Die Welt auf den Kopf stellen

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„Er ist eine Figur, die sich einen Egoismus erlaubt, den sich nicht jeder erlaubt“, sagt Valery Tscheplanowa über Goethes Torquato Tasso, den sie am Residenztheater spielt. Dashuber

Valery Tscheplanowa spielt die Titelrolle in Philipp Preuss’ Inszenierung von Goethes „Torquato Tasso“ – Heute ist Premiere am Münchner Residenztheater. von katrin hildebrand.

Der Dichter ist ein Mann. Nicht nur bei Goethe, sondern aus Tradition. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis sich die Frauenwelt herausnehmen durfte, endlich auch zu dichten. Das ist noch gar nicht lange her, daher bleibt der Dichter vorerst wohl männlich konnotiert. Das Münchner Residenztheater allerdings dreht die Welt heute ein bisschen auf den Kopf. Goethes „Torquato Tasso“ feiert Premiere – und in der Titelrolle sehen wir eine Frau.

Valery Tscheplanowa ist Tasso. Die 1980 in Russland geborene Darstellerin kam über Umwege zum Theater. Erst studierte sie in Dresden Tanz, dann an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin Puppenspiel, bevor sie zum Schauspiel wechselte. Gerade in der jüngeren Vergangenheit hat sie sich viel mit Goethe beschäftigt. Jahrelang stand sie am Schauspiel Frankfurt als „Stella“ auf der Bühne. Außerdem spielte sie in „Faust II“. „Goethes Sprache erwartet sehr viel“, sagt sie jetzt. „Höher geht’s ja fast gar nicht. Die Worte sind lauter Superlative. Mein Kollege Norman Hacker hat es neulich schön formuliert: ,Wir alle schwanken zwischen Goethe-Hass und Goethe-Bewunderung‘“. Hacker gibt in „Tasso“ den Antonio und damit, wenn man so will, Tscheplanowas Gegenspieler.

In dieser Konstellation begeben sich die beiden in einen Bereich, der zwar nicht komplett neu, aber doch ungewöhnlich ist. „Normalerweise geht man ja unter den Geschlechtern in Konkurrenz und nicht über die Geschlechter“, meint Tscheplanowa. „Mich einem anderen Mann gegenüberzustellen, um meinen Platz zu streiten, diese Erfahrung habe ich noch nie gemacht. Das fällt mir auch sehr schwer. Ebenso schwer, wie Frauen das Gefühl zu geben, von einer anderen Frau gestützt oder begehrt zu sein.“

Mit Regisseur Philipp Preuss arbeitet die Schauspielerin schon seit Jahren. Das erste Mal noch zu ihrer Zeit am Deutschen Theater Berlin. Als sie 2009 nach Frankfurt wechselte, blieb die Verbindung. Dort spielte sie für Preuss Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ als Solo und Kleists „Käthchen von Heilbronn“ zusammen mit Nico Holonics. „Damals haben wir viel mit dem Prinzip gearbeitet, sich nicht in klassischen Rollen zu bewegen, sondern ein ganzes Stück allein oder zu zweit zu erzählen.“

Das ist nun etwas anders. Bei „Torquato Tasso“ sind alle von Goethe angelegten Figuren auf der Bühne. Allerdings in ungewöhnlicher Konstellation. Der Herzog von Ferrara, Tassos Auftraggeber, verwandelt sich in einen Chor, der das poetische Werk des Dichters repräsentiert. Und Letzterer ist kein Tasso, sondern eine Tassa.

Die Tradition, Frauen in Männerrollen zu stecken, gibt es durchaus, etwa beim Mephisto in Goethes „Faust“. Auch den „Hamlet“ haben schon einige große Schauspielerinnen gegeben. Dass sie nun Tasso ist, begreift Valery Tscheplanowa auch als Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels. „Natürlich wechselt unser Bild von der Frau und doch spielen wir alte Stücke, in denen Frauen anders notiert sind“, räsoniert sie. „Ich frage mich, ob es eine Lösung ist, dann Frauen in Männerrollen zu besetzen. Ich verstehe, dass es dazu kommt, aber ich weiß nicht, wohin das führt. Vielleicht sollte man in beide Richtungen wechseln, also auch Männer als Frauen auftreten lassen.“

Die Erfahrung, die sie in Frauenrollen sammelte, nützte der 34-Jährigen wenig für den Tasso. Das Problem: sein Narzissmus, seine Anmaßung, nur über sich und seine Zweifel zu sprechen. „Er ist eine Figur, die sich einen Egoismus erlaubt, den sich nicht jeder erlaubt, und die auch Hass auf sich zieht.“ Anders als Männer definieren sich Frauen im Drama – und auch in der Gesellschaft –, oft nicht über sich selbst, sondern über andere. Mutter John aus Hauptmanns „Die Ratten“, die Tscheplanowa vor Kurzem noch am Residenztheater gab, kämpft für ihr Kind. Andere kämpfen für die Liebe, den Vater oder ums blanke Überleben. Allenfalls Schillers „Maria Stuart“, die sie in Frankfurt spielte, gab der Schauspielerin ein bisschen Inspiration. „Aber auch sie kämpft für eine Wahrnehmung ihrer Person. Nicht einfach für sich.“

Kein Wunder, dass Tscheplanowa die Proben nun teilweise als „unendlich schwer“ empfand, sogar einmal abbrechen musste und weinte. Das ist sehr menschlich. Vor allem bei einer Frau, die in jüngster Zeit viel Bewunderung auf sich zog, ja als eine der besten Theaterschauspielerinnen unserer Zeit bezeichnet und 2014 in Berlin mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet wurde. Tscheplanowa aber wirkt nicht vom Ruhm geblendet. „Gott sei Dank ist es so“, erklärt sie, „dass meine Leistung dermaßen instabil ist. Ich habe kein System, mal finde ich den Zugang zu einem Stück. Mal komme ich nicht rein und plötzlich bin ich ein Dilettant und Anfänger und alles, was jemals gewesen ist, ist wie weggeblasen.“ Es mag komisch klingen, aber gerade hier hilft ihr „Tasso“. Das Drama endet mit den Worten „scheitern sollte“. „Ich finde das sehr klug und offen angelegt. Man greift zu den höchsten Sternen und erlaubt sich, indem man es begreift, daran zu scheitern.“

Premiere

ist heute, 19.30 Uhr, im Münchner Residenztheater; Restkarten mit etwas Glück an der Abendkasse.

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