DAVID MARTON INSZENIERTE ZUM SAISONSTART DER MÜNCHNER KAMMERSPIELE „ON THE ROAD“ NACH KEROUAC ALS JAMSESSION

Auf der Wuchtwalz

Premierenkritik . Von Michael Schleicher.

Schläge. Fordernd, aggressiv. Dumpfes Hämmern auf Trommeln, Kiste, Topf und Pfanne. Eine Wuchtwalze rollt aus der Tiefe der Bühne ins Parkett der Münchner Kammerspiele, eine Wand aus Hieben. Es sind abgekämpfte, heruntergekommene und plattgemachte Typen, die diesen Lärm veranstalten: die Beat-Generation, junge Leute in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Abgehängt vom Wohlstand, angeekelt von der Spießigkeit ihrer Umgebung, in der sie zugleich gefangen sind. Freiheit, Wildheit und Ekstase pulsieren nur durch ihre Träume.

Im Schauspielhaus (Kammer 1) finden die Schläge zu einem Rhythmus, dann schält das Klavier aus dem wilden Wüten eine Melodie heraus, einen verspielt-drängenden Lauf, der musikalisches Leitmotiv dieser Premiere werden wird. Mit David Martons Inszenierung „On the Road“ nach Motiven des 1957 erstmals veröffentlichten Romans von Jack Kerouac (1922-1969) starteten die Kammerspiele am Donnerstag in die neue Spielzeit.

It’s Jazz Time. Denn diese zwei pausenlosen Stunden sind theatrale Jamsession, eine stimmige Installation aus Klang, Sprache, Bewegung. Der Abend ist scheinbar lässig improvisiert, gern mal schnoddrig – und dennoch von den sieben Schauspielern und Musikern präzise und fein austariert.

Der ungarische Regisseur, der in den vergangenen Spielzeiten mit „La sonnambula“ und „Figaros Hochzeit“ bereits Musiktheater ans Haus brachte, hatte den Mut, die mehr als 400 Seiten starke Vorlage auf 13 Blätter einzudampfen. Dennoch – oder gerade wegen dieses beherzten Zugriffs – wird die Inszenierung vielen Aspekten des Romans gerecht. Marton richtete eine hochmusikalische Gaudi ein, die ausgelassen das Leben feiert, von drängender Sehnsucht erzählt und zur entlarvenden Bestandsaufnahme eines Amerikas wird, dessen Sieg auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs nicht (mehr) als Kitt einer sich spaltenden Gesellschaft taugt.

Kerouac und seine Freunde spürten das. Mit „On the Road“ hat der Autor seiner Generation ihre Bibel geschenkt, hat den Text in seine Schreibmaschine und in die Herzen der Leser gehämmert. Zwar hat er ordentlich vorgearbeitet, geschrieben wurde dann jedoch am Stück, ohne einen Absatz zu machen. Das Manuskript klebte Kerouac zu einer am Ende 37 Meter langen Rolle zusammen – angeblich (es klingt halt so gut), um beim Seitenwechseln keine Zeit zu verlieren. Das Original hat übrigens 2001 für 2,43 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt. Spätestens damals war das Manifest der Gegenkultur im Establishment angekommen.

Als Papierbahn wirkt Kerouacs Werk selbst wie eine jener Straßen, auf denen der Autor Ende der Vierzigerjahre durch die USA und bis nach Mexiko fuhr. Per Anhalter, in geliehenen oder gestohlenen Karren, in Bussen, Eisenbahnwaggons oder zu Fuß war er wieder und wieder unterwegs. Davon erzählt er. „Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind Verrückte, die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen“, notierte Kerouac. Menschen, die sich befeuern mit den Rhythmen des Jazz, mit Alkohol, Sex, Drogen. So pumpte er die Adjektive „euphorisch“ und „seligmachend“ in die Definition der Beat-Generation.

In einer Melange aus Suchen und Sehnsucht, Bewegung und Stagnation, Frust und Feigheit siedelt Marton seine Inszenierung an, die nur an wenigen Stellen straffer sein müsste. Der Regisseur und seine Darsteller begegnen dabei dem Text mit der notwendigen Respektlosigkeit. Zum Glück, denn Kerouac war auch Poser, der etwa die Urfassung von „On the Road“ nicht veröffentlicht sehen wollte. Sie ist oft direkter, roher, expliziter als das, was Autor und Verlag später daraus gemacht haben.

In den Kammerspielen ist der amerikanische Traum ebenfalls ziemlich heruntergekommen. Marton und Amber Vandenhoeck haben ein Hinterhofloch auf die Bühne gebaut. Zwischen Brandmauern, an denen mannshoch Unkraut wächst, steht eine Wellblechbude, die niemals bessere Zeiten gesehen hat. Baseball wird mit Steinen oder gleich mit einer Babypuppe gespielt, derweil Thomas Schmauser immer wieder Kippen aus dem Staub klaubt, um sie aufzurauchen.

Es ist Schmausers letzte Premiere am Haus, er wechselt ins Ensemble des Residenztheaters. Ihm und seinen Kollegen Hassan Akkouch, Julia Riedler, Jelena Kuljić sowie den Musikern und Klangtüftlern Daniel Dorsch (Synthesizer, elektronisches Metallophone), Michael Wilhelmi (Klavier), Paul Brody (Trompete) gelingt es, Text und Klang zu verweben. Dabei arbeitet das virtuose Ensemble musikalische und szenische Motive heraus. Für Momente bauen sich auf der Bühne Menschen, Schicksale auf – etwa als Riedler und Schmauser gemeinsam einen „traurigen kleinen Seitenblick von Liebe“ riskieren. Oder als Kuljić zeternd den Vater ihres Kindes vom Egotrip abbringen will. Oder als die lange Manuskriptrolle zum Baumwollfeld wird, die Darsteller das Papier zerreißen und sich die Fetzen unter die Kleidung stopfen: Die Arbeit auf der Plantage macht Sal Paradise, Kerouacs Alter Ego, zwar fertig – aber dennoch nicht satt. Doch kaum entstehen solche Bilder, werden sie auch schon von der Musik fortgetragen. Und wieder sind wir unterwegs. Herzlicher Applaus.

Nächste Vorstellungen

am 1., 8., 15., 26. Oktober; Telefon 089/ 233 966 00.

Kommentare