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KABARETTIST DIETER NUHR ÜBER HANNS DIETER HÜSCH, DIE NIEDERRHEINISCHE LEBENSART UND DIE GRENZEN DER TOLERANZ

„Wie eine Audienz beim Papst“

Er ist einer der besten Kabarettisten des Landes – und einer der Wenigen, die sich nicht (gern) einordnen lassen.

Nicht nur das verbindet Dieter Nuhr (57) mit Hanns Dieter Hüsch (1925–2005), dem „Poeten vom Niederrhein“, der sein Publikum nicht mit Politik- und Politikerkritik fing, sondern mit Alltagsbeobachtungen und viel Sinn für Sprache. In der Reihe „Feiert“ zeigt das Erste heute um 23.40 Uhr eine Hommage Nuhrs an „HDH“.

-Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Hanns Dieter Hüsch?

Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn auf der Kom(m)ödchen-Bühne in Düsseldorf. Unser Lateinlehrer war ehemaliges Ensemblemitglied, der hat uns da Eintritt verschafft. Die erste Begegnung war dann, wenn ich mich recht erinnere, als ich in seiner Sendung beim Saarländischen Rundfunk zu Gast war. Das war wie eine Audienz beim Papst.

-Hüschs Kunst war der entscheidende Impuls für Sie, auch Kabarettist zu werden. Was hat Sie besonders inspiriert?

Hüsch machte das Private politisch und war wenig ideologisch, er hatte einen sehr liberalen Zugang zu den Dingen. Jeder sollte toleriert werden. Das galt damals noch als links. Heute gilt Toleranz unter Linken ja eher als Schwäche dem politischen Feind gegenüber, also dem Andersdenkenden. Das hat mich als links Sozialisierten inspiriert, auch die Linke kritisch zu hinterfragen. Wie Hüsch.

-Hüsch galt stets als Ausnahmeerscheinung – kein klassischer politischer Kabarettist, sondern eher ein Geschichtenerzähler, sehr regional verortet am Niederrhein. Wie würden Sie ihn einordnen?

Hüsch fragte „Was ist?“ und vielleicht noch „Was sollte sein?“ Und seine Form war minimal. So arbeite ich auch. Vielleicht hat dieses pragmatische Herangehen an die Welt wirklich etwas mit dieser rheinischen Toleranz zu tun. Hier sagt man „Jeder Jeck ist anders“ und lebt auch so. Der klassische Kabarettist grenzt gerne mal aus. Hüsch holte die Jecken mit ins Boot. Das will ich auch.

-„HDH“ ist eine Zeitlang angefeindet worden als spießig und „nicht links genug“. Das ist ja ein Vorwurf, den man Ihnen auch schon gemacht hat…

Ich sehe da in der Tat eine Verwandtschaft. Und das, was Hüsch erlebt hat, hat mich in der Tat ebenfalls ermutigt, dagegenzuhalten. Es war völlig bekloppt, Hüsch vorzuwerfen, er sei rechts gewesen. Genauso bekloppt wie bei mir. Hüsch hat ebenso wie ich auf Gedankenfreiheit gepocht. Aber die DDR war kein Unfall der Linken. Die Bestrafung mangelnder Linientreue ist dort auch heute noch an der Tagesordnung.

-Sie haben mit „HDH“ auch schon auf der Bühne gestanden – wann und wie war das? Sie beide sind beziehungsweise waren doch eigentlich leidenschaftliche Solisten…

Wir sind auch nicht gemeinsam sondern nacheinander aufgetreten. Am Niederrhein, Open Air, in den Neunzigern. Danach hatte ich dort mein Publikum. Hüsch hat mir sehr geholfen, indem er mich seinem Publikum vorgestellt hat.

-Sehr prägend für den späten Hüsch war seine Religiosität, seine Schnurren über den lieben Gott, der „noch eine Schwester in Dinslaken“ hat. Sie sind von Haus aus katholisch – wie stehen Sie zur Religion?

Ich bin Agnostiker. Das heißt, ich behaupte nicht, Gott zu kennen, denke aber auch sehr niederrheinisch: Von nix kütt nix! Dieser Satz gilt hier als Gottesbeweis. Hüsch war ja auch kein Gläubiger im Sinne der Dogmatik. Er liebte diesen Dreiklang aus Glaube, Liebe und Hoffnung. Das war für ihn eine Utopie, von der er glaubte, dass sie den Menschen beim Zusammenleben helfen könnte. Glaube ich auch.

-Hüsch sprach in seinem Text „Das Phänomen“ sehr eindrücklich über den „Keim des Faschismus“ in uns allen. Wie würde er sich Ihrer Meinung nach heute zum erstarkten Rechtsradikalismus positionieren?

Exakt so. Toleranz heißt ja nicht, wehrlos zu sein gegenüber den Intoleranten. Faschismus ist keine Meinung, die es zu tolerieren gilt, sondern ein Verbrechen, das Millionen Tote auf dem Kerbholz hat. Das Gleiche gilt übrigens für den radikalen Islamismus, der dem Faschismus erstaunlich ähnlich ist.

-Haben Sie eine Lieblingsnummer?

„Das Phänomen“ ist auf der Liste sicher dabei. Macht mir heute noch eine Gänsehaut. Aber ich mag auch die eher albernen Nummern, in denen er den niederrheinischen Kleinbürger mit den Worten kämpfen lässt. Was ist nochmal eine Etagère...

Das Gespräch führte

Rudolf Ogiermann.

Dieter Nuhr

gibt es heute im Doppelpack. Zunächst begrüßt der Kabarettist in „Nuhr im Ersten“ um 22.55 Uhr seine Kollegen Monika Gruber, Ingo Appelt, Andreas Rebers und Torsten Sträter.

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