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Rückblick: Ein Pater-Noster-Konzert, das 1999 veranstaltet wurde. foto: schimansoky

Piano Possibile zeigt letztmals, wie spielerisch Modernes sein kann. Die Musikstadt München ist in Aufruhr.

Nicht nur der Streit um den Neubau eines Konzertsaales erschüttert die Kulturszene, mit dem Abschied von Piano Possibile verliert man nun auch ein Aushängeschild der klingenden Subkultur. Im hiesigen i-camp gab das Avantgarde-Ensemble letztmals eine Kostprobe seines innovativen Potenzials.

Mit „exit to enter“ schuf Michael Beil eine gelungene audiovisuelle Reflexion der Mensch-Maschine-Thematik im digitalen Zeitalter. Unter einer Videoleinwand vollführen die Interpreten Gesten, die als Schnappschüsse auf die Leinwand projiziert werden. In der Folge entwickelt sich zwischen den Musikern und ihren Projektionen eine akustisch wie optisch ansprechende Performance, bei der sich Menschen und Digitales in einer komplex-präzisen Dynamik die Klänge zuwerfen. Diese changieren zwischen spielerischen Videospiel-Sound, Noise und Bruchstücken aus dem Reich der Neuen Musik.

Das Ergebnis steht für sich. Weder populistisch noch allzu gelehrt werden die Schallgrenzen von E- und U-Musik durchbrochen. Beils Arbeit und ihre Aufführung offenbart alle Vorzüge der freien Szene. Mit unabhängiger, qualitätsvoller Ästhetik wird ein Publikum angezogen, das sich die großen Institutionen der Kunstmusik vergeblich wünschen: bunt gemischt, neugierig und begeisterungsfähig.

Die Umbaupause gestaltete Piano-Possibile-Macher Philipp Kolb als Manifest gegen die mangelnde Wertschätzung des Ensembles, indem er mit der Stadt München eine Rechnung aufmachte: Die zur Renovierung des Gasteigs zugesagten Millionen würden reichen, um Piano Possibile 10 000 Jahre zu fördern. Sein Vergleich veranschaulicht die enormen finanziellen und strukturellen Differenzen von sogenannter Hochkultur und freier Szene, für deren Pflege vergleichsweise geringe Aufwendungen notwendig – und angebracht – sind.

Dass das Ensemble einer Anerkennung wert ist, bewies auch das zweite Stück. Dieter Dolezels „de.conducted“ platziert U- und E-Kultur einander direkt gegenüber. Ein Quartett aus Geige und Cello, E-Gitarre und -Bass kesselt das Publikum mit hochspannenden Klängen zwischen Noise und Pink Floyd, Minimal Music und Kunstmusik ein. Ganz Münchnerisch gibt es zum Requiem Piano Possibiles Freibier. Der selbst ernannten Musikstadt wird diese selbstironische Avantgarde fehlen. Deswegen: Zugabe bitte! anna schürmer

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