JOACHIM KRÓL ÜBER „MACKIE MESSER“, SEIN LANGES WARTEN AUF EINEN BRECHT-KINOFILM UND DIE GROßE AKTUALITÄT DES DICHTERS

„Was für eine Figur!“

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Der Herrscher über Londons Straßen: Joachim Król als Bettlerkönig Peachum in „Mackie Messer“. Foto: Wildbunch/ Central

Vor 90 Jahren wurde „Die Dreigroschenoper“ uraufgeführt – jetzt kommt „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ in die Kinos.

Joachim A. Lang erzählt vom Versuch, das Stück von Bertolt Brecht und Kurt Weill für die Leinwand zu adaptieren. Doch es kommt zum Streit zwischen Autor und Produktionsfirma. Auf einer zweiten Handlungsebene sehen wir, wie der „Dreigroschenfilm“ nach Brechts Vorstellungen hätte aussehen können, wenn er je realisiert worden wäre. Joachim Król, 1957 im nordrhein-westfälischen Herne geboren, spielt den Bettlerkönig Peachum, der seine Tochter und seinen Einfluss auf der Straße an Macheath, den Tobias Moretti verkörpert, zu verlieren droht. Beim Filmfest in München, wo „Mackie Messer“ erstmals zu sehen war, trafen wir Król zum Gespräch.

-Ist Peachum im Vergleich zu Macheath die interessantere Rolle, weil er die intelligentere Figur ist?

Macheath macht zwar auch eine Entwicklung durch, aber eigentlich haben Sie Recht: Ich finde, die Besetzung unseres Films ist stimmig. (Lacht.)

-Ich kann mir gut vorstellen, dass Brecht Freude hatte, die Szenen mit Peachum zu schreiben, weil die Figur so viele Facetten hat.

Außerdem ist Peachum streckenweise sein Alter Ego, etwa wenn er sagt: Das Elend in Reinkultur ist abstoßend, das können wir nicht gebrauchen. Brecht war überzeugt, dass die Darstellung der Realität langweilig ist, dass sie überhöht werden muss. Peachum ist ein Casting-Genie, ein Ausstatter…

-Denn das eigene Elend glaubt einem niemand, wie Peachum erklärt.

Eben. Aber nicht nur das. Die Inszenierung der eigenen Person oder dessen, womit man sich umgibt, ist ja ein Moment unserer Zeit par excellence – denken Sie nur an Instagram und Youtube. Da ist Brecht sehr visionär gewesen.

-War diese Aktualität der Grund für Ihre Zusage für den Film?

Das war die Tatsache, dass endlich mal einer auf die Idee gekommen ist, einen großen Brecht-Film zu machen. Seit Ewigkeiten denke ich: Was ist hier los? Wir haben Stauffenberg, wir haben „Den Untergang“ – wir haben die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts abgedeckt mit unzähligen Film- und Fernsehprojekten. Es gab zwar einige kleinere Produktionen, die sich mit Brecht beschäftigt haben. Aber ich habe eigentlich spätestens 1990 auf den großen Brecht-Film gewartet, entweder als Biopic oder als Beschäftigung mit den Stücken.

-Warum?

Weil er eine der zentralen Figuren der Weltliteratur ist. Auf Filmfestivals trifft man ja Menschen von überall. Auf einem kleinen Festival in Verona habe ich einmal eine indische Schauspielerin kennengelernt, die mir erzählte, was sie auf der Schauspielschule einstudiert hat: Die spielen Brecht! In Los Angeles spielen junge Leute Brecht! Überall wird Brecht gespielt. Wir haben also diese Literatur- und Theaterikone, wir haben eine Ost-West-Biografie, einen Grenzgänger, wir haben einen boulevardesken Typen, der ein Herz für Frauen, für schnelle Autos und fürs Geldverdienen hatte. Einen Mann, der sich die Arbeiterjacke hat maßschneidern lassen! Hallo?! Was für eine Figur!

-Weshalb tut man sich in Deutschland dennoch schwer mit Brecht?

Der kommt ja von links. Ich glaube, das ist so simple as it is. Nach 1945 hat der Osten ihn vereinnahmt – dabei habe ich Archivaufnahmen gesehen: Der hatte nackte Angst im Gesicht, als er in Moskau beim Zentralkomitee saß, weil er da nichts zu suchen hatte. Sein Leben lang wollte er nach dem Krieg hierher nach München, an die Kammerspiele. (Die US-Amerikaner verhinderten damals Brechts Wechsel nach München; Anm. d. Red.)

-Wann war Ihre erste Begegnung mit Brechts Werk?

Ich habe 1976 den „Baal“ in der Stadtbücherei Herne ausgeliehen – und nie zurückgegeben. (Lacht.) Der liegt heute noch bei mir.

-Warum „Baal“?

Weil ich wohl irgendwo gelesen habe, dass das sein erstes Stück war. Ich habe mir gedacht: Da fängst du ganz vorne an, dann wirst du Brecht-Experte. Das gibt sich irgendwann. (Lacht.) Auf der Falckenberg-Schule (Król studierte von 1981 bis 1984 in München Schauspiel; Anm. d. Red.) hatte Brecht beim Rollenstudium nicht den ganz hohen Stellenwert, da hieß es schnell: „Ach, das Epische Theater… Der hat besondere Regeln… Komm, lass uns was anderes machen.“

-Er wirkte zu didaktisch?

Ja, genau, was aber ein Witz ist. Zur Vorbereitung unseres Films habe ich eine Dokumentation mit Brecht-Schauspielern gesehen, die von ihrer Zusammenarbeit mit ihm im Theater erzählt haben: Die sagten, die Proben seien auf die herrlichste Art und Weise konventionell. Es ging ihm nie ums Theoretisieren. No way! Das war ein Praktiker.

-Brecht war ja nicht nur glücklich über den Erfolg der „Dreigroschenoper“, weil er Sorge hatte, dass die Botschaft in der Begeisterung untergeht. Wie politisch ist das Stück heute noch?

Ich habe bei der Premiere hier in München häufiger gehört, wie Leute gesagt haben: „Das ist irre, die Sätze passen heute ja wie Arsch auf Eimer. Das ist topvisionär.“ Wie alle großen Autoren hat Brecht zunächst einmal Tagespolitik behandelt. Er hat über erstarkenden Rechtsradikalismus, über die aufgehende Schere zwischen Arm und Reich, über den Aufmarsch der Ärmsten der Armen, über Banken-Macht und Banken-Unwesen geschrieben. Das kann man alles auf 2018 übertragen – nur, dass wir obendrein die Digitalisierung haben. Sie lässt die, die es wollen, viel praktikabler, brutaler und schneller reagieren. (Seufzt.) Ich bin eher Kulturpessimist. Ich denke, wir ahnen noch nicht, welche Probleme auf uns zukommen…

-Sollten die Theater daher mehr Brecht spielen?

Ich glaube, dass es wieder an der Zeit ist.

-Wagen Sie einen Kanon? Welche Texte sollte man kennen?

(Überlegt.) Am besten fängt man chronologisch mit „Baal“ an. (Lacht.)

-Sie haben trotz Ihrer Erfolge im Kino und beim Fernsehen der Bühne stets die Treue gehalten. Was fasziniert Sie am Theater?

Es ist das, wofür die meisten von uns angetreten sind. Das ist schauspielerische Hygiene. Ich bedauere Leute, die nur die Kamera kennen. Mich fasziniert die unmittelbare Begegnung mit dem Publikum. Außerdem ist die Bühne für mich der Moment der Unausweichlichkeit. Da ich ein zögerlicher Mensch bin, ist das ein selbsttherapeutischer Ansatz: Jetzt gehe ich da raus, und es gibt kein Zurück. Das ist toll. Es gibt zwei Momente auf der Bühne, die sind unvergleichlich: Das ist die Stille vor dem ersten Wort – wenn der Regisseur sie zulässt. Und das ist der große Lacher.

-Hat das Theater eine Zukunft?

Das Theater ist trotz aller seiner Krisen der letzte utopische Raum der Gesellschaft. Zeigen Sie mir einen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem sich hunderte von Menschen versammeln, sogar Geld bezahlen – um anderen Menschen beim Erfolg zuzusehen. Als Zuschauer will ich doch immer, dass der Künstler auf der Bühne Erfolg hat. Und diese Energie ist spürbar.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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