„AFTER THE FACT – PROPAGANDA IM 21. JAHRHUNDERT“ IM MÜNCHNER KUNSTBAU GREIFT EIN HEIßES THEMA AUF

Verwirrung hilft

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Ausstellung . Von Simone Dattenberger.

„After the Fact“ heißt im Obertitel die neue Ausstellung im Münchner Lenbachhaus-Kunstbau. Sofort haben wir ihn und sie im Hinterkopf. Zum Glück kommen sowohl Donald Trump als auch die AfD nur minimal in der Schau vor, die Kuratorin Stephanie Weber der „Propaganda im 21. Jahrhundert“ gewidmet hat. Das Projekt reihe sich damit in die Tradition des Hauses ein, erklärt Museumschef Matthias Mühling. Man greife immer wieder soziopolitisch virulente Themen auf. Allerdings ist „After the Fact“ nicht so gut gelungen wie „Playtime“ über die Arbeit. Vielleicht weil Propaganda, Werbung, PR, Beschönigung, Lüge, Lebensflucht nicht gerade viele Sympathieträger hervorbringt.

Aber da im Kunstbau am Königsplatz eben Künstler am Werk sind, ist man als Besucher auf der sicheren, also durchaus unterhaltsamen Seite. Angemessen frech wird Verwirrung gestiftet, der Weber weder Herr werden wollte und auch nicht konnte. So stolpern wir Betrachter durch Kapitel wie „Das Regime der Freiheit“, „Geschlechterklischees“ oder „Eine andere Gegenwart“, die keine Hilfe sind. Man wolle sich im Lenbachhaus nicht wissender geben als die Besucher, so Mühling. Allerdings wäre ein beruhigteres Aufzeigen von Stereotypenbildung und -ausnutzung besser gewesen. Und sicher ist es nicht verkehrt, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen beides wahrscheinlich seit Beginn ihres Auftauchens in der Prähistorie betreiben. Die Konstruktion von festen „Images“ ist eine bewährte Strategie der Realitätsbewältigung und -formung. Sie können hilfreich oder missbräuchlich verwendet werden.

Stephanie Weber erklärt, Geschichte nicht illustrieren zu wollen: „Die Werke haben den Ton angegeben.“ Dennoch ist die historische Ebene zwingend die Basis, wenn es um „Propaganda im 21. Jahrhundert“ geht. Daher markieren zwei Werkgruppen beim Hallen-Entree den Beginn und den aktuellen Punkt unserer Zeit. Hans-Peter Feldmann hat 151 Zeitungstitelblätter vom 12. September 2001 weltweit gesammelt und gerahmt. Die von Flugzeugen durchbohrten Türme in New York wurden zu dem Bild einer einschneidenden Wende – und werden es im kollektiven Gedächtnis bleiben. Vielleicht so wie bei den alten Kulturen das Sinnbild der Sintflut. Julian Röder nutzt ebenfalls das Medium der verfremdeten Dokumentation. Seine Fotos tauchen die schnöde Grenzüberwachung, ob durch Frontexsoldaten oder Satelliten in eine seltsame Aura von Einsamkeit.

Zu solch offenen, kaum oder gar nicht wertenden Arbeiten gesellen sich die offensiv politischen. Carlos Motta zeigt in vielen Interviews die Stimmungslage der Lateinamerikaner zwischen 2002 und 2008. Ihre Beiträge zum „Guten Leben“ laufen auf Bildschirmen, die – sehr schöne Idee – in einem kleinen Diskussionsforum „sitzen“; wir können dazukommen und gedanklich mitreden. Im Hinblick auf Trumps Verachtung dieser Amerikaner und der wachsenden Demokratie-Verachtung ist das ein sehr bewegendes Kunstwerk. Ebenso spürt man bei Khalil Rabahs Steinplatte von 2003 einen tiefen Schmerz. Auf ihr ist lakonisch „The Palestinian Museum of Natural History and Humankind“ graviert.

Alle Künstler schubsen die grauen Zellen an, bieten indes keine Rezepte. Und wenn, dann nur ironisch. Coco Fuscos „Leitfaden für eine Vernehmungsbeamtin“ zieht zum Beispiel mit schlichten Gebrauchsanweisungsbildchen die Konsequenz aus der Folter in Abu Ghraib. Damit ist der Besucher von „After the Fact“ bei dem Schlagwort vom „Krieg gegen den Terror“ sowie den mehr oder weniger geschickten Lügen der Gegner auf allen Seiten. Magisch ausgeleuchtete Informationskammern zwischen den Ausstellungskapiteln – der Kunstbau war noch nie so strikt unterteilt – füttern uns mit Tatsachen über Lügen, die als Tatsachen daherkommen. Da gibt es die gefälschte Dokumentation des Militärs genauso wie antikommunistische Szenen bei den „Simpsons“-Filmchen, die man heute  schmunzelnd  zur Kenntnis nimmt. Es gibt die Junkfood-Werbung, die Fraß als Freiheit verkauft, oder die AfD-Aussage, dass heutzutage Frauen nicht mehr am Herd stehen – mit Fünfzigerjahre-Illustration. Irgendwann weiß der Betrachter dann nicht mehr, was echt und was Satire ist.

Verwirrung also von A bis Z, von Nord bis Süd. Während der Kameruner Samuel Fosso den Kitsch des Sozialistischen Realismus in seiner herrlichen Fotoserie „Der Kaiser von Afrika“ durch den Kakao zieht, macht das Marge Monko aus Estland mit unternehmerfreundlichem Geschwafel. Was sechs Herren verzapfen, wiederholen sechs Frauen erst, um es dann herunterzubrechen in ihre Lebenswirklichkeit. Die bleibt verwirrend, sagt die Kunst. Aber mit ihr stolpert es sich leichter durchs Dickicht, sagt diese Ausstellung.

Bis 17. September

Di. 10-20, Mi.-So. 10-18 Uhr; Telefon: 089/ 23 33 20 00; Begleitprogramm: lenbachhaus.de; Buch: 28 Euro.

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