GEORGE PROCHNIK ORDNET IN SEINEM BUCH ÜBER STEFAN ZWEIGS EXIL DESSEN SUIZID NEU EIN

Der verzweifelte Europäer

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Stefan Zweig und seine zweite Frau Charlotte, die ihn ins Exil begleitete und heute vor 75 Jahren mit ihm starb. Foto: dpa

Von Ulrike Frick. Der Österreicher Stefan Zweig, der am 28. November 1881 in Wien geboren wurde, zählte von den Zwanzigerjahren bis zur NS-Zeit zu den populärsten deutschsprachigen Schriftstellern.

Im Sommer 1941 emigriert Zweig nach Brasilien, das er als „Land der Zukunft“ preist. Doch schon ein halbes Jahr später, am 23. Februar 1942, begeht er im tropischen Pétropolis Suizid. Für die Zukunft hatte er, der jeden Tag mehr in der „Welt von Gestern“ lebte, keine Kraft mehr.

Der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller George Prochnik recherchierte eigentlich zu einem Brasilien-Projekt, als ihm erstmals Texte von Stefan Zweig in die Hände kamen. Er war fasziniert von der Substanz hinter dem scheinbar leichten Plauderton. Zudem erkannte Prochnik eine familiäre Parallele, schließlich musste sein eigener Vater als Jude genau wie Zweig vor den Nationalsozialisten aus Wien fliehen.

So geht es ihm in seiner Biografie über Stefan Zweig auch nicht um eine Neubewertung von dessen Werk, sondern um ein Nachspüren des Schriftstellerlebens im Exil. Er deutet nicht neu, sondern fügt ein sehr farbenfroh ausgestaltetes Mosaik zusammen über Zweigs allgemeine Rastlosigkeit, die Odyssee mit seiner zweiten Frau Charlotte durch vieler Herren Länder und über seine Zeit in Brasilien, seine Schaffensphasen und -krisen.

Neu erörtert Prochnik aber den Selbstmord Stefan Zweigs und seinen langen, von zunehmender Entfremdung geprägten Weg dorthin. Der Künstler fühlte sich als Europäer – und dementsprechend aller Wurzeln beraubt, als er nach Aufenthalten in England und den USA in Brasilien ankam. Seine Verbundenheit mit dem kulturellen Europa vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitet George Prochnik sehr griffig heraus. Und zugleich ganz allgemein die – erschreckend aktuellen – Unannehmlichkeiten jeder Art von Flucht, Exil und „Vaterlandslosigkeit“.

„Das unmögliche Exil“ ist keine klassische Künstlerbiografie – davon gibt es schließlich schon genügend. Prochniks Buch ist eher ein facettenreiches, schillerndes Stimmungsbild eines komplizierten Charakters in einer komplizierten Zeit.

George Prochnik:

„Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt“. C. H. Beck Verlag, München, 397 S.; 29,95 Euro.

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