Viele Leichtgewichte

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Zu Gast in Berlin: Das NSU-Stück „Urteile“ des Residenztheaters. Foto: Thomas Dashuber

Die Berliner Autorentheatertage wollen sehr politisch sein. VON SABINE DULTZ.

Nach dem großen Berliner Theatertreffen-Festival im Mai jetzt die etwas kleinere Ausgabe der Autorentheatertage: Beziehungsdramen oder Politik? Alltagsszenarien karriere-gestresster Frauen und ähnlich geplagter Männer? Oder aktuelle Themen wie der NSU-Skandal und die Tragödie der Flüchtlinge? Da sich die Theater und ihre Autoren gerne politisch bekennen, greifen sie zu, wenn es um die offenkundigen, politisch motivierten menschlichen Dramen geht. So überwiegen auch bei den 15 ans Deutsche Theater eingeladenen Gastspielen die Themen mit hochaktueller gesellschaftlicher Brisanz (bis 27. Juni).

Ob das Burgtheater Wien oder aus München das Residenztheater und die Kammerspiele, ob Aufführungen aus Köln, Münster oder Dresden in Berlin gezeigt werden: Um die großen Themen wie Menschenwürde, Verantwortung und Versagen von Parteien, Verbänden und Mitmenschen kommen die Autoren nicht herum, wenn auch ihre in Texten manifestierte Empörung wohlfeil zu haben ist. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht und führt selten zur Kunst. Das wird selbst bei den Gastspielen mit den inszenierten Textflächen der Elfriede Jelinek deutlich. So wurde denn auch „Das schweigende Mädchen“, mit dem die Münchner Kammerspiele in Berlin vertreten waren, vom Berliner Publikum nur mit magerem Höflichkeitsbeifall bedacht.

Wo es sich die Nobelpreisträgerin mit einem routinierten Griff in die Bibelkiste und dem ihr eigenen versiert-gewitzten Wortgeklingel allzu leicht macht, um ihrer Bearbeitung des NSU-Stoffes den Anschein weltliterarischen Anspruchs zu geben, geht der junge Autor Thomas Freyer den ganz und gar ehrlichen Weg, sich mit dem Thema Beate Zschäpe & Co. auseinanderzusetzen. „Mein deutsches deutsches Land“ heißt sein vom Dresdner Staatsschauspiel aufgeführtes Stück. Geschickt mischt er darin Fiktion und Wirklichkeit zu einem spannenden, mitunter krimiähnlichen Konglomerat.

Mit Ausnahme der 68-jährigen Jelinek, von der noch das Flüchtlings-Chorwerk „Die Schutzbefohlenen“ in Berlin zu sehen war, und zwar in der fabelhaften Burgtheater-Inszenierung Michael Thalheimers, gehören die Stückeschreiber ausnahmslos der jungen Generation an. Ein Höhepunkt stellt sicherlich Christiane Umpfenbachs und Azar Mortazavis „Urteile“ vom Residenztheater München dar. An dieser sehr gelungenen Produktion zeigt sich, dass dem NSU-Thema am wirkungsvollsten auf dokumentarische Weise beizukommen ist. Kaum enden wollender Beifall für diese intelligente, von Empathie getragene und ästhetisch stimmige Arbeit.

Dagegen geraten jene Stücke, die sich den Alltagsgeschichten widmen, ins Abseits. Wenngleich es auch hier schöne Beispiele gibt, etwa das skurril absurde Burgtheater-„Dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz oder das einige Viertelstunden zu lang geratene „Phosphoros“ von Nis-Momme Stockmann, mit dem das Residenztheater zeigen konnte, was für ein treffliches Schauspieler-Ensemble ihm zur Verfügung steht. Am Ende mögen sich die Veranstalter wohl gerne auf die Schulter klopfen: So politisch waren die Theatertage bislang nie, noch dazu gekrönt durch vier in Wien, Zürich und dem Deutschen Theater selbst bestellte Uraufführungen von Ferdinand Schmalz, Sascha Hargesheimer, Jan Friedrich und Nolte Decar. Doch letztlich handelt es sich bei den meisten Produktionen um dramatische Leichtgewichte. Aber vielleicht wird einer dieser Autoren mal ein Schwergewicht. Darum muss er schon jetzt aufgeführt werden.

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