MUSIKERIN SOPHIE HUNGER ÜBER DAS NEUE ALBUM „MOLECULES“, FÜR DAS SIE SICH STRENGE REGELN AUFERLEGTE, UND TRUMP

„Wie im Gefängnis“

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Sophie Hunger hat sich für ihre neuen Songs ganz dem Computer verschrieben. Foto: Marikel Lahana

Interview zur CD und zu den München-Konzerten 

Ihre ersten großen Erfolge feierte sie mit Jazz, Folk und Artverwandtem. Schon damals bewies Sophie Hunger große Bereitschaft zum künstlerischen Experiment und zur Veränderung. Mittlerweile ist die Schweizer Singer-Songwriterin bei der digitalen Technik gelandet. Auf ihrem aktuellen Album „Molecules“, das am 31. August erscheint, liefert sie minimalistischen elektronischen Folk. Gleichzeitig ist es ihr erstes ausschließlich englischsprachiges Werk. In München tritt Hunger, die in Berlin, Paris und der Schweiz lebt, am 6. September im Freiheiz, am 7.9. im Technikum und am 8.9. im Strom auf.

-Was bedeutet der Albumtitel „Molecules“?

Ich habe mich viel mit physikalischen Gesetzen beschäftigt. In der Schweiz gibt es ja auch das Cern mit den Teilchenbeschleunigern. Es hat mich plötzlich sehr fasziniert, das Leben auf seiner materiellen und physikalischen Ebene zu betrachten und nicht zunächst auf einer emotionalen oder ideengeprägten Ebene, wie man es sonst so macht. Es war mir wichtig, dass diese Materialien in den Songtexten vorkommen, dass sie sicht- und hörbar werden, weil unser Leben ja immer mehr aus Materialien besteht.

-Inwiefern ist das so?

All die Gegenstände, die wir anfassen. Vieles ist aus synthetischen Stoffen, Plastik. Außerdem finden große Teile unseres Lebens digital statt, in einer numerischen Abstraktion. Vieles wird mit Strom betrieben. Wir kommen weg von Blut, Schweiß, Stein, Holz.

-Ist das Album auch aus diesem Grund bewusst so elektronisch geworden?

Ja, das ist alles eine Bewegung. Alles hat mit allem zu tun. Nach meinem vorherigen Album habe ich in Los Angeles eine Fortbildung gemacht, bei der ich digitale Aufnahmetechnik lernte. Ich hatte zuvor noch nie auf diese Weise über Musik nachgedacht. Dann fand ich es toll, das Ganze von dieser Seite zu sehen. Frequenzen sind Luftdruck. Was macht der Computer? Er versucht, den Strom in binäre Codes umzudeuten. Ich lernte, Synthesizer zu benutzen, die ja alle elektrisch betrieben sind. Nur noch am Computer zu arbeiten, alles im Computer entstehen zu lassen, das war auch etwas Neues für mich. Es hat mir eine neue Energie gegeben.

-Sind wirklich alle neuen Songs am Computer entstanden?

Ich hatte ein paar einzelne Lieder schon zuvor. Später entwickelte ich ein Konzept und erlegte mir Regeln auf: Ich durfte nur vier Elemente benutzen – Synthesizer, Drumcomputer, Stimme und Gitarre. Ich musste mich für eine  Sprache  entscheiden. Es durfte keine Gruppe geben, keine Dynamik, keine Antworten  von anderen. Also eigentlich wie ein Gefängnis.

-Trotz all der Abstraktion haben Sie auf der ersten Single „She makes President“ ein gesellschaftliches Thema verarbeitet. Stichwort: Donald Trump und die Frauen.

Das war eines der ersten Stücke. Das gab es in einer Folk-Version. Ich wollte nicht über Trump schreiben. Vielmehr hatte ich ein Bob-Dylan-Stück im Kopf. „She belongs to me“. Da beschreibt er die Vision einer Frau. Ich wollte diese Vision von einer heutigen Frau beschreiben. Dass sie großartig ist, dass nun auch die Macht bei ihr liegt. Der Refrain sollte lauten: „She makes the President“. Sie entscheidet also auch darüber, wer Präsident ist. Und dann kam es zu dieser blöden Wahl. Es war wie eine Kränkung für mich, ein Eigentor. Daraufhin wurde mein Song ganz düster und bedrohlich. Ich habe den Text aber nicht umgeschrieben. Vor der US-Wahl dachte ich, dass meine Vision der starken Frau eine Gegenwart besitzt. Nach der Wahl dachte ich: Meine Vision liegt wohl eher in der Zukunft.

-Haben Sie sich sehr geärgert, dass so viele Frauen Trump gewählt haben?

Ja, es ist schon eigenartig nach allem, was er gesagt hat. Ich kann es mir nur erklären mit einem Grundprinzip, das alle Menschen betrifft: Schutz gegen Gehorsam oder Unterwerfung. Der Gedanke, ich nehme den, denn er beschützt mich. Was auch immer er tut, ist mir egal, Hauptsache, er beschützt mich. Ich glaube, dieses Prinzip funktioniert einfach immer. Es ist nicht frauenspezifisch, sondern taucht in unsicheren Momenten auf.

-Auf der aktuellen Tour geben Sie in den meisten Städten drei Konzerte an drei aufeinander folgenden Tagen, in Berlin sogar fünf. Welches Konzept steckt dahinter?

Es war zuerst ein bisschen eine Schnapsidee. Aber es gibt einen sachlichen Grund. Ich habe eine neue Band und eine neue Art von Musik. Also dachte ich, dass es gut sei, wenn wir wie eine Fußballmannschaft Spielpraxis sammelten. Das andere ist etwas Philosophisches. Normalerweise macht man alles ganz effizient. Ich fand es dagegen lustig, alles in die Länge zu ziehen, möglichst kompliziert zu gestalten und möglichst großen Aufwand zu betreiben. Dazu gehört auch, in jeder Stadt in drei unterschiedlichen Clubs zu spielen. Wir haben versucht, alles maximal unterschiedlich zu machen. Wenn es ging, sogar in verschiedenen Stadtteilen.

-Das klingt fast gemütlich. Man muss nicht von Stadt zu Stadt hetzen. Wobei der Umzug von einem Club in den anderen anstrengend sein kann...

Nein, das ist voll gemütlich. Eigentlich macht man das ja nie, weil es keinen Sinn ergibt. Und deshalb ist es so lustig, dass ich es geschafft habe, sie alle zu überzeugen. Es ist eine kleine Utopie. Ich finde es großartig.

-Ich bin gespannt, was ihr im Nachhinein sagt.

(Lacht.) Ja, dann wahrscheinlich komplett abgekämpft!

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

Informationen:

CD: „Molecules“ ab 31.8. (Universal; Caroline). Konzerte: in München 6.9. im Freiheiz, am 7.9. im Technikum, am 8.9. im Strom; Karten 089/ 54 81 81 81.

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