie sind nicht allein, fühlen sich aufgenommen, stützen sich gegenseitig.“

Für Betroffene ist die Essstörung meist eine Art Vermeidungsstrategie. Indem sie sich auf Ernährung und Sport konzentrieren, können sie Konflikte und Gefühle verdrängen. In der Klinik ist das nicht möglich: „Deshalb geraten die Patienten anfangs unter großen Druck“, erzählt Backes. „Aber nur so können sie sich auch anschauen, was diesen auslöst.“ Sie sollen lernen, Verhaltensmuster zu durchbrechen. „Ich habe Konflikte in meinem Inneren ausgetragen“, erzählt Stefanie: „Vor dem einen bin ich davon gerannt, das andere habe ich in mich hineingestopft.“

In der Therapie hat sie gelernt, dass es anders geht. „In der Klinik lebt man wie unter einer Käseglocke, abgeschirmt von den Problemen draußen“, erklärt Backes. „Das ist wichtig, um es ohne Erbrechen oder exzessiven Sport zu schaffen. Zu merken, wie der Druck steigt, aber die Symptome ausbleiben – ein Erfolgserlebnis.“ Allein bekämen Betroffene ihre Essstörung kaum in den Griff. Sie seien von Leistungsdenken bestimmt und sehr frustriert, wenn sie es nicht von sich aus schafften aufzuhören, sagt Backes. „Das heizt den Teufelskreis weiter an.“

Die Zeit in der Klinik ist hart für Stefanie. Aber sie fühlt sich dort auch aufgehoben, vor allem in der Gruppe – vor der sie sich so gefürchtet hatte. „Ohne die anderen hätte ich es nie so weit geschafft“, sagt sie heute. „Vorher hätte ich Schwäche nie zugelassen. Plötzlich hatte ich Kraft und Mut, Dinge anzusprechen.“

Damit verändert sich auch ihr Verhalten. Speisen, die sie seit Jahren nicht angerührt hat, schmecken ihr wieder. Weniger Sport zu treiben, ist die größere Herausforderung. Joggen darf sie nicht, das Laufen gehört ja zu den Symptomen der Sportbulimie. Walken, Schwimmen oder Spazierengehen sind drei Mal pro Woche erlaubt. „Ich muss das richtige Maß finden“, sagt sie.

Inzwischen ist sie wieder zu Hause, kommt aber jeden Tag in die psychosomatische Tagesklinik der Schön Klinik in München. Der Bewegungsdrang ist noch da: Sie radelt hin, nimmt die Treppe in den fünften Stock, nicht den Aufzug. Und: Neben der Tagesklinik liegt ein Fitness-Studio. „Ich merke manchmal, wie ich unruhig werde, früher bin ich dann sofort ins Studio.“ Heute kennt sie andere Strategien. Und: Die Strukturen in der Tagesklinik geben ihr Halt. Von 8 bis 16 Uhr besteht hier Anwesenheitspflicht, wie an einem normalen Arbeitstag. Die Behandlung in der Tagesklinik soll Patienten wie Stefanie den Übergang von der Klinik in den Alltag erleichtern. „Die Schwierigkeit ist, die Käseglocke wieder zu verlassen“, sagt Psychologe Backes. Dazu dienen auch Belastungserprobungen; etwa ein Wochenende zu Hause.

Rund sechs Wochen lang wird Stefanie hierher kommen, dann folgt eine ambulante Therapie. Der Weg aus der Essstörung dauert ein bis zwei Jahre. „Das braucht viel Geduld und frustriert mich auch manchmal“, sagt Stefanie. „Es ist ein langer Weg, aber ich bin bereit, ihn zu gehen – und freue mich darauf.“

Sie isst wieder Kuchen und Käsebrote, geht in Restaurants. Manchmal hat sie noch Essanfälle. Nur weiß sie jetzt: „Das sind Zeichen, die mir sagen, dass etwas anderes nicht stimmt.“ Sie hat gelernt, die Kette zu unterbrechen – und Sport vom Essen zu trennen. Sie rennt nicht mehr weg.

Zurück zur Übersicht: Welt

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare