Wühlen im Wortabfall

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Thomas Schmauser inszenierte am Münchner Akademietheater „Blut am Hals der Katze“. von alexander altmann.

Sie stehen, kauern, liegen, trampeln, sie gehen sich an die Wäsche und auf die Nerven, küssen, schlagen, bedrohen sich. „Ich liebe dich“, sagen sie oder auch „Halt die Fresse“ – und beides im gleichen Tonfall, denn ihre Sätze sind so beliebig und austauschbar wie ihre Gefühle: Es ist die seelenlose, entkernte Sprache der „proletarischen Massen“, die Rainer Werner Fassbinder in seinem Alltagsdrama „Blut am Hals der Katze“ in kurzen Szenen ausstellt. Das 1971 uraufgeführte Bühnenstück des nachmals berühmten Filmemachers will die Fremdbestimmtheit all der Huren, Polizisten, Kriegerwitwen, die da auftreten, an ihrem entfremdeten Gerede sichtbar machen: an dem Floskel- und Phrasenmüll, der diesen Angehörigen des Sklavenheeres einzig bleibt zum „Ausdruck“ ihrer konfektionierten Existenzen.

Eine Art Müllhalde ist folglich auch die Bühne, die Thomas Schmauser im Akademietheater des Münchner Prinzregententheaters installiert hat. Der bekannte Schauspieler von den Kammerspielen inszenierte das Fassbinder-Frühwerk mit Studenten der Bayerischen Theaterakademie als Darstellern. Und die dürfen dann auch heftig mit roter Neonfarbe rumkleksen auf der weißen Spielfläche, deren Rückwand ohnehin schon mit Graffiti und Siffspuren übersät ist – während im Vordergrund ein paar groteske Roboterhündchen aus Altmetall rumstehen.

Aber diese ganze Abraumhaldenästhetik hat das Stück auch nötig, das mit seiner sprachkritischen Orientierung glatt als Hörspiel durchgehen könnte. Ein bisschen merkt man der Inszenierung das Bemühen an, szenische Entsprechungen zu finden für das Wühlen im Wortabfall: Eine Choreographie des Kriechens und Zuckens übersetzt fast noch etwas zu vorsichtig die Sprachlosigkeit der Figuren in linkisch-verrenkte Bewegungen – gelegentlich untermalt von grellen Dröhngeräuschen. Dazu passt die Dissonanz zwischen Inhalt und Ausdruck, wenn die Akteure verstörende Geschichten von Tod, Gewalt und Missbrauch im fröhlich glucksenden Plauderton vortragen oder wenn Frauen Männertexte sprechen und umgekehrt.

Wie überhaupt die erstaunlich reifen Schauspielstudenten das Hauptereignis des Abends sind, weil sie einen schwierigen Spagat schaffen: Einerseits fordert die Inszenierung von ihnen formloses Rumsudeln und die Darstellung konturloser Figuren, andererseits gelingt es ihnen, diesen Persönlichkeits-Schemen eine im besten Sinne peinlich Präsenz zu geben. Heftiger Beifall.

Weitere Vorstellungen

am 16., 17., 20., 22., 23., 24. sowie 27. Mai;

Telefon 089/ 21 85 28 99.

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