EINE „37 GRAD“-DOKU ÜBER MENSCHEN, DIE TROTZ VOLLZEITSTELLE NICHT GENUG VERDIENEN, UM EINE FAMILIE ZU ERNÄHREN

Wenn ein Job nicht reicht

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Von Astrid Kistner. Morgens um 5.30 Uhr trinkt Tahsin seinen ersten Kaffee.

Dann muss er los – Staplerfahren. Einen richtigen Feierabend gibt es für den Familienvater nicht. Denn nach der Arbeit fährt der 42-Jährige noch an sechs Tagen Pizza aus. Vierhundert Euro extra spült der Zweitjob in die Haushaltskasse, die Lebensgefährtin Manuela sorgfältig verwaltet. „Ich spare wo ich kann“, sagt die Mutter zweier kleiner Buben, die nebenher noch zwei Putzstellen hat. Trotzdem kommt die Familie aus der Nähe von Nürnberg kaum über die Runden. Sie sind nicht die Einzigen, wie die „37 Grad“-Reportage „Arm trotz Arbeit“ heute um 22.15 Uhr im ZDF zeigt. Filmemacherin Nathalie Suther hat für ihre berührende Dokumentation sogenannte Multijobber im Alltag begleitet.

Die Zahlen sind ernüchternd. Im vergangenen Jahr registrierte die Bundesagentur für Arbeit 3,26 Millionen Mehrfachbeschäftigte in Deutschland. Allein in Bayern können sich rund 675 000 Menschen nur mit mehreren Jobs über Wasser halten – besonders in den Städten, wo Wohnraum teuer ist. Jeder zehnte Arbeitnehmer ist laut Statistik armutsgefährdet. Und die Situation spitzt sich im Hinblick auf die Rente zu.

„Wir können fürs Alter gar nichts sparen“, sagt Manuela: „Wir sind froh, wenn wir es jetzt schaffen.“ Dabei achtet sie auf Sonderangebote und stattet die Familie in der Kleiderkammer aus. Während der Pragmatismus Manuela vorantreibt, ist Tahsin am Verzweifeln. Wenn er den täglichen Kampf schildert, schießen ihm die Tränen in die Augen: „Unsere Kinder hören von uns immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ Urlaube und gemeinsame Freizeit sind nicht drin.

Auch für die alleinerziehende Mutter Sabine aus Essen ist Familienzeit höchst kostbar. „Das sind wirklich nur Momente“, sagt sie in der ZDF-Reportage. Der Alltag sei durchgetaktet mit Schule, Arbeit, Einkaufen, Haushalt und wieder Arbeit. Die 41-Jährige hat zwar eine Vollzeitstelle bei der Stadt Essen, könnte sich aber bei ihrem Gehalt abzüglich aller Fixkosten keine Extras leisten. Also jobbt sie an den Wochenenden im Fußballstadion. „Mit dem Geld kann ich Sam und mir auch mal einen Kino- und Schwimmbadbesuch finanzieren“, sagt sie.

Doch was ist das für ein Gefühl, wenn die Arbeitskraft so wenig wert ist, dass eine Stelle nicht zum Leben reicht? Für Tahsin ist es furchtbar. Eine Umschulung oder Weiterbildung könnte ihn aus dem Niedriglohnsektor holen, aber dafür bräuchte er Zeit und Geld. „Und beides habe ich nicht.“

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