SEINE AURA DES UNFERTIGEN MACHTE VIVA IN DEN NEUNZIGERN ZUM KULTSENDER DER JUNGEN GENERATION – AM JAHRESENDE IST NUN SCHLUSS

„Wir sind euer Freund“

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Gesicht der ersten Stunde: Mola Adebisi war von 1993 bis 2004 einer der Moderatoren des Musiksenders Viva. dpa

Von Jonas-ERik Schmidt. Es begann mit einem Versprechen.

Am 1. Dezember 1993 flackt ein gewisser Mola Adebisi betont lässig auf einem Kissen in einer Dachbodenkulisse. Dass er für lange Zeit zu einer der wenigen Konstanten des neu gegründeten Senders werden wird, weiß er da noch nicht. Vielleicht auch deshalb überlässt Adebisi die Verkündung des Viva-Manifests seiner Kollegin – einer gewissen Heike Makatsch, damals 22 Jahre jung. Makatsch sagt: „Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr und euer Freund.“ Und sie verspricht: „Und ab heute bleiben wir für immer zusammen, okay?“ Gewiss ist nun, dass dieses Versprechen gebrochen wurde. Der Musiksender Viva, so verkündet es der Konzern Viacom, wird wie berichtet zum Jahresende eingestellt.

Schon seit Längerem teilte sich Viva einen Programmplatz mit dem Sender Comedy Central. Dessen Sendezeit soll ab dem nächsten Jahr auf 24 Stunden ausgeweitet werden. Viva fällt dann hinten runter. Es ist das Ende einer Ära deutscher Fernsehgeschichte. Nebenbei zieht die Nachricht auch einen Schlussstrich unter ein Kapitel Jugendkultur samt wechselnder Moden und Frisuren.

Der Sender war vor einem Vierteljahrhundert angetreten, um MTV aus USA Paroli zu bieten – und damit lange Zeit auch sehr erfolgreich. Große Karrieren begannen dort, etwa die von Stefan Raab, Charlotte Roche, Sarah Kuttner, Oliver Pocher, Matthias Opdenhövel oder eben Heike Makatsch. Viva wirkte in seinen ersten Jahren noch unfertig, das war das Geheimnis. Man habe schlicht machen können, was man wollte, berichten Zeitzeugen. „Viva war ein wunderbarer medialer Kindergarten, in dem wir alle das Laufen gelernt haben“, fasste es Matthias Opdenhövel zusammen.

„Viva hat am Anfang extrem gut funktioniert, weil man gesagt hat: Wir rocken die Welt jetzt mal von Deutschland aus“, sagt Marcus S. Kleiner, Professor an der Hochschule der populären Künste in Berlin. „Man sagte sich, dass man nicht perfekt sein müsse, weil auch kein Jugendlicher perfekt sei. Man hat einfach mal gemacht.“ Ergebnis war, dass sich Viva anfühlte, als rede man mit Freunden über Musik – auch dank des guten Händchen beim Casting. „Viva fand Moderatoren, die alle keine Supermodels waren, denen man in der Stadt nicht hinterhergeschaut hätte“, sagt Professor Kleiner.

Der erste Videoclip war „Zu geil für diese Welt“ der Fantastischen Vie. Das konnte man als Statement verstehen. Im Jahr 1995 wurde sogar der Ableger Viva Zwei gestartet. Mit MTV lieferte man sich einen erbitterten Kampf um Quoten. Irgendwann allerdings setzte die Götterdämmerung ein, auch weil Musik anders konsumiert werden konnte – im Netz. Einen Sender brauchte man dafür nicht mehr zwangsläufig. Im Jahr 2004 übernahm der amerikanische Medienriese Viacom, Eigner von MTV, Viva. Aus Konkurrenten wurden plötzlich Schwestern. „Viva ist schon seit 2006/2007 tot“, sagt Experte Kleiner. Man habe es an immer mehr Klingeltonwerbung und Shows ohne Musik sehen können: „Viva hat nicht mehr das gemacht, wofür Viva da war, nämlich primär Musikfernsehen.“

Nun ist es vorbei. Das vorherrschende Gefühl vieler alter Viva-Fans fasst Sarah Kuttner auf Twitter zusammen: „Ich hab für vieles zu danken und schüttle über einiges den inzwischen gräulichen Kopf.“ Und Rapper Smudo von den Fantastischen Vier beschreibt, was zuletzt das eigentliche Problem von Viva war: „Ich wusste gar nicht, dass es Viva noch gibt.“

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