DIE STÄDTISCHE GALERIE SETZT MIT „POP ART UND GEGENWARTSKUNST AUS LENBACHHAUS UND KICO STIFTUNG“ NEUE AKZENTE

Wirtschaftswunder-Wohlgefühl?

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Dauerausstellung . Von Simone Dattenberger.

Klassische Pop Art trifft auf Kunst, die sich bis heute mit Populärem beschäftigt; trifft auf Lust an Malerei; trifft auf Positionen, die testen, ob Kunst bestimmte Themen überhaupt darstellen kann. Mit „I’m a Believer – Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung“ hat die Städtische Galerie am Königsplatz ihre Abteilung „Kunst nach 1945“ wieder einmal umgestaltet. Einiges wird Dauergästen bekannt sein, anderes ist gerade erst erworben worden oder soll in die Sammlung kommen. Und es gibt allerhand Überraschungen.

Damit die Besucher sogleich darauf eingestimmt werden, dass diese Bilder, Fotos, Installationen und Filme öfters schlitzohrigen Humor haben, geht’s mit „fake“ los. Pietro Sanguineti lässt in einer Wandarbeit den heutzutage bis zum Erbrechen missbrauchten Begriff aufleuchten. Damit die Verunsicherung noch ein bissel anhält, scheuchen die Kuratoren, Direktor Matthias Mühling und Eva Huttenlauch, Sammlungsleiterin Kunst nach 1945, den Star Andy Warhol in den Hintergrund. Erst begegnen wir dem deutschen Star Sigmar Polke, der beispielsweise Hollywood-Typen der Vierziger auf Matratzenstoff malte – und gleich noch mit dessen Mustern herumspintisierte.

Danach die erste Verblüffung: Ulrike Ottinger, exzentrische Filmemacherin und Fotografin, begegnet uns knallbunt und flower-power-mäßig als Malerin. Hier bemerkt der Besucher dann, dass Pop Art nicht banaler Gegenstand, Werbung, Glamour oder Massenmedium bedeutet, sondern auch Politik. Der Vietnamkrieg rüttelte am Wirtschaftswunder-Wohlgefühl. So schwebt die „Believer“-Spruchblase über einem Bomber, der Vernichtung abwirft, und ist ein Teilgemälde der Kombi „Tag eines G.I.“. In dem Raum, der Ottingers Arbeiten gewidmet ist, bekommt der Betrachter ein Gespür für die damalige Zeit, die Erinnerung steigt kraftvoll auf. Heutiger ist die Pop Art von Thomas Bayrle (80!). Sie ist kühler, und er rückt sie gerade in seinem Lenbachhausraum an den Minimalismus und die Konzeptkunst heran. Die Wände sind tapeziert mit immer wieder abgebrochenen Noten-Bahnen des „Agnus Dei“, und am Boden wirft sich eine stilisierte Autobahn zur Schleife in die Luft. Seit den Siebzigerjahren hat er dieses Massenphänomen im Sinn.

Genauso heutig ist eine andere populäre Kunstrichtung, die wir normalerweise im Außenraum finden. Daniel Man hat dieses Mal sein Graffito ins Museum gesprayt. „Eis, Eisbaby“ zieht knallfarbige Street-Art zusammen mit dem Spruch „Künstler sind gemein und grausam...“ und hält so Altmeister Warhol und seinem Lenin stand. Auch die Fotos von Stephen Shore, die eher triste, reklamegepflasterte Orte der USA wiedergeben, korrespondieren gut mit Warhols Suppendosen und kontrastieren heftig mit seinem Neuschwanstein. Dieser Dialog funktioniert ebenfalls bei Isa Genzkens Installation aus Deko-Ramsch und Helga Paris’ Fotografien aus der DDR. Öde Buntheit und ödes Schwarz-Weiß – kein Unterschied. Gleich ist die Lebenskraft einer ungenierten Ästhetik. Und da ist man schon bei Peter Feldmanns hinreißendem Nippes-Laden.

Im zweiten Teil der Dauerausstellung wird die Malerei intensiver gefeiert: von hyperrealistisch-surreal-sexuell bei Hannsjörg Voth über fantasiesprühend, farbjubelnd und handwerklich virtuos bei Maria Lassnig bis grüblerisch zwischen Pinsel und Computer pendelnd bei Amy Sillman, die mit einem Gemälde-Fries, der fast am Boden steht, den Museumsraum klug aufmischt.

Am bewegendsten denkt Gerhard Richter über Malerei nach. Im KZ Auschwitz-Birkenau gelang es Häftlingen, Aufnahmen vom Massenmord an Juden zu machen und aus dem Vernichtungslager zu schmuggeln. Auf deren Basis malte Richter großformatige Werke, konnte sie jedoch nicht akzeptieren – die Schoah als Kunst? Mit dem Rakel und vielen Farbaufträgen überstrich er die Szenen des Grauens. Aber auch diese ungegenständlichen Arbeiten gab er nicht aus der Hand – keine Schoah als Millionen-Objekt auf der Auktion. Diese vier Gemälde wurden achtmal fotografiert und unterteilt. Vier dieser Aufnahmen hängen im Berliner Reichstag, vier im Lenbachhaus. Hoffentlich bleiben sie – als Bekenntnis, dass Kunst bisweilen versagt, ja versagen muss.

Lenbachhaus

Mi.-So. 10-18, Di. 10-20 Uhr;

Luisenstraße 33;

Telefon: 089/ 233 320 00.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare