Wenn aus dem Klang Musik wird

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Bei ihm können Steine „Hänschen klein“: Klaus Fessmann. Popp

Der Musikprofessor Klaus Fessmann musiziert auf Steinen – jetzt wird er dafür ausgezeichnet. Das Wohnzimmer von Klaus Fessmann sieht eigentlich genau so aus, wie man sich das Zuhause eines Künstlers und Musikprofessors vorstellt: In der Mitte steht ein Flügel, an den Wänden lehnen großformatige Bilder.

Und dann stehen da noch diese schwarzen, blankpolierten Steine herum: Ein mannshoher Quader, ein anderer mit wellenförmiger Oberfläche, einige sehen aus wie schwarze Eier. In jeden Stein sind tiefe Spalten hineingesägt worden. Kunst? Sicher. Die Objekte sehen aber nicht nur schön aus – sie hören sich auch gut an.

Fessmann zieht einen Hocker heran und setzt sich an einen kleineren Quader. Er taucht seine Hände in eine Schüssel mit Wasser und benetzt damit den Stein. Dann beginnt er, mit den Handflächen über die schräge Oberfläche zu streichen. Die eingeschnittenen Lamellen zittern, der ganze Stein vibriert – und beginnt zu klingen. Zunächst eher unscharf, vielstimmig, beinahe sphärisch. Dann ändert Fessmann die Position seiner Hände, streicht jetzt über die Seitenflächen des Steins, öffnet die Handflächen und erzeugt einen kristallklaren Ton

. Der Professor lebt im oberbayerischen Iffeldorf, den schwäbischen Dialekt hat er sich beibehalten. In Stuttgart studierte er Klavier, Komposition und Germanistik. „Mich fasziniert am Stein“, sagt Fessmann, „dass er kein Instrument ist, das Menschen gemacht haben. Er bleibt, was er ist – wir öffnen ihn nur, um den Klang freizusetzen.“ Zur Stein-Musik kam er aus Zufall: Ein Freund erzählte ihm von dem Bildhauer Elmar Daucher, der in den 70er-Jahren festgestellt hatte, dass er mit Steinen, die er mit Schnitten versehen hatte, Klänge erzeugen konnte. „Das wollte ich weiterentwickeln, sodass aus dem Klang schließlich Musik wird“, erzählt Fessmann. Das ist ihm gelungen: Er spielt in verschiedenen Ensembles, hat einige CDs herausgebracht und geht auf Tour – teilweise mit sechs Tonnen schwerem Stein-Gepäck. Seine Forschungen hat er in mehreren Büchern veröffentlicht.

„Viele Leute können ja gar nicht glauben, dass man mit Steinen Musik machen kann“, sagt Fessmann. „Dann komme ich immer mit meinen Kieseln an.“ Er legt einen kleinen, flachen Stein in seine offene Handfläche und schlägt mit einem zweiten sacht dagegen. Es klingt, wie es eben klingt, wenn Steine aufeinander schlagen. Dann aber ändert er den Rhythmus, gleichzeitig öffnet und schließt er seine Handfläche. Und plötzlich ist ein Kinderlied zu hören: „Hänschen klein“. Er lacht. „So überzeuge ich alle.“

Für die Erforschung der Klangsteine wurde Fessmann jetzt ausgezeichnet: Der Berufsverband deutscher Geowissenschaftler verlieh im gestern den „Stein im Brett“. Diese Ehrung ist Nicht-Geologen vorbehalten, die sich für die Geowissenschaften eingesetzt haben – zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderen der Autor Frank Schätzing und der Moderator Ranga Yogeshwar. „Das ist fantastisch für mich“, sagt Fessmann. „Die Geologen haben immer gesagt: Das kann doch überhaupt nicht sein, dass ein Stein klingt!“ Er lacht. „Die hielten das für eine Spinnerei. Dass ich jetzt so offiziell gewürdigt werde, ist natürlich eine tolle Anerkennung.“

Fessmann wäre aber wohl nicht Fessmann, wenn er sich nun zur Ruhe setzen würde. Sein nächstes Ziel: Ein Klangsteinorchester. „Ich will 99 Steine gleichzeitig musizieren lassen“, erzählt er. „Was meinen Sie, wie das klingt!“ Johanna Popp

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