„Was zählt, sind Fakten“

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Interview ARD-Wettermann Sven Plöger über sein neues Buch, in dem er sich dem Thema Klimawandel „ideologiefrei“ nähern will

Jörg Kachelmann brachte ihn einst ins Mediengeschäft, doch längst ist Sven Plöger selbst ein Star. Seit 1999 moderiert der 46-Jährige im Wechsel mit Claudia Kleinert, Karsten Schwanke und Donald Bäcker die Sendung „Das Wetter im Ersten“, die bei der Bavaria in München produziert wird. Schon lange beschäftigt sich der gebürtige Bonner nicht nur mit Hochs und Tiefs, sondern generell mit dem Klima und dem Klimawandel. Im Jahr 2009 erschien sein Buch „Gute Aussichten für morgen“, seit einigen Wochen ist sein zweites Werk auf dem Markt – „Klimafakten“ (Westend Verlag, 176 Seiten; 12,99 Euro), das Plöger gemeinsam mit Frank Böttcher, Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, schrieb.

-Lassen Sie uns über Ihr neues Buch sprechen. Noch ein Werk über den Klimawandel und was dagegen getan werden kann. Ein Buch für Experten?

Nein, mit unserem Buch möchten Frank Böttcher und ich gerade diejenigen informieren, die über dieses komplizierte Thema schon viel Oberflächliches gehört haben, aber eigentlich sehr wenig wissen. Es ist ein Buch für jedermann, geschrieben in kleinen abgeschlossenen Kapiteln, die man auch Stück für Stück lesen kann. Der Klimawandel ist ein Thema, das sehr emotional besetzt ist, von dem aber die wenigsten Menschen fundierte Kenntnisse haben. Unser Buch soll ideologische Voreingenommenheit durch Informationen ersetzen.

-Das Cover ist schlicht gehalten – der Titel, darunter Sie und Frank Böttcher, der einen Globus in der Hand hält. Erreichen Sie denn damit diejenigen, die sich vornehmlich durch Emotionen locken lassen?

Das hoffe ich. Zunächst einmal sind doch zwei gut aussehende Männer auf dem Cover – wenn das nicht lockt. (Lacht.) Wir haben das bewusst schlicht gehalten, weil wir weg wollen von reißerischen Titeln à la „Die Katastrophe naht“ oder – andere Denkrichtung – „Die CO2-Lüge“. Wir möchten uns dem Thema Klimawandel ideologiefrei nähern. Ohne erhobenen Zeigefinger. Was zählt, sind Fakten, keine umstrittenen Theorien.

-Sie schreiben, dass es an einer Ikone der Energiewende fehlt. An jemandem, der die Leute antreibt, ein Vorbild ist. Wollen Sie dieser Jemand sein?

Nein, ich kann eher fachlich helfen. Die Ikone muss jemand sein, die oder der politische Kraft ausstrahlt und eine moralische Instanz ist.

-Ein Helmut Schmidt der Klimafragen?

Ja, genau. Jemand, dem die Leute zuhören. Der Vertrauen weckt.

-Also doch wieder über die emotionale Schiene?

Klar, wir brauchen die Emotionen, um für das Thema sensibilisiert zu werden. Diese Person wird das Vertrauen der Menschen aber nur gewinnen, wenn sie nicht ideologisiert. Das Problem sehe ich etwa bei Al Gore, der unbestritten ein vorbildliches Ziel hat – die Umwelt zu schützen –, dabei aber so rigoros und plakativ vorgeht, dass er zwangsläufig Gegner auf den Plan ruft, die ihm vorwerfen, zu übertreiben. Schon eine Übertreibung in einem Argument kann aber dazu führen, dass man als unglaubwürdig dargestellt wird. Und dann wird gesagt: „Seht her, alles nur Übertreibungen, da will man uns doch bloß das Geld aus der Tasche ziehen.“

-Doch das ist falsch? Der Klimawandel ist von Menschen gemacht?

Nicht nur, aber auch. Es ist eine Kombination aus Natur und Mensch. In einem so komplexen System wie der Atmosphäre gibt es niemals nur einen einzigen Grund für ein Geschehen. Es ist ein verdammt kompliziertes Thema. Um es zu erklären, braucht es mehr als ein paar Sekunden. Doch das ist das Problem. Denken Sie an eine Talkshow im Fernsehen. Wenn da etwa einer sitzt, der den Klimawandel bestreitet, so wird der sagen: „Wie soll Kohlendioxid denn zu einer solchen Klimaerwärmung führen – schließlich liegt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre bei nur 0,04 Prozent, und selbst davon sind 95 Prozent natürlichen Ursprungs“. Das ist kurz und bündig und wird viele Menschen überzeugen. Man kann erklären, wo da der Denkfehler liegt, das dauert aber rund fünf Minuten – diese Zeit bekommt niemand in einer Talkshow.

-Was würden Sie denn gern auf diesen Satz entgegnen?

Schauen Sie mal auf das Ozonloch. Der FCKW-Gehalt, der dafür zuständig ist, ist eine Million mal geringer als der des CO2. Wenig kann also sehr wohl viel ausmachen. Man muss aber auch immer dazu sagen, dass Kohlendioxid kein Klimakiller ist. Es ist ein absolut wichtiges Gas, ohne CO2 würden unsere Pflanzen keine Photosynthese betreiben und wir hätten keinen Sauerstoff. Also nicht das Gas ist das Problem, sondern unser Umgang damit.

-Die Menschen über die Zusammenhänge zu unterrichten, ist das eine. Doch wie gelingt es, jemanden dazu zu bringen, seinen Lebensstil zu ändern?

Einige Menschen kann man tatsächlich mit einer anschaulichen Erklärung der Zusammenhänge gewinnen. Doch eine Vielzahl reagiert erst, wenn sie es vor der eigenen Haustür spürt. In Peking etwa ist die Umweltverschmutzung so stark, dass China die Ausgaben für Umweltschutz verfünffacht hat. Die Chinesen fangen erkennbar an, etwas zu verändern. Und dann kann es überraschend schnell gehen mit der Entwicklung hin zur Energiewende. Ein großer Fehler wäre es, nach unserem Entschluss, Vorreiter in Sachen Energiewende sein zu wollen, nun auf die Bremse zu treten und anderen den Vortritt zu lassen. Dann haben die den Technologievorsprung und am Ende den Gewinn.

-Das läuft auf politischer Ebene. Doch wie überzeuge ich den einzelnen Bürger? Sie sagten, auch bei ihm laufe alles über die persönliche Erfahrung?

Genau. Thema Windräder – viele stören sich daran, dass sie überall in der Landschaft herumstehen. Da sage ich dann immer: Schaut euch die Strommasten an, an denen stört ihr euch nicht, aber doch nur, weil ihr sie seit eurer Kindheit kennt. Es muss geklärt werden, wie groß der Abstand zwischen Windrad und Ansiedlung sein darf, und das muss ein Kompromiss werden. Wir alle wollen zwar die alternative Energie haben, lehnen aber ebenso gerne alles ab, was diese Energie erzeugt.

-In Ihrem Buch betonen Sie auch den finanziellen Aspekt.

Ja, auch Geld spielt eine Rolle. Als Selbstversorger mit Photovoltaikanlage auf dem Dach oder wärmegedämmtem Haus hat man zwar zunächst ein paar Ausgaben, in der Folge aber erhebliche Einsparungen. Insbesondere weil die fossile Energie sicherlich auf lange Sicht nicht billiger wird. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und bequem. Ich auch. Doch wenn jeder von uns seinen kleinen Teil dazu beiträgt, wird nicht nur er persönlich einen Vorteil daraus ziehen, sondern auch unsere Erde.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare