DIMITRIJ SCHAAD INSZENIERTE FOLGEN EINER „EINGEBILDETEN REVOLUTION“

Voller Nöte

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Alles rosa? Giulia Goldammer in Dimitrij Schaads neuer Inszenierung im Akademietheater. Foto: Jean-Marc Turmes

von malve gradinger „Die unvorstellbaren Folgen einer eingebildeten Revolution“ – rätseln wir nicht lange über den Gesellschaftspolitisches andeutenden Titel.

Die eigentliche Revolution liegt in der theatralen Form, die jetzt auf der Bühne der Bayerischen Theaterakademie August Everding schrill-intensiv aufflackerte: Regisseur Dimitrij Schaad, 2009 selbst Absolvent, entwickelte zum zweiten Mal ein Stück ohne Vorlage: zusammen mit seinem als Filmregisseur erfolgreichen Bruder Alex und dem Bachelor-/Master-Studiengang der Hochschule für Musik und Theater.

Ein Familienpatriarch liegt im Sterben. Der Prototyp des „weißen, rassistischen, sexistischen, kapitalistischen Systems“. Seine Kinder und Anhang versammeln sich: ein Standardszenario, in dem diesmal keine Erbstreitereien ausgefochten werden. Hier bringen die zehn jungen Mitwirkenden all das vor, was sie an eigenen Erfahrungen, Bedürfnissen, Selbstzweifeln und Ängsten zusammengetragen haben. Spiegeln sozusagen in ihren Zukunftsfragen und ihrem Protest das immaterielle (Negativ-)Erbe der aktuellen jungen Generation.

Sie spielen das direkt aus dem Bauch heraus – es ist ja ihr eigener Stoff –, werden frei für ihr authentisches Selbst. Die große Pina Bausch hat diese Spielart ab Ende der Sechzigerjahre initiiert: Ihr Tanztheater entstand mit dem Gefühls-, Gedanken- und Erinnerungsmaterial ihrer Tänzer – und die waren, gefordert durch die Mitverantwortung, allesamt starke Bühnenpersönlichkeiten. Fast ähnlich wie bei Bausch bleibt das Stück hier offen, gehen die Szenen assoziativ ineinander über: der Ehestreit, der Agressionsanfall, die Selbstentblößung, die humorvoll schlüpfrig gebrachten Sexnöte mit „Seemannsbraut“. Für den älteren Zuschauer, der die Schmerzen des Jungseins hinter sich gelassen hat, mag’s manchmal ein wenig zu pathetisch werden. Aber nachvollziehen kann er es schon.

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 27., 28., 30. und 31. Januar; Telefon 089/ 21 85 19 70.

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