MIT IHRER INSZENIERUNG VON HENRIK IBSENS „EIN VOLKSFEIND“ ÜBERTRIFFT SICH MATEJA KOLEŽNIK AM RESIDENZTHEATER SELBST

Vorsicht Hochspannung

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Im Treibhaus der Gefühle: Doktor Stockmann (Thomas Schmauser, kniend) nach seiner Abstimmungsniederlage. Foto: Matthias Horn

von alexander altmann. Eigentlich hätte man im Residenztheater diesmal Warnschilder aufstellen sollen, wie sie auch an Strommasten zu finden sind: „Vorsicht Hochspannung!“ müsste da stehen.

Denn tatsächlich meint man sie förmlich knistern zu hören, die elektrische Ladung, die eineinhalb Stunden lang über dem mucksmäuschenstillen Theatersaal liegt, verstärkt noch durch das leise, aber um so nervenaufreibendere Zirpen der Psychothriller-Klangkulisse von Michael Gumpinger. Ein Abend von fast schon unerträglicher Intensität ist Mateja Koležnik da gelungen, den selbst Jossi Wieler, der Großmeister bannender Bühnenkunst, nicht besser hingekriegt hätte. Nach mehreren bravourösen Arbeiten am Residenztheater übertrifft sich die slowenische Regisseurin jetzt selbst mit dieser hochpräzisen, ungeheuer konzentrierten Inszenierung von Henrik Ibsens vermeintlichem Öko-Drama „Ein Volksfeind“ (1882).

Tragischer Held des Geschehens ist der Badearzt Doktor Stockmann, und Doktor Stockmann ist im Recht. Aber wie sagt seine Gattin so treffend: „Was nützt dir das Recht, wenn du keine Macht hast!“ Wobei die Macht hier nicht Gewehre und Kanonen sind wie in irgend einer Bananenrepublik. Nein, im liberalen Norwegen, wo diese Geschichte spielt, funktioniert Macht viel subtiler, nämlich über ökonomische Abhängigkeit. Denn als die Bürger eines Kurortes merken, dass sie selbst statt der Aktionäre der Badegesellschaft die Maßnahmen zur Entgiftung ihres verseuchten Heilwassers bezahlen sollen, da wollen plötzlich alle außer Doktor Stockmann den Skandal vertuschen, obwohl dadurch Kurgäste zu Schaden kommen. Aber wer könnte für sich die Hand ins Feuer legen und sicher sein, dass er redlich bleibt, wenn alle anderen um einen herum kriminelle Wege beschreiten? Zumal, wenn der Preis für die Redlichkeit gar im eigenen Ruin besteht.

Um zu erkennen, wie aktuell und überzeitlich gültig dieser Konflikt zwischen Moral und materiellem Interesse ist, muss man gar nicht erst darauf hinweisen, dass es heute statt um verseuchtes Heilwasser eben um irgendwelche „Schummelsoftware“ in Dieselmotoren geht und morgen um wieder andere vergleichbare Fälle. Dementsprechend hat die Regisseurin nicht nur auf jegliche Aktualisierung verzichtet, sondern sie lässt die Aufführung auch äußerlich ganz traditionell daherkommen. Da sieht man realistische Schauspielerei wie im altmodischen Illusionstheater, ja, die Akteure tragen mit all den Gehröcken, Zylindern und Paletots sogar die genau passenden historischen Kostüme – allesamt in einem auffällig diskreten Mausgrau.

Aber diese herkömmliche Theaterästhetik wirkt wie ausgestellt, weil sie buchstäblich im Glaskasten, quasi in einer Museumsvitrine präsentiert wird: Das geniale Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt ist ein großer gläserner Quader, der sich, leicht erhöht angebracht, langsam, aber stetig um die eigene Achse dreht. In sich birgt er wiederum einen kleineren grauen Kasten, aus dem heraus die Figuren auftreten und in den sie wieder verschwinden.

Natürlich fungiert dieser hermetische Glascontainer als großartiges Verfremdungsinstrument, das uns das Geschehen paradoxerweise gerade dadurch auf den Leib rücken lässt, dass es von uns isoliert wird. Gleichzeitig fungiert dieses Menschen-Terrarium, wo sich die Figuren eng aneinander vorbeidrücken müssen, als Treibhaus der Gefühle. Aber erstaunlich ist eben, wie im Kontrast dazu alle Schauspieler hier ganz verhalten, gefasst agieren, sodass sie manchmal fast als verhuschte Gespenster erscheinen – und wie sie dabei doch vor innerer Gespanntheit geradezu vibrieren, allen voran der beeindruckende Thomas Schmauser in der Titelrolle. Ein großer Abend, für den der Applaus ruhig noch heftiger hätte ausfallen dürfen.

Nächste Vorstellungen

am 27. Februar sowie am 2., 5. und 25. März; Telefon 089/ 21 85 19 40.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare