Aus der Urkraft

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„Rudo“/„Rau“ nennt Manolo Alcántara sein Stück. David Molina

Mit Alcántaras Artistik-Drama „Rudo“ hat das Tollwood eine kleine Artistik-Revolution. Von Malve Gradinger.

Man kann’s kaum glauben. Noch etwas anderes geht doch gar nicht. Aber jetzt erlebt man auf Münchens Tollwood (Olympiagelände, bis 19. 7.), dass der in den Achtzigerjahren von Franzosen und Franco-Kanadiern initiierte Nouveau Cirque nochmals ganz neue Formen erschafft – an vorderster Front die Katalanen: Manolo Alcántaras Stück trifft auf eigenwillig-großartige Weise, was der Titel „Rudo“ andeutet. Denn Alcántaras riskantes Körperspiel ist „rau“, ist schlichtweg die Radikalverweigerung von zirzensischer Eleganz.

Der Hochgewachsene in aus erdfarbenen Fetzen zusammengenähten Arbeitshosen berserkt in hölzerner Gangart durch sein mitgebrachtes Armeleuts-Zelt wie ein mittelalterlicher Waffenschmied. Auf Nacken, Rücken und Armen lässt er eine Eisenstange rotieren, sodass sie uns fast die Nasenspitze rasiert. Er schleppt, schiebt und hievt selbstgezimmerte schwere Kisten, lässt sie krachend und gefährlich nahe an den Zuschauerfüßen fallen. Unwirsch verscheucht er seine rußverschmierten Gehilfinnen Laia Rius und Maria Bou, die an Geige und Cello zart oder wild durchgehend konzertieren. Ein frappierender, aber genau passender Kontrast zu seiner mit lauten Stöhnlauten kundgetanen Power-Leistung.

Einmal fertig mit seinen Kisten-Türmen, balanciert er auf der waagerecht oder riskant schräg darüber gelegten Stange: in allen Variationen, auch liegend oder, verrückt verkomplizierend, indem er das Spielbein von hinten um das Standbein wickelnd die Vorwärtsbewegung bewerkstelligt. „Rudo“ ist eine kleine Revolution gegen das gängig Schöne, verweist im scheinbar ungehobelten Agieren auf eine Urkraft menschlicher Schaffensfreude. Aber natürlich verbirgt sich in diesem Wüterich ein sensibler Künstler: mit einer handgeführten Marionette, Mini-Abbild seiner selbst, balanciert er behutsam über seine Stange, baut am Ende mit Kisten und Keilen einen soliden romanischen Rundbogen. Und verabschiedet sich verschmitzt mit: „Ich hoffe, Sie haben ein bisschen Angst gehabt.“

Aufführungen

am 29./30. 6., 19 Uhr; 27. 6., 18, 21.30 Uhr; 28. 6., 17, 20.30 Uhr; 089/ 54 81 81 81.

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