DAS ERSTE VERSENDET AXEL RANISCHS KURZWEILIGE KOMÖDIE „FAMILIE LOTZMANN AUF DEN BARRIKADEN“ IM NACHTPROGRAMM

Vogelwild

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Annemaries Liebling: Frau Lotzmann (Gisela Schneeberger) im Zwiegespräch mit ihrem Wellensittich. Weder sie, noch der Vogel, noch Herr Lotzmann (Jörg Gudzuhn) ahnen zu diesem Zeitpunkt, welches Missgeschick mit dem Staubsauger die Ehe der Lotzmanns auf eine harte Probe stellen wird. ARD

Von Tilmann P. Gangloff.

Mitunter sind die Entscheidungen der ARD-Programmplanung nicht nachvollziehbar. Beispielsweise jene, die kurzweilige Komödie „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ an einem Dienstag um 22.45 Uhr zu zeigen. Dieser Sendeplatz, der gerne auch für Dokumentarfilme genutzt wird, ist ein regelrechtes Abstellgleis für Filme, die die Fernsehfilmkoordination der ARD nicht um 20.15 Uhr ausstrahlen möchte, weil sie mutmaßlich nur Minderheiten erreichen. Bei dieser Produktion von Regisseur Axel Ranisch sind solche Bedenken jedoch völlig unangebracht. Der Film ist im Auftrag der im Wesentlichen für die Freitagsfilme zuständigen ARD-Tochter Degeto entstanden, und dort, auf den Freitag, gehört er auch hin.

Nach einem Drehbuch von Sönke Andresen erzählt der für Improvisationsarbeiten wie „Ich fühl mich Disco“ oder „Alki Alki“ vielfach ausgezeichnete Ranisch – er inszenierte jüngst auch Joseph Haydns „Orlando Paladino“ für die Münchner Opernfestspiele – von einem chaotischen Tag im Leben der kleinbürgerlichen Titelfamilie. Andresen hat für Ranisch auch die Vorlagen für zwei improvisierte „Tatort“-Episoden aus Ludwigshafen geliefert. „Babbeldasch“ erwies sich jedoch als völlig missglücktes Laienspiel mit miserabler Quote, und auch „Waldlust“ war zum Fremdschämen. Womöglich waren es diese Erfahrungen, die die ARD bewogen haben, „Familie Lotzmann“ in die Nacht zu verschieben, schließlich sind Improvisationen nicht jedermanns Sache – das gilt für Schauspieler wie Zuschauer gleichermaßen.

Die Komödie unterscheidet sich stilistisch allerdings nicht von anderen Fernsehfilmen, und falls die Mitwirkenden auch hier ohne vorgegebene Dialoge auskommen mussten, so ist ihnen das zumindest nicht anzumerken. Abgesehen davon orientiert sich Andresen geradezu vorbildlich am klassischen Komödienmotto „Kleine Ursache, große Wirkung“. Annemarie Lotzmann (Gisela Schneeberger) ist sauer, weil Ehemann Hubert (Jörg Gudzuhn) die Rettung des von der Schließung bedrohten Hallenbads wichtiger ist als ihr 70. Geburtstag, den er schlicht vergessen hat. Der Fauxpas ist wie das Steinchen, das am Ende eine Gerölllawine auslöst, denn es folgt Missgeschick auf Missgeschick.

Erstes Opfer ist der Wellensittich namens Herr Neumann. Die erzürnte Annemarie drückt ihrem Hubert den Staubsauger in die Hand, weil sie Gäste erwartet. Da Hubert auch den Käfig reinigen soll, kommt ihm der Staubsauger gerade recht. Die Begegnung von Vogel und Gerät aber tut beiden nicht gut, und auch Huberts Lebensglück droht zu zerbrechen, denn Annemarie, die vom Schicksal des Sittichs noch nichts ahnt, verknüpft den Fortbestand der Ehe an die Reparatur des Staubsaugers bis zum selben Abend um 18 Uhr. Für den braven Hubert beginnt nun das größte Abenteuer seines Lebens, während daheim Annemarie und ihre beiden älteren Schwestern Ingeborg und Margot (Sigrid Sengül, Grudrun Ritter) alte Rechnungen begleichen.

Schon allein die Verkettung unglücklicher Umstände macht diese Komödie zu einem großen Vergnügen, zumal sämtliche Mitwirkenden – unter ihnen Eva Löbau als kapitalismuskritische Tochter Bille Lotzmann – mit großer Spielfreude dabei sind. Dank der ausnahmslos vorzüglichen Schauspieler werden aus den zunächst klischeehaft anmutenden Charakteren authentische Menschen, die auch in der Nachbarschaft wohnen könnten. Schöne Nebenrollen haben die barocke, sangesfreudige Sigrid Sengül als Ingeborg und Ercan Durmaz als Achmed. Huberts Freund ist Bademeister und Mitstreiter in der Bürgerinitiative. Der Eierlikör, den Ingeborg dem Abstinenzler einflößt, bricht seinen Widerstand gegen ihre Annäherungsversuche...

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