FELIX HAFNER ÜBER SEINE ADAPTION DES ROMANS „SCHÖNE NEUE WELT“ VON ALDOUS HUXLEY FÜRS MÜNCHNER VOLKSTHEATER

Die Zukunft in unserer Gegenwart

von katrin hildebrand. Naturgemäß spielen Dystopien immer in der Zukunft, allerdings nicht in einer rosigen.

Stattdessen greifen sie zeitgenössische Entwicklungen auf, führen sie ins Extreme und werfen sie als futuristische Zerrbilder an die Wand. So hat es auch Aldous Huxley in seinem Roman „Schöne neue Welt“ aus dem Jahr 1932 getan. Das Münchner Volkstheater bringt das Werk nun auf die Bühne; Premiere ist am Sonntag.

Adaptiert und inszeniert hat es der österreichische Regisseur Felix Hafner. „Ich hatte das Buch früher nie gelesen, sondern erst, als wir anfingen, für das Theater nach einer Dystopie zu suchen“, sagt er. „Dann aber haben mich die Fragen, die es eröffnet, sehr schnell gepackt.“ In der schönen neuen Welt gibt es keine klassischen Krisen und Gräuel mehr. Die Menschen bleiben gesund, altern kaum und sterben dann schnell ohne Schmerz. Frauen müssen nicht mehr gebären. Promiskuität spielt eine große Rolle. Embryonen wachsen im Labor heran. Doch ist die schöne neue Welt keine Gesellschaft der Gleichen, sondern in eine Art Kastensystem unterteilt. Konsum, Konditionierung und eine Superdroge namens Soma halten die Menschen in dieser Ständeordnung bei fast immer guter Laune.

„Spannend finde ich den Entwurf einer Welt, in der Menschen derartig stabil sind, dass keine Krankheiten und Kriege mehr ausbrechen“, sagt Hafner. „Die Frage ist natürlich: Was würde man in Kauf nehmen, um das zu erreichen?“ Sehr wichtig war es dem Regisseur, die im Roman präsentierte Zukunftsgesellschaft nicht zu verurteilen. Auch haben er und das Team einige Elemente des Originals verändert – die Frauenfiguren wurden zum Beispiel gestärkt. Und das Bild des Reservats, in das zwei Neuweltler reisen, um traditionell lebende „Wilde“ kennenzulernen, wurde modernisiert. Huxleys Vorstellung der „Eingeborenen“ erschien den Machern dann doch zu romantisierend.

„Schöne neue Welt“ spielt im Jahr 2540. Doch die Inszenierung lässt alle klassischen Science-Fiction-Elemente weg. Die Bühne von Camilla Hägebarth ist reduziert, sie besteht aus einem schwarzen Spiegelboden und einer Maschine mit mehr als 80 Scheinwerfern. „Wir gehen bewusst nicht ins Futuristische, denn die schöne neue Welt ist ja zum Teil schon bei uns heute angekommen“, erklärt Felix Hafner. „Die Konditionierung, die man dort finden kann, kann man hier ja auch finden. Inwieweit zum Beispiel hat ,Romeo und Julia‘ unsere Vorstellung von Liebe und Treue geprägt?“

„Romeo und Julia“ spielt ebenso wie einige andere Shakespeare-Dramen, etwa „Macbeth“ und „Der Sturm“ (aus dem Huxley den englischen Originaltitel „Brave New World“ entnommen hat), eine wichtige Rolle im Roman des Briten: Der in einem Reservat traditionell aufgewachsene „Wilde“ John hat viele der Stücke gelesen. In der schönen neuen Welt ist Shakespeare jedoch verboten, wie alle Kunstwerke. Als John diese Welt betritt und seine Shakespeare-Ideologie unter den Bewohnern verbreitet, stößt er auf Unverständnis.

Dass in der Bühnenadaption eines Romans Dramen zitiert werden, ist für Theatermacher natürlich ein großes Vergnügen. In Hafners Inszenierung deklamiert John die Monologe auch nicht einfach konventionell herunter. Stattdessen spricht er lippensynchron alte Shakespeare-Einspielungen nach, unter anderem von Kenneth Branagh und Oskar Werner. Mit den Worten des großen Dichters will John die Neuwelt-Menschen aus ihrer Konditionierung reißen. Vergebens natürlich. Felix Hafner sieht diese krampfhaften Befreiungsversuche durchaus dialektisch: „In einer Welt, in der alles stabil ist, kann man nicht mehr Theater spielen. Denn im Theater zehrt man davon, dass seit jeher Gewalt und Konflikte die Menschheit beschäftigen. Bei Huxley soll man mit John mitgehen. Aber wir können die Figur heute auch hinterfragen, schauen, was an ihr überholt und konservativ ist.“

Der von John favorisierten Kunst hat die schöne neue Welt nur zwei sehr, sehr eingängige Schlager entgegenzusetzen. Der Musiker Clemens Wenger hat sie eigens für das Stück komponiert. Sie heißen „Soma-Song“ und „Drück mich bis zum High, mein Schatz”. Das klingt ziemlich lustig. Humor ist durchaus auch ein Element der Inszenierung – „als Waffe gegen die pädagogische Didaktik des Romans“, wie es der Regisseur formuliert.

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