Wenn die Zeitungsreporter mit den Fernsehjournalisten

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Der Rechercheverbund von NDR, WDR und „SZ“ und der Vorwurf der Wettbewerbsverzerung – Subventioniert hier der Rundfunk eine Zeitung? Von Tatjana Kerschbaumer.

„VW muss nach dem Abgasskandal Millionen Motoren umrüsten. Am Montag will der Konzern laut Informationen von NDR, WDR und ,Süddeutscher Zeitung“ eine Lösung für die 1,6-Liter-Dieselmotoren vorführen“. Das investigative Trio – wer jüngst den VW-Skandal in der Zeitung, im Fernsehen oder dem Netz verfolgte, traf auf den Norddeutschen und den Westdeutschen Rundfunk. Und auf die „SZ“. In Kombination. Das kam auch schon früher vor, genau genommen seit dem Jahr 2011. Damals trafen NDR und „SZ“ eine Vereinbarung, bei investigativen Recherchen „gemeinsam zu ermitteln“. Im vergangenen Jahr wurde der WDR aufgenommen – und der Rechercheverbund NDR, WDR und „SZ“ gegründet.

Journalisten aller drei Häuser, manchmal auch externe Partner, berichten seitdem unter anderem über Whistleblower Edward Snowden, Salafisten in Deutschland – und den VW-Skandal. Die Beteiligten machen unter Regie von Ex-„Spiegel“-Chef Georg Mascolo einen guten Job. Doch in der Medienbranche kommt der Verbund nicht gut weg – obwohl es an der eigentlichen Arbeit nicht viel auszusetzen gibt. Die „Süddeutsche Zeitung“ und die Sender hatten sich zusammengeschlossen, um Recherchen günstiger und schneller zu machen und die Ergebnisse sie multimedial zu präsentieren. Ein kluger Schritt in einer Zeit, in der die Zeitungen schwächeln und auch das Fernsehen an Einfluss verliert. Klar ist auch, dass ein Zeitungsreporter nicht zwingend der beste Fernsehjournalist ist. Und umgekehrt. Warum sich also nicht zusammentun?

Eines der Hauptprobleme lautet „Quersubventionierung“. Es ist unklar, ob durch den Verbund Gebührengelder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch der „SZ“ zugute kommen. Sie ist ein privates Unternehmen. Mit dem Rundfunkbeitrag Recherchen einer Zeitung zu finanzieren, wäre nicht Sinn der Sache. Der Verbund dementiert diesen Vorwurf. Von dort heißt es: „Der ,Süddeutschen Zeitung‘ fließen keine Gelder von NDR und/oder WDR zu.“ Jeder Partner trage seine Kosten selbst.

Im März dieses Jahres hat der VPRT, der Verband der deutschen Privatsender, trotzdem die Nase voll, dem Trio ständig hinterherzulaufen. Er legt bei der Landesregierung Nordrhein-Westfalen Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen den Rechercheverbund ein. Grund ist einerseits die vermutete Quersubventionierung. Aber auch Wettbewerbsverzerrung spielt eine Rolle. Besonders brisant wirkt diese auf dem hart umkämpften Printmarkt: Die „Süddeutsche Zeitung“, heißt es, gewinne durch die Mitgliedschaft im Rechercheverbund „unbezahlbare crossmediale Vorteile“. Zum Beispiel den Vorteil, auf das ARD- Korrespondentennetz zugreifen zu können. Vorteile, die andere Tageszeitungen und Magazine nicht haben. Und die irgendwann das Rennen um die Lesergunst entscheiden könnten. Wenn sie es nicht schon tun.

Das Resümee des VPRT lautet daher: NDR, WDR und SZ würden mit ihrem Verbund gegen das Rundfunk-, das Vergabe- und das EU-Beihilferecht verstoßen. Die Aktivitäten der ARD-Anstalten seien vom öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht gedeckt. Mancher „Tagesschau“-Zuschauer vermutet mittlerweile übrigens, dass auch Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung Mitglied des Rechercheverbunds sei. Grund: Ob Angriffe auf Asylbewerberheime oder NSA-Enthüllungen, fast immer stammen die Informationen laut „Tagesschau“ von „NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung“.

Möglicherweise gäbe es auch weitere Quellen, doch das scheint unwichtig, denn die „Tagesschau“ ist zwar als einzelne Sendung nicht Mitglied im Verbund, wird aber vom NDR produziert. Und natürlich möchte man dort die Kollegen – unter anderem aus dem eigenen Haus – optimal präsentieren.

Da aber gleichzeitig immer die „SZ“ genannt wird, vermutet der Verband der Privatsender, die Zeitung erhalte dadurch einen „geldwerten Werbeeffekt“. Denn branchenintern ist es überaus wichtig, wie oft ein Medium von anderen Medien zitiert wird – zum Beispiel aufgrund einer Exklusivmeldung. Oft zitiert zu werden, macht sexy für Anzeigenkunden. Durch die Mitgliedschaft im Rechercheverbund dürfte die „SZ“ automatisch im Ranking der zitierten Medien nach oben geklettert sein.

Aus Nordrhein-Westfalen ist zu hören, dass Paragraph 7 des WDR-Gesetzes nun deutlich erweitert werden soll. Darin ist die „Zusammenarbeit mit anderen Rundfunkanstalten“ geregelt. Ergänzt soll werden, dass eine „institutionalisierte Zusammenarbeit sich potentiell vielfaltsverengend auswirken kann“. Eine „Verfälschung des Wettbewerbs“ sei „zu verhindern.“

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